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Ermittlungen zur Loveparade : Die Katastrophe in der Katastrophe

  • -Aktualisiert am

Wie viel Verantwortung muss die Polizei übernehmen? Bild: dpa

Immer mehr wird offenbar, dass auch der Polizei eklatante Fehler unterliefen, die zur Loveparade-Katastrophe in Duisburg führten. Die offiziellen Informationen bleiben allerdings verwirrend und unvollständig. Ist heute im Landtag „uneingeschränkte Aufklärung“ zu erwarten?

          An diesem Mittwoch will sich auch das Plenum des nordrhein-westfälischen Landtags erstmals mit der Loveparade-Katastrophe vom 24. Juli beschäftigen. „Der Landtag von Nordrhein-Westfalen erwartet von der Landesregierung wie von allen an der Planung und Durchführung der Veranstaltung Beteiligten uneingeschränkte Aufklärung über die Frage, wie es zu der schlimmen Katastrophe kommen konnte“, heißt es im Antrag der FDP-Fraktion.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, ist auch gut acht Wochen nach dem Unglück mit 21 Toten und mehr als 500 Verletzten längst nicht erreicht. Die Veranstalterfirma Lopavent des Fitnessunternehmers Rainer Schaller, die Stadt Duisburg und die Polizei schieben sich noch immer gegenseitig die Verantwortung zu.

          Zu Recht werden Duisburg und Lopavent schwere Vorhaltungen gemacht. Nach allem was bisher bekannt ist, hätte Duisburg das Techno-Spektakel nicht genehmigen dürfen. Und Lopavent kann den Vorwurf nicht entkräften, eklatant gegen zentrale Sicherheitsauflagen verstoßen und während des Ereignisses komplett versagt zu haben.

          Besucher der Loveparade nach der Panik

          Die Informationen der Polizei sind unvollständig und verwirrend

          Immer fragwürdiger wird allerdings auch das Verhalten der Polizei – sowohl während des Einsatzes am 24. Juli als auch seither in der Aufklärung. Im Innenausschuss des Landtags nahm der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) Anfang September für sich in Anspruch, „von Beginn an auf Transparenz und größtmögliche Offenheit gesetzt“ zu haben.

          Doch immer wieder sind Informationen des Innenministers und seines Polizeiinspekteurs Dieter Wehe verwirrend und unvollständig. Wichtiges wird erst auf Nachfrage offenbart. Beinahe unter ferner liefen berichtete Wehe Anfang September von einer gravierenden Polizeipanne: Zwischen 15.13 Uhr und 15.45 Uhr – also gerade als sich die Lage zuzuspitzen begann – war der Vier-Meter-Funkkanal der Polizei ausgefallen. Und wer sich die Mühe macht, die von Lopavent ins Internet gestellten Mitschnitte der Überwachungskameras auszuwerten, stößt auf Widersprüche in den Angaben zur Dauer von polizeilichen Maßnahmen.

          Mitverantwortlich für den Zu- und Abgang

          Nicht nur wegen der Zuständigkeit der Polizei für die Gefahrenabwehr wenig verständlich war die frühe Festlegung des Innenministers, die „Verantwortung für die ordnungsgemäße Durchführung im Veranstaltungsbereich hat ausschließlich der Veranstalter.“ Im Einsatzbefehl der Polizei vom 19. Juli für die Loveparade gibt es neun Einsatzabschnitte. Dem Abschnitt „Schutz der Veranstaltung“ ist im Befehl ausdrücklich aufgetragen, den Veranstalter lageabhängig zu unterstützen. Ausdrücklich erwähnt ist die Gewährleistung eines sicheren und kontrollierten Zu- und Abgangs.

          Zudem hatte die Polizei selbstverständlich die Zugangsrampe als neuralgischen Punkt erkannt. Dem Leiter des privaten Ordnerdienstes (Crowd-Manager) stellte sie einen Verbindungsbeamten zur Seite. Auch mit weiteren Kräften war sie auf der Rampe durchweg präsent: Auf der rechten Seite hatte sie sogar Einsatzfahrzeuge abgestellt – die den Zugang zum Festgelände dann während des tödlichen Massengedränges weiter verengten. Gegen 15.30 Uhr fand sogar noch ein Schichtwechsel statt. Bielefelder Polizeikräfte fuhren mit ihren Autos durch die Menschenmenge. Warum die Polizisten nicht als Reserve zurückgehalten wurden, ist unklar.

          Innenminister bleibt Antworten schuldig

          Der Innenminister legt in seiner bisherigen Bemühen, „seine“ Polizei gegen „ungeheuerliche Vorwürfe“ zu schützen, Wert darauf, dass der Einsatzabschnittsleiter, nach 15 Uhr, „auf Wunsch“ des hilflosen Crowd-Managers diverse Maßnahmen ergriffen hatte. Das widerspricht der allgemeinen Lebenserfahrung. Ein Abschnittsleiter ist eine hervorragend ausgebildete Polizeikraft mit Führungspraxis. Warum sollte er ohne eigene Reflexion dem Wunsch eines privaten Ordners folgen, der durch sein Hilfegesuch gerade den kompletten Bankrott seines Sicherheitskonzepts eingestanden hatte?

          Mittlerweile hat der Innenminister in einem Bericht mitgeteilt, dass es ein „Gesamtkonzept“ zur Problemlösung gegeben hat: Im östlichen wie im westlichen Tunnel sowie auf der Rampe wurden Polizeiketten gebildet. Funktionieren konnte das Konzept nur, wenn auch die äußeren Vereinzelungsanlagen wie vereinbart geschlossen worden wären. Die Schuld dafür, dass dies nicht geschah, schob die Polizei bisher allein auf den laut Absprache dafür zuständigen Veranstalter.

          Auch in diesem wichtigen Punkt musste der Innenminister mittlerweile aber scheibchenweise neue Informationen nachreichen. An den Vereinzelungsanlagen hätten sich zu den „relevanten Zeiten“ Polizeibeamte befunden. Keine Antwort hat der Innenminister allerdings auf die Frage, warum die Polizisten nicht darauf hinwirkten, dass der entscheidende Eingriff zur Gefahrenabwehr tatsächlich stattfand.

          Eine Todesfalle

          Misstrauen dem zu diesem Zeitpunkt erwiesenermaßen unzuverlässigen Veranstalter und seinen Ordnern gegenüber wäre höchst angebracht gewesen. Statt mit vorhandenen Einsatzkräften an den Schleusen durchzugreifen, vertraute der Einsatzabschnittsleiter den Lopavent-Leuten und konzentrierte sich auf seine letztlich fragwürdigen Polizeiketten.

          Zu allem Unglück platzierte er die dritte weit unten auf der Rampe. Raver, die die Love Parade wieder verlassen wollten, liefen von oben in den Rampentrog, der durch die steilen Wände und die Polizeikette zur Todesfalle wurde.

          Als der zuständige Lopavent-Ordner kurzzeitig die Sicherung einer Treppe am Fuß der Rampe vernachlässigte, waberte die orientierungslosen Masse dort hin. In der Aufzeichnung von Überwachungskamera 13 lässt sich nachverfolgen, dass allerdings auch die Polizei nicht mehr versuchte, die Treppe beherzt zu sichern. Warum? Der Druck am Fuße der Treppe erhöhte sich immer mehr. Die 14 „unmittelbar Getöteten“ fanden Rettungskräfte wenig später ausschließlich dort.

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