https://www.faz.net/-gum-6jzyu

Loveparade : Die Katastrophe von Duisburg

  • -Aktualisiert am

Kerzen im Tunnel am ehemaligen Güterbahnhof Bild: ddp

Die Loveparade wurde zur Todesfalle. Das ist keine „Tragödie“, wie man uns weismachen will. Alle waren vorgewarnt – Stadt, Polizei, Veranstalter und wissenschaftliche Berater. Entscheidungen für solche Großveranstaltungen müssen künftig viel genauer überprüft werden.

          2 Min.

          Was für ein Skandal! 19 junge Leute werden zu Tode gedrückt, totgetrampelt. Mehrere hundert Personen werden zum Teil schwer verletzt. Und die Verantwortlichen suchen sich schon mit der Floskel herauszureden, man werde „in den nächsten Wochen und Monaten gründlich prüfen müssen“, was zur Katastrophe bei der „Loveparade“ geführt habe. Das mag ja sein. Die Polizei hat die Akten schon beschlagnahmt, die Gerichte werden dereinst das schreckliche Geschehen von Duisburg aufklären und die Schuld in Einzelteile zerlegen.

          Doch schon jetzt darf man einige einfache Wahrheiten aussprechen. Zum Beispiel diese: Die Organisatoren der größten Massenveranstaltung in Deutschland waren überfordert. Die Verantwortlichen sind ihrer Großmannssucht erlegen. Auf Warnungen von Teilnehmern wurde nicht reagiert; Leben wurde fahrlässig aufs Spiel gesetzt.

          Denn was erwartet man denn von jungen Leuten, die zu einer solchen Mega-Veranstaltung kommen? Dass sie sich brav anstellen? Dass sie nicht alles versuchen würden, um auf das Gelände zu kommen? Dass sie niemals Zäune umwerfen würden, um schnell voranzukommen? Haben die Panikforscher nicht gesehen, wie die Leute bei den früheren „Liebesparaden“ in den Bäumen, auf den Ampeln, in den Straßenlaternen hingen? Und das war an der „Straße des 17. Juni“ in Berlin, wo man vom Großen Stern aus nach allen Seiten davonlaufen kann – und nicht an einem Tunnel und einer Zugangsrampe, die nur wenige Auswege ließen.

          Sogar die Auswirkungen einer Bombenexplosion im Tunnel hatten die Organisatoren zuvor in ihre Berechnungen einbezogen. War es dann so schwierig, als schlimmsten Fall übermütige Jugendliche ins Kalkül zu ziehen, die vom verbotenen Weg hinab in die Menge stürzen und eine Panik verursachen? Hätte nicht schon Ähnliches passieren können, wenn ein Gewitter niedergegangen wäre?

          Bochum hatte vor einem Jahr aus Sicherheitsgründen abgesagt

          Das ist keine „Tragödie“, wie man uns weismachen will. Hier ist niemand schuldlos schuldig geworden, eine schicksalhafte Verstrickung der Protagonisten sieht anders aus. Niemand ist blind in dieses Unglück gerannt. Die Katastrophe ist auch deshalb ein solcher Skandal, weil alle vorgewarnt waren – Stadt, Polizei, Veranstalter, wissenschaftliche Berater.

          Vor zehn Jahren kamen beim Musikfestival von Roskilde neun Menschen ums Leben, weil sie auf glitschigem Grund hinfielen und unter den Nachrückenden erstickten. Vor einem Jahr wurde in Bochum die „Loveparade“ mutig abgesagt, weil man die Infrastruktur der Stadt für nicht ausreichend hielt – welche Weitsicht! Vor zwei Jahren kamen in Dortmund sage und schreibe 1,6 Millionen Menschen zu der Feier. Das konnte doch für Duisburg nur bedeuten: Es kann Unvorhergesehenes passieren, die Infrastruktur könnte nicht ausreichen, es könnten Menschen in solcher Zahl anreisen. Genau so ist es gekommen.

          Die „Loveparade“, ein Kind der Freizeitgesellschaft und ein Enkel der Friedensbewegung, ist am Ende. Die Feierfreude ist bei Leuten, die noch vor wenigen Tagen beim „Public viewing“ während der Fußball-Weltmeisterschaft den Reiz des Massenhaften genossen, erloschen. Die Menschenmasse ist zu einem Sicherheitsrisiko geworden.

          Kommunalpolitische Entscheidungen für solche Großveranstaltungen müssen in Zukunft viel genauer überprüft werden. Dabei hat die Sicherheit absoluten Vorrang zu haben. Das lehrt die Katastrophe von Duisburg.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bahn-Chef Richard Lutz (rechts) und der bisherige Finanzvorstand Alexander Doll

          Führungschaos bei der Bahn : Höchste Eisenbahn

          Zuletzt hatte es noch Hoffnung geben, die Bahn könnte ihre Probleme hinter sich lassen. Doch nun tobt ein Führungschaos in der Chefetage. Das erste Opfer: Finanzvorstand Alexander Doll. Aber der eigentliche Skandal liegt woanders.

          Parteitag der Grünen : Alles scheint möglich

          Die Grünen profitieren enorm von der Debatte über den Klimaschutz. Auf ihrem Parteitag in Bielefeld wollen sie sich inhaltlich trotzdem weiter öffnen. Und eine Frage schwebt über allem: Wird es einen grünen Kanzlerkandidaten geben?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.