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Empörung garantiert : Die russische Kunst-Guerrilla

  • -Aktualisiert am

Heilige Unordnung: „Wojna” im Moskauer Quartier, darunter Pjotr Wersilow (2. v. li.), Oleg Worotnikow (3. v. li.) und Nadjeschda Tolokonnikowa (4. v. li.) Bild: Alexej Lukin

„Wojna“ nennt sich eine Gruppe junger Moskauer Aktivisten, die Sex in Museen praktizieren und Totenköpfe auf Putins Dienstsitz projizieren - Empörung ist garantiert. Nun aber ist etwas schiefgegangen.

          Die Bilder sorgten wieder einmal für Aufregung: Ein nacktes Pärchen, er mit langen Locken, sie mit einer Art Harlekinsmütze (und sonst nichts), imitiert an einem kalten Novembertag auf dem Pflaster vor dem ukrainischen Parlament Geschlechtsverkehr. Sie protestieren gegen die staatliche Moralkommission, ein von Kirchenvertretern dominiertes Gremium, das gegen Schwule und Pornographie kämpft. Das Echo in der Blogosphäre und den ukrainischen Medien ist groß, alle erkennen die Handschrift der Aktionskünstler von „Wojna“, aber diesmal ist etwas schiefgegangen: Der Junge mit den langen Haaren, ein ukrainischer Blogger, schmort jetzt im Knast, ihm drohen fünf Jahre Haft.

          Ein paar Tage später sitzt Pjotr Wersilow in der Kelleretage des Cafés „Schokoladniza“ im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt. Ein dünner Bart um das jungenhafte Gesicht, immer ein schelmisches Lächeln auf den Lippen, der Hosenstall seiner fleckigen Hose steht offen; neben ihm die misstrauisch-schüchterne Nadjeschda Tolokonnikowa, eine junge Frau mit leicht melancholischen Augen. Die beiden sind führende Mitglieder der Moskauer „Art-Gruppa Wojna“. „Wojna“ bedeutet auf Russisch „Krieg“, und den erklären sie seit zwei Jahren mit ihren Kunstaktionen Polizisten, Politikern und dem Kunstestablishment. Bilder und Videos ihrer Aktionen werden im Internet hunderttausendfach geklickt, Kommentatoren vergöttern und verfluchen sie für ihre Provokationen.

          „Glaube nie einem Polizisten. Ergib dich nie“

          Hier in Kiew sind die Moskauer nur zu Gast: Jener inzwischen inhaftierte Blogger hatte sie um Unterstützung für seine Aktion gebeten - im Internet war er auf frühere Aktionen von „Wojna“ gestoßen und hatte sich inspirieren lassen. Jetzt telefonieren Pjotr und Nadja mit Anwälten und Angehörigen des festgenommenen Aktionskünstlers, diskutieren erregt, was zu tun ist, schreiben neue Blog-Einträge auf ihren Notebooks. Während der Ukrainer mit seiner Partnerin kopulierte, beschränkten sie sich dieses Mal darauf, das Ganze zu filmen und zu fotografieren. „Das war keine Aktion von ,Wojna'“, versucht sich Pjotr zu distanzieren. Aber die Ähnlichkeit zu früheren Aktionen der Gruppe ist groß: Die Medien haben die Provokation „Wojna“ in die Schuhe geschoben.

          Bei allem Mitleid für ihren Bekannten können die beiden nun ihren Ärger über dessen mangelnde Professionalität nicht verbergen: Hätte sich der Blogger an ihre Sicherheitstipps gehalten, wäre er jetzt nicht im Gefängnis, sagen sie. „Glaube nie einem Polizisten. Ergib dich nie. Zieh deine Aktion schnell durch - und verschwinde leise“, sagt Pjotr. Es sind die drei Grundregeln von „Wojna“. Dennoch hat die ukrainische Polizei sie bei einer Razzia in ihrer konspirativen Wohnung aufgespürt - und fast hopsgenommen.

          Das Regime entsakralisieren

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