https://www.faz.net/-gum-6k0g3

Loveparade in Duisburg : Tod im Tunnel

  • -Aktualisiert am

Ein Aufkleber auf dem Boden des Tunnels in Duisburg Bild:

Um die Verantwortung wird noch gestritten, doch sicher ist: Bedenken, die Loveparade in Duisburg abzuhalten, hat es früh gegeben. Die arme Stadt wollte mit der Loveparade klotzen. Tricksen war normal, alles für die gute Sache. Wer dagegen war, hielt am Ende den Mund.

          Sie sollte besinnlich sein, die Feier, zu der sich am Samstag die höchsten Repräsentanten der Republik in der Salvatorkirche eingefunden hatten: der Bundespräsident, die Bundeskanzlerin, der Bundestagspräsident. Und das war sie auch. Und doch ging es auch in dieser Stunde um das Warum: „Wie konnte dies geschehen? Wer trägt Schuld und wer ist verantwortlich? Diese Fragen werden und müssen eine Antwort finden“, sagte Hannelore Kraft mit bebender Stimme, die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen (SPD), deren Sohn auf der Loveparade gewesen war.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Schon Tage zuvor war die Trauer in der Stadt in Zorn umgeschlagen – und Scham. „Ich schäme mich eine Duisburgerin zu sein. Wenn die Stadt nicht immer nur an Geld gedacht hätte, könnten noch viele leben“, hat eine Frau auf einen Zettel geschrieben, der im Tunnel an der Karl-Lehr-Straße hing. Der oberste Sündenbock gilt längst als ausgemacht: Oberbürgermeister Adolf Sauerland, 55 Jahre alt, Berufsschullehrer, CDU-Mann. Schon die Pressekonferenz vor einer Woche hatte die Leute verbittert – Sauerland gab sie zusammen mit dem Veranstalter der Loveparade, Rainer Schaller, dem Chef des Krisenstabs Wolfgang Rabe und dem stellvertretenden Polizeichef Detlef von Schmeling. Kein Wort der Entschuldigung fanden sie, keiner übernahm Verantwortung – bis heute hat sich daran nichts geändert. „Widerlich!“, hat einer über ein Foto der Herren von der Pressekonferenz geschrieben, das im Tunnel hängt. Eine Mutter schreibt, sie hoffe, dass diese Männer nie wieder glücklich würden. Und: „Eure Zeit läuft ab. Den Strick zum Hängen habt ihr euch selbst geknüpft.“

          Vogelstrauß-Taktik von Sauerland und Schaller

          Auch wenn die Staatsanwaltschaft „gegen unbekannt“ ermittelt: Kein Wunder, dass Adolf Sauerland, ein kleiner Mann mit Kinnbart und Brille, der sich gern als einer aus dem Volk gab, abgetaucht ist. Auch am Samstag kam er nicht zur Feierstunde in die Salvatorkirche, aus Rücksicht auf die Gefühle der Trauernden, wie es hieß. Allerdings hatte er angekündigt, sich bald darauf über seine berufliche Zukunft äußern zu wollen. Rücktritt? Noch am Freitag wollte er davon nichts wissen: „Das können Sie in die Tonne kloppen“, soll er gesagt haben. Dabei war der Druck seit Tagen größer geworden: Vor dem Rathaus hatten 250 Demonstranten laut skandiert: „Sauerland raus!“ – und beim Anblick der Leute musste man sich nicht mehr wundern über die zahlreichen Morddrohungen, die der CDU-Politiker erhalten haben soll, und über Polizeischutz, der für ihn nun nötig ist. Sogar aus der Union wird er inzwischen aufgefordert zurückzutreten. „Je schneller, um so besser“, sagt der Innenpolitiker Hans-Peter Uhl (CSU).

          Kein Wort der Entschuldigung von Sauerland

          Doch Sauerland, der erst am Abend vor der Loveparade aus dem Urlaub zurückgekehrt war, schien beharrlich zu bleiben. Es wurde spekuliert, er habe finanzielle Gründe: Bei einem freiwilligen Rücktritt müsste er sich entscheiden, entweder auf seine alte Lehrerstelle zurückzukehren oder seine Arbeit im öffentlichen Dienst zu quittieren – und möglicherweise sämtliche Pensionsansprüche zu verlieren. Ein Ausweg allerdings kam in Sicht: Linkspartei und FDP im Duisburger Stadtrat kündigten an, Sauerland abzuwählen. So wäre seine Altersversorgung gesichert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Straßenschild mit der Aufschrift „Willkommen in Nordirland“ steht am Straßenrand an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland.

          Brexit-Streit : Auf gar keinen Fall Kontrollen

          Boris Johnson und die EU sind sich zumindest in einem Punkt einig: Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland dürfen nicht sein. Doch wie soll das ohne Backstop-Klausel gehen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.