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Adolf Sauerland : Der Gehasste

Und deswegen war er selbstverständlich überzeugt, dass Duisburg auch die Love Parade brauche. Gerade weil Bochum absagen musste. Duisburg schafft das, war Sauerlands Botschaft. Und so gut wie alle fanden das toll. Die Landesregierung schoss der klammen Kommune auf jedem erdenklichen Weg Geld zu. Schließlich ist ja auch Kulturhauptstadt-Jahr im Ruhrgebiet. Doch seit zwei Wochen ist der Name Duisburg nicht verbunden mit einem ausgelassen Spektakel jugendlicher Massen. Wer Duisburg sagt, wird noch lange an die Love-Parade-Massenpanik denken. Und in bedrückend-grotesker Weise machten viele Sauerland zum Sündenbock. „Sauerland ist schuld“, hieß es auf handgeschriebenen Zetteln ganz nah bei der Stelle im ehemaligen Güterbahnhofsgelände, wo 21 junge Menschen im Gedränge der Masse ums Leben kamen und mehr als 500 verletzt wurden. Binnen weniger Stunden wurde Sauerland von einem allseits geachteten, erst vor wenigen Monaten beeindruckend im Amt bestätigten Macher zu einer Hassfigur. Als er die Unglücksstelle besuchte, bewarfen ihn Leute mit Müll. Bei einer Demonstration vorm Rathaus hielt eine Frau einen selbstgemachten Galgen hoch.

Gerechtigkeit für Sauerland gefordert

Der 1955 als Sohn eines Schreibwarenhändler-Ehepaars geborene Sauerland studierte Maschinenbau, Geschichte, Politische Bildung und Pädagogik. Eine ungewöhnliche Kombination, die er einmal damit begründete, er habe endlich das tun wollen, wofür er sich interessierte. Weil nicht sicher war, ob er auch eine Anstellung als Lehrer bekommen würde, übernahm er zusammen mit seiner Frau den Schreibwarenladen seiner Eltern. Seit er bald darauf Berufschullehrer in Krefeld wurde, führt seine Frau den Laden, der sich mittlerweile zu einem florierenden Reisebüro mit Lottoannahmestelle und Postfiliale entwickelt hat. Wer Kunde im Reisebüro war, konnte damit rechnen, von Sauerland zum nahen Düsseldorfer Flughafen chauffiert zu werden. Seine politische Karriere begann Sauerland in einer Duisburger Bezirksvertretung, der er zehn Jahre lang angehörte. Es folgten zehn Jahre im Rat, zuletzt war er Vorsitzender der CDU-Fraktion.

Als Oberbürgermeister hat sich Sauerland nicht nur um die städtebauliche Entwicklung Duisburgs verdient gemacht. In der Stadt an Rhein und Ruhr leben 160.000 Menschen mit Migrationshintergrund. Für Duisburg ist das kein neues Phänomen: Auf vielen Klingelschildern stehen Namen wie Rudizinski oder Jablonsky. Wie keiner seiner Vorgänger erkannte Sauerland, dass es nun galt, sich auch den in den sechziger und siebziger Jahren gekommenen Celinks oder Yildirims zuzuwenden. Anders als in Köln und Berlin gelang in Duisburg-Marxloh der Bau einer Großmoschee ohne Großkonflikt. Sauerland persönlich übernahm nach der Eröffnung die ersten beiden Führungen.

Mittlerweile wird die Diskussion über die Ursachen der Love-Parade-Katastrophe differenzierter geführt. Nikolaus Schneider, der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, war einer der ersten, die Gerechtigkeit für Sauerland forderten. Schneider, der selbst aus Duisburg kommt, versteht zwar das Verlangen nach Verantwortung, fordert aber ein nötiges Maß an Distanz. Einem Einzelnen dürfe nicht alle Schuld aufgebürdet werden, es dürfe nicht gleichsam ein Sühneopfer verlangt werden. Und der grüne Duisburger Stadtdirektor Peter Greulich sagt, Sauerland müsse aktiv an der Aufarbeitung teilnehmen. Er müsse dies im Interesse der Verwaltungsmitarbeiter, aber auch im Interesse seiner Familie und zu seinem persönlichen Wohlergehen tun. „Man tritt nicht ohne Schuldnachweis zurück. Nicht, wenn es um den erdrückenden Vorwurf geht, den Tod von 21 Menschen mitverantwortet zu haben.“

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