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Loveparade endet in Tragödie : „Das war programmiertes Chaos“

  • Aktualisiert am

Raver überrennen die Absperrungen neben dem Tunnel Bild: dpa

Auf der Loveparade in Duisburg sind bei einer Massenpanik in einem Tunnel 19 Menschen gestorben, 342 wurden zum Teil schwer verletzt. Rettungskräfte hatten Mühe, den Eingeschlossenen zu helfen. In dem Tunnel spielten sich dramatische Szenen ab.

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          Die Massenpanik bei der Loveparade am Samstag in Duisburg hat mindestens 19 Menschen das Leben gekostet. Außerdem seien 342 Verletzte gemeldet worden - wie schwer ihre Verletzungen waren, blieb zunächst unklar.

          Hunderttausende hatten sich am Samstagmittag auf den Weg zum alten Duisburger Güterbahnhof gemacht. Sie wurden aus zwei Richtung dorthin geleitet, die Menschenmassen trafen aufeinander, wo ein gepflasterter Weg zum Güterbahnhof hinaufführt. Nach Zeugenaussagen entstand dort eine unerträgliche Enge. Daraufhin hätten Besucher versucht, über eine gesperrte schmale Nottreppe zum Gelände hochzusteigen, andere seien über ein leiterartiges Lautsprechergerüst geklettert. Einige stürzten dabei ab und lösten in der Menge darunter die Panik aus.

          Vor der Panik gab es Warnungen

          Mehr als eine halbe Stunde vor der Massenpanik hatten Augenzeugen nach eigenen Angaben die Polizei vor der Gefahr gewarnt. „Meine Freundin und ich haben schon kaum mehr Luft mehr bekommen und haben die Ellbogen ausgefahren, um noch wegzukommen“, sagte der 21-jährige Raver Fabio der Nachrichtenagentur dpa. „Anschließend haben wir die Polizei alarmiert und gesagt, dass es im Tunnel gleich zur Massenpanik kommen wird.“ Passiert sei aber erst einmal nichts. Auch ein anderer Augenzeuge kritisierte, die Veranstalter seien vermutlich nicht richtig auf die Menschenmassen vorbereitet gewesen. „Das war programmiertes Chaos.“ Das Gelände sei wegen Überfüllung abgesperrt gewesen, und von hinten hätten durch den Tunnel die Massen gedrückt, sagte er: „Der Tunnel ließ keine Fluchträume zu.“

          In dem Tunnel spielten sich dramatische Szenen ab. „Überall lagen Menschen auf dem Boden herum. So stelle ich mir Krieg vor“, sagte ein Augenzeuge. Eine Raverin sagte, im Tunnelbereich habe es „einfach gar keine Ausweichmöglichkeit“ gegeben.

          Großeinsatz der Retter

          Auf dem Platz hatten die meisten Besucher lange überhaupt nicht mitbekommen, was sich am Unterführungstunnel ereignet hat. Als sich später das Unglück herumsprach, setzte kurzfristig ein Run auf den Hauptbahnhof ein. Doch versuchte die Bundespolizei, den Ansturm in den Griff zu bekommen. Dann aber musste auch der Hauptbahnhof wegen Überfüllung gesperrt werden. Auch die Straßen rund um die Station
          waren überfüllt. Erst nach Anbruch der Dunkelheit entspannte sich die Lage allmählich.

          Feuerwehren und andere Rettungsdienste auch aus dem weiteren Umland starteten einen Großeinsatz. Die am Partygelände vorbeiführende Autobahn 59, die aus Sicherheitsgründen ohnehin gesperrt war, wurde zum Anlaufpunkt für Rettungsfahrzeuge und Hubschrauber. In den Tunnels, in denen sich die Katastrophe abspielte, fuhren noch Stunden später Notarztwagen mit Blaulicht. Leichtverletzte Loveparade-Besucher wurden mit Bussen in Kliniken gefahren.

          Bis nach Mitternacht verließen Leichenwagen den Unglücksort. Die Polizei hatte das Gelände mit Zäunen und Sichtblenden weiträumig abgesperrt. In der Nacht kamen erste Trauernde zu dem Tunnel, um ihr Mitgefühl mit den Opfern zu bekunden. Einige zündeten Kerzen an.

          Die Techno-Party wurde nach dem Unglück fortgesetzt. Der städtische Krisenstab habe gewollt, „dass diese Veranstaltung in Ruhe ausklingt“ und keine Panik entstehe, begründete Ordnungsdezernet Rabe die Entscheidung. Laut Polizei wurde die Musik gegen 23.00 Uhr abgestellt.

          Beileid für die Angehörigen

          Bundespräsident Wulff reagierte mit großer Bestürzung auf die Tragödie: „Eine solche Katastrophe, die während eines friedlichen Festes fröhlicher junger Menschen aus vielen Ländern Tod, Leid und Schmerz verursacht, ist furchtbar“, sagte das Staatsoberhaupt. Er hoffe, dass den Angehörigen und allen Verletzten schnelle und wirksame Hilfe zuteil werde „und die Ursachen rückhaltlos aufgeklärt werden“.

          Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die nordrhein- westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) zeigten sich geschockt. Merkel sagte: „Zum Feiern waren die jungen Menschen gekommen, stattdessen gibt es Tote und Verletzte.“ Kraft sagte: „Unser Entsetzen über das schreckliche Unglück bei der Loveparade in Duisburg lässt uns verstummen.“ Auch Außenminister Guido Westerwelle und der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger äußerten sich tief betroffen.

          Die Geschäftsführung der „Ruhr 2010“ sprachen den Angehörigen ihr Beileid aus. „Wir sind schockiert. Was so fröhlich und friedlich begonnen hat, ist in einer Katastrophe geendet. Es macht uns zutiefst bestürzt, dass so viele junge Menschen ihr Leben verloren haben. Unser aufrichtiges Mitgefühl gilt den Angehörigen“, hieß es auf der offiziellen Webseite.

          Die Loveparade unter dem Motto „The Art Of Love“ gilt als eine der wichtigsten und größten Veranstaltungen zur „Ruhr.2010“ im Kulturhauptstadtjahr. Die Raver-Parade war 1989 in Berlin gegründet worden und ist 2007 in Ruhrgebiet gezogen. 2009 hatte die Stadt Bochum kein geeignetes Gelände gefunden. In Duisburg fand sie erstmals auf einem abgeschlossenem alten Bahngelände mit nur 15 Wagen, den sogenannten Floats, statt. Dabei musste lange um die Finanzierung gekämpft werden. Die hochverschuldete Stadt steht unter Haushaltsaufsicht und brauchte für ihre Ausgaben die Zustimmung des Landes. Im Sommer 2011 soll die Loveparade in Gelsenkirchen Station machen.




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