https://www.faz.net/-gum-6jzpa

Festival-Veranstalter : „Das war fahrlässige Tötung“

Das Festival in Wacken zählt mit 70 000 Besuchern zu den größten Festivals Deutschlands Bild: dpa

Nach der Tragödie von Duisburg fürchten die Festival-Veranstalter um ihren Ruf - und kritisieren die „amateurhafte Vorbereitung“ der Loveparade.

          4 Min.

          Die Ordner tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Metal Guard“. Bestimmt, aber freundlich kontrollieren sie an den großen Eingangsschleusen jeden Besucher, leiten den Menschenstrom auf das Festivalgelände. Vor den drei Bühnen sichern sie die Absperrungen. Und wenn es nötig ist, öffnen die Männer, oft kahlgeschoren und groß gewachsen, die Fluchtwege. Ihr robuster Auftritt wirkt. Beim alljährlichen Heavy-Metal-Festival in Wacken sind die Sicherheitsleute keine „Gegner“, sie gehören in der ohnehin oft recht martialisch auftretenden Metal-Szene gewissermaßen zur Familie.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          In Zukunft wird das Sicherheitspersonal auf den sommerlichen Musikfestivals in Deutschland genauer beäugt. Denn nach der Katastrophe von Duisburg steht ein ganzer Wirtschaftszweig im Licht der Öffentlichkeit. Die deutschen Festival-Veranstalter befürchten, dass der „Irrsinn“ und die „amateurhafte Vorbereitung“ eines einzelnen Mega-Events die gesamte Branche mit all ihren Organisatoren, Veranstaltern und Agenturen in Verruf bringen könnte. Manche wollen sich deshalb gar nicht zu der tödlichen Massenpanik vom Samstag äußern, andere suchen dagegen die Öffentlichkeit.

          „Laientheater mit Todesfolge“

          Als einer der ersten hat sich Marek Lieberberg zu Wort gemeldet, der Altmeister der Festival-Macher, der Anfang der siebziger Jahre die ersten Open-Airs in Deutschland und in diesem Jahr zum 25. Mal sein „Rock am Ring“ mit 85.000 Zuschauern in der Eifel veranstaltet hat. „Es war von Anfang an ein Rezept für den Untergang“, sagt Lieberberg über die Love Parade. „Diese Veranstaltung war nach meinem Urteil überhaupt nicht genehmigungsfähig. Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Das war kein Unglück, das war fahrlässige Tötung.“

          Geschulte Sicherheitsdienste gehören zum Standard in der Open-Air-Branche

          Der größte Festival- und Konzertveranstalter Europas steht mit seiner Kritik nicht allein. Auch Folkert Koopmans, Geschäftsführer der Hamburger Konzertagentur Scorpio, spricht mit Blick auf die Love Parade in Duisburg von Fahrlässigkeit und Verantwortungslosigkeit. „Die haben es drauf ankommen lassen. Wenn es nicht auf dem Hinweg passiert wäre, dann spätestens auf dem Rückweg. Das wirft ein schlechtes Licht auf die Branche.“ Ein Veranstalter aus Ostdeutschland bezweifelt, „ob ein Fitness-Ketten-Betreiber überhaupt das nötige Know-How für eine solche Veranstaltung hat“, ein anderer sagt über Love-Parade-Organisator Rainer Schaller und sein Team: „Die waren arrogant und hatten keine Ahnung.“ Und Nikolaus Schär, der am Wochenende 60.000 Techno-Fans zu seinem Festival „Nature One“ im Hunsrück erwartet, sieht „ein Laientheater mit Todesfolge“.

          „Das weiß doch jeder australische Schafhirte besser“

          Lieberberg spricht vom „verhängnisvollen Zusammenwirken von völlig überforderten Behörden und inkompetenten Organisatoren“. Und damit trifft der Vierundsechzigjährige, der sein alljährliches Festival am Nürburgring mit Hilfe von Videoüberwachung, festen Eingangs- und Ausgangsschleusen, rund 1000 Ordnern und einem ausgeklügelten Zugangssystem zu den Zuschauerbereichen immer weiter aufgerüstet hat, den Tenor in der Branche. „Das weiß doch jeder australische Schafhirte besser“, sagt Scorpio-Geschäftsführer Koopmans. Ein einziger Zu- und Abgang für so viele Menschen: „völlig absurd“.

          Beim „Hurricane“-Festival im niedersächsischen Scheeßel, zu dem jedes Jahr zwischen 50.000 und 70.000 Besucher auf eine Motorrad-Sandrennbahn kommen und auf den umliegenden Wiesen zelten, arbeiten Koopmans und sein Veranstaltungsteam mit drei separaten Eingängen, festen Schleusen, einem getrennten Ausgang und 600 Sicherheitsleuten, um der Menschenmassen Herr zu werden. Ähnlich ist es bei den zehn anderen Open-Air-Veranstaltungen, die Scorpio jedes Jahr in Deutschland und in der Schweiz organisiert. Selbst bei viel kleineren Festivals sind die Vorkehrungen ausgefeilt.

          Weitere Themen

          Lippen so weich wie Marshmallows

          Herzblatt-Geschichten : Lippen so weich wie Marshmallows

          Hollywood-Schauspielerinnen geben ihren Kindern kuriose Namen, zwischen Hera Lind und Engelbert Lainer fällt nie ein böses Wort und Linda Thompson erinnert sich an Süßwaren-Küsse von Elvis. Die Herzblatt-Geschichten.

          Das deutsche Alcatraz der Viren Video-Seite öffnen

          Ostsee-Insel Riems : Das deutsche Alcatraz der Viren

          Oft wird sie die „gefährlichste Insel Deutschlands“ genannt: Auf der Ostsee-Insel Riems in der Nähe von Greifswald wird an tödlichen Tierseuchen geforscht – wie Ebola, Tollwut und der Afrikanischen Schweinepest. Und das seit mittlerweile seit über 100 Jahren.

          Topmeldungen

          Brexit-Reaktionen in Brüssel : Demonstrative Gelassenheit

          Das nächste Brexit-Chaos in London? In Brüssel gibt EU-Ratspräsident Donald Tusk einen gelassenen Ton vor. Bis zur Entscheidung über das Verlängerungsschreiben werden wohl noch einige Tage vergehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.