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Loveparade-Manager gesteht Fehler ein : „Hätte dringlicher auf Probleme hinweisen müssen“

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Noch immer ist nicht geklärt, wer für die Katastrophe verantwortlich war Bild: AFP

Der „Crowd-Manager“ der Loveparade hat öffentlich eingestanden, im Vorfeld nicht genügend auf Planungsfehler hingewiesen zu haben. Nach einem Medienbericht soll Oberbürgermeister Sauerland zudem detailliert über die Probleme bei der Vorbereitung der Veranstaltung informiert gewesen sein.

          Zwei Wochen nach dem Unglück bei der Loveparade in Duisburg hat erstmals ein Verantwortlicher Fehler öffentlich eingestanden. Der Psychologe Carsten Walter, der bei der Veranstaltung als sogenannter Crowd-Manager für die Regulierung der Besucherströme zuständig war, sagte dem „Spiegel“: „Ich hätte dringlicher auf die Probleme hinweisen müssen.“ Derweil wurden weitere Vorwürfe gegen die Stadt und die Veranstalter bekannt.

          Manager Walter sagte dem Hamburger Nachrichtenmagazin, schon Stunden bevor die Opfer von den Menschenmassen erdrückt worden seien, habe er das Gefühl gehabt, dass bei der Veranstaltung etwas schief laufe. Er habe aber nicht die Entscheidungskompetenz gehabt, das Gelände abzuriegeln. Der Psychologe erhob zugleich schwere Vorwürfe gegen die Polizei. So hätten er und ein Beamter „geschätzte 45 Minuten“ benötigt, um die Polizeiführung zu erreichen. Der Polizist habe „definitiv“ kein Funkgerät gehabt, und das Handynetz sei überlastet gewesen. In dem Interview berichtete der Psychologe auch davon, wie er im Gedränge selbst Todesangst erlebt habe.

          Wie der „Spiegel“ weiter schreibt, soll der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland auch über das Planungschaos vor der Loveparade informiert gewesen sein. Dies gehe aus den vertraulichen Anhängen zu einem 32-seitigen Zwischenbericht über die Katastrophe vom 24. Juli mit insgesamt 21 Toten hervor. So habe die Untere Bauaufsicht der Stadt am 14. Juni einen Brandbrief an den Veranstalter geschrieben. Darin hieß es laut „Spiegel“, bislang gebe es weder einen Lageplan des Geländes noch ein zielorientiertes Brandschutzkonzept oder eine Endfassung des Sicherheitskonzepts. Eine Kopie des Schreibens sei laut Vermerk („Büro OB z. Kts.“) auch an Sauerland gegangen.

          Im Kreuzfeuer der Kritik: Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU)

          In der Duisburger Stadtspitze herrscht derweil weiterhin Streit über die Verantwortung für die Katastrophe. Baudezernent Jürgen Dressler erhob in einem internen Brief an seine Mitarbeiter Vorwürfe gegen Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU). In dem Brief, über den am Samstag die Zeitung „Rheinische Post“ berichtete, schreibt Dressler demnach, es fehle der Verwaltung an einer geordneten Führung. Außerdem sei „eine klare Strategie zur Behebung der Krise nach dem Unglück nicht erkennbar“. Oberbürgermeister Sauerland bestritt dies. In einer Mitteilung der Stadt Duisburg schrieben er, der Stadtdirektor und drei Beigeordnete, dass die Arbeit der Verwaltungsvorstandskonferenz reibungslos verlaufe. „Leider hat der Beigeordnete Dressler an den letzten Vorstandssitzungen nicht regelmäßig teilgenommen.“

          Vorwürfe gegen das Land

          Das Münchner Nachrichtenmagazin „Focus“ wiederum berichtete über Druck der Landesregierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) auf die Stadt zur Genehmigung der Loveparade. Das Blatt beruft sich auf ein Besprechungsprotokoll zum ersten Planer-Treffen für die Techno-Party am 2. Oktober 2009. Demnach betonte der städtische Ordnungsdezernent Wolfgang Rabe, dass Rüttgers „in der Vergangenheit bereits eine Aussage getroffen habe, dass die Loveparade in Duisburg stattfinden sollte“. Eine Absage könne daher „lediglich aus gravierenden Sicherheitsbedenken erfolgen“.

          Anfang März 2010 hielt das Ordnungsamt dem Bericht zufolge „die Durchführung der Veranstaltung“ auf dem alten Güterbahnhof dennoch „nicht für möglich“, konnte sich aber nicht durchsetzen. Sorgen habe den kommunalen Verantwortlichen das Fluchtkonzept über die schmalen Tunnel bereitet, die auf das Festgelände führten. Die Pläne der Veranstalter verstießen gegen die Verordnung für den Betrieb von Sonderbauten, habe die Stadt noch am 20. Juni moniert. Den entscheidenden Tipp, wie man die gesetzliche Hürde austricksen könne, habe den Veranstaltern laut Gesprächsnotiz ein Ministerialrat aus dem nordrhein-westfälischen Bauministerium geliefert.

          Zudem habe kurz vor Beginn der Loveparade Veranstalter Rainer Schaller den Druck auf das Duisburger Rathaus erhöht. Das Bauamt habe am 14. Juli wichtige Unterlagen eingefordert, darunter ein Sicherheitskonzept. Fünf Tage später habe sich eine Anwaltskanzlei im Auftrag von Schallers Firma Lopavent gemeldet und auf Erteilung der „Sondernutzungserlaubnis“ gedrungen. Dabei hätten die Juristen vor einer Absage des Mega-Events und „immensen“ Schäden für Veranstalter und die Stadt Duisburg gewarnt. Am 21. Juli habe die Stadt dann die Loveparade genehmigt.

          Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller hat unterdessen bei einem Unfall nahe Berg im bayerischen Landkreis Hof einen Sportwagen zu Schrott gefahren. Der 41-Jährige saß alleine in dem weißen Lamborghini. Er wurde nicht verletzt. „Er war zu schnell unterwegs bei Regen“, sagte ein Polizeisprecher in Bayreuth. Der Schaden an seinem Wagen wurde auf 100.000 Euro geschätzt.

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