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Empörung garantiert : Die russische Kunst-Guerrilla

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„Wojna“ ist ein anarchistischer Haufen von 20 bis 25 jungen Leuten, die meisten sind Anfang zwanzig und haben sich an der Philosophiefakultät in Moskau kennengelernt. Mit dem professionellen Nachdenken über Sinn und Zweck des Daseins haben sie jedoch gebrochen: Es geht ihnen darum, die Welt zu verändern. „Wir wollen die Leute zum Nachdenken bringen“, sagt Nadjeschda. Von Aktivisten wie Garri Kasparow und Eduard Limonow, der „liberal-provokativen Opposition“, halten sie jedoch wenig: „Transparent entrollen, auf die Ankunft der Bullen warten und schauen, ob das brutale Regime mich einsperrt - so was machen wir nicht.“ Sie versuchen, schneller als die Polizei zu sein. „Wir wollen das Regime entsakralisieren“, sagt Pjotr. Ideologischer Anführer ist Oleg Worotnikow, Spitzname „Wor“ (Dieb), ein verkrachter Poet aus der Provinz, der als Einziger die Dreißig schon überschritten hat. Geld haben die jungen Provokateure kaum, sie leben in konspirativen Wohnungen oder Garagen, ernähren sich von Lebensmitteln, die sie in Supermärkten mitgehen lassen, in Cafés prellen sie die Zeche, aus Prinzip.

Im Frühjahr 2008, einen Tag bevor die Russen Putins Erben Dmitrij Medwedjew wählen sollten, machten sich Oleg, Pjotr, Nadjeschda und ein paar weitere Freunde auf den Weg in das Biologische Museum im Norden Moskaus, gingen vorbei an den Wächtern, die sich über den ungewohnten Andrang freuten. Zwischen Terrarien und Schautafeln entkleideten sie sich, um sich dann voller Lust dem Geschlechtsverkehr zu widmen. „Fick zur Unterstützung für den Bärchen-Nachfolger“ hatten sie von Hand auf ein Plakat geschrieben, das zwei Aktivisten zur Erklärung hochhielten. „Bärchen“ ist auf Russisch eine Verballhornung des Namens Medwedjew. Bilder und Videos der Aktion standen nach kurzer Zeit auf Platz eins der russischen Internet-Charts, die Kommentare reichten von „Pornographen“ über „Vollidioten“ bis hin zu Anwürfen, sie hätten ihrer Universität Schande gebracht. Der wissenschaftliche Rat der Philosophischen Fakultät der Lomonossow-Universität distanzierte sich öffentlich, die nationalistisch-orthodoxe Gruppe „Volksversammlung“ verklagte ein Mitglied der Gruppe wegen Verbreitung von Pornographie.

Die ersten Erfolge mit Wodka begossen

Dennoch sitzt bisher kein Mitglied der Gruppe im Gefängnis - was wie ein Wunder scheint in einem Land, dessen Staatsmacht mehrere Hundertschaften Polizisten aufmarschieren lässt, um ein paar Dutzend Oppositionelle daran zu hindern, im Zentrum Moskaus „Putin muss weg“ zu rufen. Eine Erklärung liefert der bekannte Gegenwartskünstler Oleg Kulik, in dessen Werkstatt die Gruppe sich formiert, ihre Aktionen ausgeheckt und die ersten Erfolge mit Wodka begossen hat. „Sie stehen in der Tradition der ,Narren in Christo'“, sagt Kulik. Die Verrücktheit der „Narren in Christo“ wird in Russland seit dem Mittelalter respektiert: Das Volk geht davon aus, dass sie göttlich inspiriert sind und deshalb Wahrheiten aussprechen dürfen, für die andere zur Verantwortung gezogen würden. Noch wichtiger in diesem Falle: Die „Narren in Christo“ unterstehen allein dem Wort Gottes, aber keiner irdischen Gerichtsbarkeit.

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