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Adolf Sauerland : Der Gehasste

Ausgebuht: Adolf Sauerland Bild: ddp

Nach der Loveparade-Katastrophe hat der Oberbürgermeister von Duisburg die Kritik magnetisch angezogen. Noch immer hält der mediale Hagelschlag an. Dabei war Sauerland einer, von dem man ganz zu recht sagt, er trage das Herz auf dem rechten Fleck.

          Adolf Sauerland ist auf tragische Weise zum berühmtesten Oberbürgermeister der Republik geworden. Es gibt kaum einen Kommentator, der das Duisburger Stadtoberhaupt seit der Love-Parade-Katastrophe vor zwei Wochen nicht schon heftig geziehen hätte. Selbst der Bundespräsident hat ihm den Rücktritt nahegelegt, obwohl der Rücktritt eines Beamten gar nicht vorgesehen ist. Noch immer hält der mediale Hagelschlag an: Im überregionalen Konsens gilt Sauerland nun als kaltherziger Sesselkleber, dem es sowieso nur noch ums Geld geht. Die wenigsten kümmert, dass Sauerland für sich und seine Familie wohl trotz eines Erlasses des nordrhein-westfälischen Innenministeriums aus dem Jahr 2008 all seine Versorgungsansprüche selbst aus seiner Zeit als Lehrer verlieren würde, bäte er um Entlassung aus dem Beamtenverhältnis.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Freilich hat Sauerland in den Tagen nach dem Unglück die Kritik magnetisch angezogen. Der Traumatisierte trat in einer Pressekonferenz höchst verunsichert und ungeschickt auf. Auch weil die Todesdrohungen gegen ihn, seine Frau und seine vier Kinder zunahmen, verschanzte sich der bisher so umgängliche, so bürgernahe Sauerland, der sommers häufig auf dem Motorroller mit wehender Krawatte zu Terminen düste, dem es leicht fiel, in der Sprache des Reviers um Vertrauen bei den Leuten zu werben. Nun aber versuchte er, sich in Presse-Interviews mit gewundenen Sätzen herauszureden. Noch nicht einmal auf die Trauerfeier seiner eigenen Stadt vor einer Woche traute er sich. Als Duisburg ihn dringend gebraucht hätte, war er nicht da.

          Eigentlich spricht alles gegen den Job

          Dabei war Sauerland bisher einer, von dem man ganz zu recht sagt, er trage das Herz auf dem rechten Fleck. Auch weil seine Vorgängerin Bärbel Zieling (SPD) als unnahbar und arrogant galt, hatte Sauerland 2004 gegen sie leichtes Spiel. In der Stichwahl setzte sich der CDU-Politiker mit unglaublichen 61,2 Prozent gegen die damalige Oberbürgermeisterin durch. Und beendete damit die 54 Jahre währende sozialdemokratische Herrschaft in Duisburg.

          Unterschriftenaktion für die Abwahl Sauerlands

          Wer hier Oberbürgermeister ist, muss sich viel zutrauen. Eigentlich spricht alles gegen den Job. Mehr als 2,5 Milliarden Euro Schulden schiebt die Stadt mit etwa 490.000 Einwohnern mittlerweile vor sich her. Schon seit zwanzig Jahren wirtschaftet die Kommune mit Haushaltssicherungskonzepten, weil sie ihre Etats nicht ausgleichen kann. Das Eigenkapital ist aufgebraucht. Was kann ein Oberbürgermeister da noch bewegen? Regelmäßig muss sich die Stadtspitze mit der Kommunalaufsicht darüber streiten, was eigentlich noch eine Pflichtaufgabe ist. Spielplätze gehören zwar dazu. Aber welche Größe ist angemessen? Um solche Fragen geht es in Duisburg schon lange. Sauerland war trotzdem davon überzeugt, dass man in Duisburg Großes voranbringen kann, wenn man nur will, dass die Stadt wegkommt vom Stahl-, Kohle- und dem ewigen Schimanski-Underdog-Image.

          Dafür plante Sauerland in großem Stil: Um ihre vor die Hunde gekommene Innenstadt wieder aufzurichten, haben sich die Duisburger einen visionären Masterplan vom Londoner Star-Architekten Sir Norman Foster entwickeln lassen. Und tatsächlich kann man in Duisburg, der Stadt, die wie keine andere im Ruhrgebiet noch so sichtbar von der Montanindustrie, von Hochöfen, Schornsteinen, Walzstraßen geprägt ist, längst vielerorts bestaunen, was man erreichen kann, wenn Investoren intelligente Vorgaben bekommen. Der 1893 eröffnete Innenhafen direkt am Zentrum etwa ist heute ein Juwel mit Museen, Galerien, Restaurants, Büros, Wohnungen und sogar Bootsanlegeplätzen.

          „Sauerland ist schuld“

          Als Zeichen des neuen Duisburger Optimismus’ hat sich Sauerland vor nun schon bald zwei Jahren eine kleine goldene Leiter ans Revers geheftet. Es ist eine Miniatur des neuen Wahrzeichens der Innenstadt. Das mit echtem Blattgold ummantelte Original durchstößt im „Forum Duisburg“, einer Galerie mit 80 Geschäften und Restaurants, symbolisch die Decke und ragt 54 Meter in den Himmel. Adolf Sauerland, der bodenständige, joviale, gemütlich untersetzte erste Bürger mit sorgfältig ausrasiertem Bart, will hoch hinaus mit seiner Stadt.

          Und deswegen war er selbstverständlich überzeugt, dass Duisburg auch die Love Parade brauche. Gerade weil Bochum absagen musste. Duisburg schafft das, war Sauerlands Botschaft. Und so gut wie alle fanden das toll. Die Landesregierung schoss der klammen Kommune auf jedem erdenklichen Weg Geld zu. Schließlich ist ja auch Kulturhauptstadt-Jahr im Ruhrgebiet. Doch seit zwei Wochen ist der Name Duisburg nicht verbunden mit einem ausgelassen Spektakel jugendlicher Massen. Wer Duisburg sagt, wird noch lange an die Love-Parade-Massenpanik denken. Und in bedrückend-grotesker Weise machten viele Sauerland zum Sündenbock. „Sauerland ist schuld“, hieß es auf handgeschriebenen Zetteln ganz nah bei der Stelle im ehemaligen Güterbahnhofsgelände, wo 21 junge Menschen im Gedränge der Masse ums Leben kamen und mehr als 500 verletzt wurden. Binnen weniger Stunden wurde Sauerland von einem allseits geachteten, erst vor wenigen Monaten beeindruckend im Amt bestätigten Macher zu einer Hassfigur. Als er die Unglücksstelle besuchte, bewarfen ihn Leute mit Müll. Bei einer Demonstration vorm Rathaus hielt eine Frau einen selbstgemachten Galgen hoch.

          Gerechtigkeit für Sauerland gefordert

          Der 1955 als Sohn eines Schreibwarenhändler-Ehepaars geborene Sauerland studierte Maschinenbau, Geschichte, Politische Bildung und Pädagogik. Eine ungewöhnliche Kombination, die er einmal damit begründete, er habe endlich das tun wollen, wofür er sich interessierte. Weil nicht sicher war, ob er auch eine Anstellung als Lehrer bekommen würde, übernahm er zusammen mit seiner Frau den Schreibwarenladen seiner Eltern. Seit er bald darauf Berufschullehrer in Krefeld wurde, führt seine Frau den Laden, der sich mittlerweile zu einem florierenden Reisebüro mit Lottoannahmestelle und Postfiliale entwickelt hat. Wer Kunde im Reisebüro war, konnte damit rechnen, von Sauerland zum nahen Düsseldorfer Flughafen chauffiert zu werden. Seine politische Karriere begann Sauerland in einer Duisburger Bezirksvertretung, der er zehn Jahre lang angehörte. Es folgten zehn Jahre im Rat, zuletzt war er Vorsitzender der CDU-Fraktion.

          Als Oberbürgermeister hat sich Sauerland nicht nur um die städtebauliche Entwicklung Duisburgs verdient gemacht. In der Stadt an Rhein und Ruhr leben 160.000 Menschen mit Migrationshintergrund. Für Duisburg ist das kein neues Phänomen: Auf vielen Klingelschildern stehen Namen wie Rudizinski oder Jablonsky. Wie keiner seiner Vorgänger erkannte Sauerland, dass es nun galt, sich auch den in den sechziger und siebziger Jahren gekommenen Celinks oder Yildirims zuzuwenden. Anders als in Köln und Berlin gelang in Duisburg-Marxloh der Bau einer Großmoschee ohne Großkonflikt. Sauerland persönlich übernahm nach der Eröffnung die ersten beiden Führungen.

          Mittlerweile wird die Diskussion über die Ursachen der Love-Parade-Katastrophe differenzierter geführt. Nikolaus Schneider, der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, war einer der ersten, die Gerechtigkeit für Sauerland forderten. Schneider, der selbst aus Duisburg kommt, versteht zwar das Verlangen nach Verantwortung, fordert aber ein nötiges Maß an Distanz. Einem Einzelnen dürfe nicht alle Schuld aufgebürdet werden, es dürfe nicht gleichsam ein Sühneopfer verlangt werden. Und der grüne Duisburger Stadtdirektor Peter Greulich sagt, Sauerland müsse aktiv an der Aufarbeitung teilnehmen. Er müsse dies im Interesse der Verwaltungsmitarbeiter, aber auch im Interesse seiner Familie und zu seinem persönlichen Wohlergehen tun. „Man tritt nicht ohne Schuldnachweis zurück. Nicht, wenn es um den erdrückenden Vorwurf geht, den Tod von 21 Menschen mitverantwortet zu haben.“

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