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Loveparade : Aufgehen in der Masse

  • -Aktualisiert am

Das Gesetz der Masse: Forscher vermuten hinter dem Phänomen die Sehnsucht des Menschen nach sozialer Interaktion Bild: AFP

Menschen suchen große Massen wie die Loveparade in Duisburg nicht, um sozial zu interagieren, sondern um sich vom allgegenwärtigen Interaktionszwang zu befreien. Dahinter steht die Sehnsucht, in einem großen Ganzen aufzugehen, sich ihm auszuliefern, sich zu verlieren.

          Für die weitverbreitete und doch oft von elitärem Standpunkt aus vorgetragene Skepsis gegenüber Menschenmassen werden völlig gegensätzliche Gründe ins Feld geführt: Die einen verdächtigen die Massen, sich zu leicht und zu willfährig unter Kontrolle bringen zu lassen, die anderen behaupten das genaue Gegenteil. Vor allem die Skepsis der zuletzt Genannten hat mit der Katastrophe von Duisburg, den 21 Toten und mehr als fünfhundert Verletzten, neue Nahrung erhalten. Jedes leidende Gesicht, das von den Medien aus der Masse isoliert wurde, schien Massenveranstaltungen an sich in Frage zu stellen. Die Loveparade wird es nun nicht mehr geben. Das Ende solcher Events ist damit aber noch nicht gekommen.

          Hätte man sich nicht auch dann, wenn in Duisburg alles gutgegangen wäre, die Frage nach dem Warum stellen können? Warum fahren Menschen, die in einer überfüllten Fußgängerzone eine Entschuldigung erwarten, wenn sie auch nur berührt oder gar angerempelt werden, Hunderte von Kilometern, um sich von einer Masse einverleiben zu lassen, zu schwitzen, angeschwitzt und eingekeilt zu werden und die Herrschaft über sich selbst zu verlieren? Was zeichnet solche Massen gerade in demonstrationsmüden Demokratien aus, wo sie doch in aller Regel keinen Zweck verfolgen, der außerhalb ihrer selbst läge oder gar gegen ein Außerhalb gerichtet wäre?

          Auf einem „Rave“ kann man nicht tanzen

          Forscher, die sich mit dem Phänomen Masse beschäftigen, behaupten bisweilen, dahinter verberge sich die Sehnsucht des modernen, vereinzelten Menschen nach sozialer Interaktion. Wenn das zuträfe, dann wären allerdings Hunderttausende nicht nach Duisburg zum alten Güterbahnhof gepilgert, sondern wären in eine Kneipe gegangen, auf ein Gartenfest oder in den Sportverein - an einen Ort jedenfalls, an dem man reden und gehört werden kann, sich mit anderen messen, auf sich aufmerksam machen, sich anschauen, Berührungen suchen und zulassen - kurz: sich als Individuum verhalten und auf das Verhalten anderer reagieren. All das ist in einer Masse, die diese Bezeichnung verdient, nicht möglich, wobei nicht die Anzahl der Menschen entscheidend ist, sondern allein, wie dicht sie sich zusammendrängen.

          Menschen suchen die Masse also gerade nicht, um sozial zu interagieren, sondern um sich vom allgegenwärtigen Zwang zur sozialen Interaktion zu befreien. Auf einem „Rave“ kann man zum Beispiel nicht im eigentlichen Sinne tanzen, was sonst auf Partys eine gebräuchliche Art ist, um Kontakte anzubahnen. Schreien kann man schon, so laut, wie es nur geht - es hört nur keiner. Man kann auch ein ungewaschenes T-Shirt tragen - es wird keiner riechen. Schließlich ist es sogar egal, ob man gut oder schlecht aussieht - weil sich die Menschen zu nahe sind, nimmt davon kaum einer Notiz.

          Völlige Ruhe in der lauten Masse

          Andererseits stimmt es nur bedingt, dass in der Masse alle Menschen gleich wären. Die „Capos“ etwa, die in den Fußballstadien diskret ihre Fanblöcke dirigieren, widerlegen diese These. Vielmehr ist es so, als wären die anderen gar nicht da, als sei man allein bei sich selbst. So paradox es klingt: Man kann in einer lauten, dichten Masse völlige Ruhe empfinden - insofern gleicht sie eher einem Dickicht in der Natur als einem Großraumbüro oder einem geschäftigen Einkaufszentrum.

          Das ist sicher nur eine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Hinzu kommen dürfte die Sehnsucht, in einem größeren Ganzen aufzugehen, sich ihm auszuliefern, sich zu verlieren. Beides ist mithin in einer Masse möglich: zu sich selbst zu kommen und buchstäblich außer sich zu sein. Bei Letzterem geht es um die bewusste Inkaufnahme oder gar Herbeiführung des Kontrollverlusts. Am offensichtlichsten ist das beim „Crowdsurfing“, bei dem sich Leute auf die Wogen der Masse legen und sich auf ihren Händen über die Weiten des menschlichen Ozeans tragen lassen. Wer da „Menschheit“ brüllt, der lügt nicht.

          Massen dienen uns nicht zum Überleben

          Das ist die Innenperspektive der Masse. Über die Außenperspektive können am besten die Insassen von Stadion-VIP-Logen Auskunft geben, die sich an den Massen der Süd- und Nordkurven delektieren. Oder Tierfilmer, die schon einmal von oben die Wanderung der Gnus verfolgt haben, die jedes Jahr zu Hunderttausenden von der Serengeti in die Masai-Mara-Ebene ziehen. Dabei müssen sie einen Fluss überqueren, der voller Krokodile ist. Ihr massenhaftes Auftreten sichert den meisten der Gnus das Überleben. Das unterscheidet uns von den Tieren: Massen dienen uns nicht zum Überleben, sondern zum Leben - so zynisch das derzeit auch klingen mag.

          In der Rezeption von Massen ist es zum Allgemeinplatz geworden, deren angebliche Gesichtslosigkeit zu bekräftigen. Das geht fehl. Massen haben sehr wohl ein Gesicht, manchmal eine Fratze und jedenfalls einen Körper, der zu den geschmeidigsten Bewegungen fähig ist und seine Schönheit und Unwiderstehlichkeit aus dem Ganzen bezieht, nicht aus den Gliedern. Einzelne aus einer Masse herauszuheben ist daher so indiskret, wie mit einer Kamera auf die Körperteile eines Menschen zu zoomen. Als Körper muss die Masse atmen können.

          In Duisburg wurde ihr das verwehrt.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

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