https://www.faz.net/-gum-14l64

Empörung garantiert : Die russische Kunst-Guerrilla

  • -Aktualisiert am

Beim Namen „Kulik“ verdreht Wersilow inzwischen die Augen: Der gehöre doch längst zum Establishment, sagt er abschätzig. Pjotr und die anderen halten nichts von Künstlern, die Bilder malen oder Installationen in Museen ausstellen. Sie wollen nach draußen gehen, öffentlich provozieren. Bei ihren Aktionen muss das Adrenalin fließen oder, wie es Pjotr ausdrückt: „Eine Aktion ist ein totalitärer Orgasmus.“ Über die Aktionen eines anderen, weniger radikalen Künstlers sagt er abschätzig: „Das ist wie ein bisschen reinstecken, aber nicht kommen.“

Die russische Bloggerwelt jubelt

Es scheint, als durchbreche die Gruppe um Worotnikow und Wersilow tatsächlich mit jeder Aktion eine weitere Grenze. Am Tag der Oktoberrevolution im vergangenen Jahr veranstalteten sie einen „Sturm auf das Weiße Haus“: Mit einem Beamer projizierten sie einen riesigen Totenschädel auf den Arbeitsplatz von Wladimir Putin und der russischen Regierung im Zentrum Moskaus und kletterten dann johlend über die mehrere Meter hohen gusseisernen Gitter. Die russische Bloggerwelt jubelte.

Anfang des Jahres knüpften sie einige usbekische Gastarbeiter und Schwule in einem russischen Supermarkt auf und nannten die Aktion „Ein Geschenk für Luschkow“. Die Bilder von den baumelnden Tadschiken waren beeindruckend - natürlich hingen die Opfer nicht wirklich an der Schlinge, sondern an einem Klettergurt. Ein Denkzettel für den Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow sei das, erklärten sie in einem Statement, für seine schwulenfeindlichen Äußerungen und die schon fast alltäglich gewordenen Morde an Gastarbeitern aus Zentralasien.

„Wir leben wie Partisanen von Diebstahl!“

Mit den „Narren in Christo“ kann Pjotr Wersilow wenig anfangen. Er dagegen verehrt die „Moskauer Konzeptualisten“, russische Intellektuelle, die in den siebziger und achtziger Jahren mit ihren konspirativen Kunstaktionen die offiziöse Kommunistenkunst konterkarierten. Höhe- und gleichzeitig Endpunkt der Konzeptkunst war eine Aktion vor dem Lenin-Mausoleum: Die Aktivisten legten sich in der Form des russischen Wortes für „Schwanz“ auf das Kopfsteinpflaster des Roten Platzes - und wanderten für diese Respektlosigkeit für mehrere Tage ins Gefängnis.

So wundert es wenig, dass die Gruppe ihre größten Fans unter den Konzeptualisten-Veteranen findet: „Die moderne Kunst in Moskau existiert heute nur dank ,Wojna'“, sagt der sechzigjährige Andrej Monastyrski, Gründer der Gruppe „Kollektive Aktion“. „Wenn es die Gruppe nicht gäbe, wäre die gesamte russische moderne Kunst eine einzige traurige, provinzielle, kommerzielle Scheiße.“ Die meisten anderen Kunstkollegen haben allerdings wenig übrig für die jungen Wilden: Dass sie „Bakterien im Kefir unserer Gesellschaft“ sind, ist noch das Positivste, was sich Oleg Kulik abringen kann. Ansonsten seien ihre Aktionen „linke PR“, sagt Kulik, der sich selbst in den neunziger Jahren für seine „Mensch-Hund“-Aktionen nackt anketten ließ und Passanten anfiel. Für ihn sind die Künstler Rowdys, die weder Kunst noch Politik machen. „Wenn einer auf den Boden kackt, wird er verhaftet. Wenn einer aber sagt: ,Ich bin Künstler', gilt das als ästhetische Provokation“, schimpft er. Aber seine Kritik geht noch weiter: „Putin kommen solche Typen zupass. Die Regierung kann sie im Fernsehen zeigen und sagen: ,So sieht die Opposition aus!'“

Über derartige Vorwürfe kann Pjotr nur lachen. Er fläzt sich selbstzufrieden auf seinem Stuhl in dem Kiewer Café, das er am Ende auch wieder verlassen wird, ohne zu zahlen. Und nach der politischen Opposition und Kulik kriegt zu guter Letzt auch noch Karl Marx sein Fett weg. „Wir wollen uns nicht an irgendwelche Kuratoren oder politische Kräfte vernutten, die uns dann zu Kompromissen zwingen. Marx lebte vom Geld des reichen Sacks Engels, wir aber leben wie Partisanen von Diebstahl!“

Weitere Themen

Grauwal vor Neapel gesichtet Video-Seite öffnen

Seltene Begegnung : Grauwal vor Neapel gesichtet

Im Mittelmeer vor Neapel hat ein Grauwal die Nähe zu einem Boot gesucht. Die Personen an Bord konnten den Meeressäuger sogar berühren. Eigentlich ist diese Spezies im Atlantik und im Mittelmeer seit langem ausgerottet.

Topmeldungen

Joe Biden und der Klimagipfel : Die beste Klimapolitik ist global

Seit 30 Jahren wird mit ambitionierten Politiken auf Staatenebene der Eindruck vermittelt, man verzeichne Fortschritte im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Diese Suggestion gelingt nur, wenn man die entscheidende Kennziffer vernachlässigt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.