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Augenzeugenbericht von der Loveparade : Warum nur diese Polizeikette?

Jürgen G. entschied eher spontan, zur Loveparade zu gehen. Auf dem Weg zum Veranstaltungsgelände erlebte er das Chaos aus nächster Nähe. Sein Augenzeugenbericht liefert plausible Gründe, warum es zur Katastrophe kam.

          3 Min.

          Jürgen G. ist kein Raver. Der Architekt entschied sich am vergangenen Samstag eher spontan mit seinem Freund Stephan, die Loveparade in Duisburg zu besuchen. Die verspäteten Züge ab Düsseldorf waren überfüllt, der Duisburger Hauptbahnhof auch. Warten mit den Massen: Vor der Zugangskontrolle verbrachten die beiden eine Dreiviertel Stunde. Um 16 Uhr betraten sie den gefüllten, aber nicht überfüllten Ost-Tunnel. Zu diesem Zeitpunkt wäre noch genügend Platz gewesen für zwei Menschenströme, die sich in entgegengesetzter Richtung bewegen. Dennoch war Jürgen G. froh, als er den Tunnel verlassen konnte – und auf die Rampe bog.

          Um 16.10 Uhr wieder ein Stopp. Der Weg zum Veranstaltungsgelände endete am unteren Ende der Rampe nach etwa 20 Metern: die erste Polizeisperre. Etwa zehn Polizisten wollten verhindern, dass die abgehenden Besucher auf die Masse der ankommenden Menschen traf. Links und rechts von den Beamten waren Absperrgitter zu einem Dreieck aufgebaut, die wiederum mit einem einfachen Gitter die Lücke zu den seitlichen Wänden schlossen. Sowohl für die Menschen, die aus den Tunneln um die Ecke bogen, als auch für die Heimgänger war hier Endstation. Der Raum zwischen den Tunnelenden füllte sich.

          Die beiden suchten Schutz hinter dem linken Sperr-Dreieck, weil sie befürchteten, dass die Polizisten dem Druck der Massen nicht mehr lange standhalten würden. Um etwa 16.20 Uhr war es dann soweit. Die ersten kletterten von Norden über die Sperrgitter Richtung Tunnel und rissen das Hindernis in der Nähe der Treppe am westlichen Rand der Rampe nieder. Die Polizisten mussten ihre Kette aufgeben. Die Besucher strömten ungehindert vom oberen Rampenende Richtung Tunneleingang. Stephan machte sich auf den Rückweg, weil er keine Möglichkeit mehr sah, zur Loveparade zu gelangen. Er konnte gerade noch über den West-Tunnel die Menschenmassen hinter sich lassen.

          Ordner im blauen T-Shirt halfen

          Innerhalb von wenigen Minuten, so Jürgen G., gegen 16.25 Uhr, war der Platz, an dem die beiden Tunnel aufeinander treffen und die Rampe beginnt, total überfüllt. Die ersten versuchten, über die Treppe an der West-Seite der Rampe zu fliehen. Auf der anderen Seite kletterten Besucher einen Stahlmast hinauf. Sie wurden von Ordnern im blauen T-Shirt noch daran gehindert. Doch dann halfen diese ihnen.

          Um 16.30 Uhr bekam Jürgen G. einen Anruf von Stephan. Eine zweite, kleinere Rampe sei offen und frei. Jürgen G. verließ daraufhin seinen Schutzraum hinter dem Gitterdreieck, um durch den West-Tunnel zu entkommen. Keine Chance: Nach etwa 15 Metern steckte er in der Masse fest, der Druck wurde unerträglich. Zum ersten Mal bekam Jürgen G. beklemmende Angst. Er war in der Nähe der Treppe, eine bewusstlose Frau wurde gerade von Helfern hinauf gezogen.

          Jürgen G. änderte wieder seine Richtung. Doch er orientierte sich dieses Mal, gegen 16.35 Uhr, weg von der Treppe, hin zum östlichen Rand der Rampe. Als er in die Nähe des Mastes gelangte, den Besucher waghalsig hinaufkletterten, sah er oben plötzlich Polizisten, die ihm und anderen klar machten, er solle weiter die Rampe entlang gehen, und zwar am rechten Rand. Dort war zwar ursprünglich ein schmaler Streifen von der Polizei für Einsatzfahrzeuge abgesperrt. Aber einige Absperrgitter lagen schon am Boden. Jürgen G. schob sich dort entlang, um am Ende des abgesperrten Streifens mit Hilfe von Polizisten über eine Böschung auf die Ebene der Gleise zu gelangen. Hier blieb er für knapp eine halbe Stunde stehen, schockiert und benommen. Jetzt erst konnte er überblicken, was sich dort unten abspielte.

          Die Rampe wäre die beste Fluchtmöglichkeit gewesen

          Er sah eine zweite Polizeikette am oberen Ende der Rampe, die ebenfalls gehende Besucher stoppen sollte. Dennoch konnten Dutzende Richtung Tunnel laufen. Erst gegen kurz vor fünf schafften es die Polizisten, die Rampe von oben komplett zu sperren. Obwohl es die erste Sperre seit über einer halben Stunde nicht mehr gab, war die Rampe immer noch recht leer. Jetzt erst verstand Jürgen G., warum er recht unbedrängt von dort unten die Rampe hochgehen konnte. Die Menschen konnten nicht sehen, dass die Rampe die beste Fluchtmöglichkeit war.

          In ihrer Panik drängten sie dorthin, wo andere Besucher erfolgreich der Menschenmasse entfliehen konnten: zur Treppe, zum Mast und später zum Container. Rund um diese Fluchtpunkte drängten sich die Menschen. Jürgen G. hätte es vermutlich ähnlich gemacht, hätte er nicht die Hinweise der Polizisten gesehen. Um 17.15 Uhr machte er oberirdisch auf den Weg Richtung Westen. Er passierte die zweite Rampe, die ihm zu unsicher war, und erreichte schließlich kurz vor halb sechs Uhr den Eingang des West-Tunnels. Die dritte Polizeisperre. Sie hielt. Um 17.30 Uhr hört er eine Durchsage der Polizei, dass das Veranstaltungsgelände geschlossen sei. Es war die erste Durchsage, die er an diesem Tag hörte.

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