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Horrorthema Elternabend : Und einer schreibt das Protokoll

Erwachsene sitzen hier nicht komfortabler als die Kinder: Einen Abend im Klassenzimmer verbringen zu müssen ist für viele Eltern eine Erfahrung, auf die sie gut und gern verzichten könnten. Bild: Prisma Bildagentur

Elternabend – für viele ist das fast so schlimm wie Zahnwurzelbehandlung oder Steuererklärung. Die zäh verstreichende Zeit, die unbequemen Stühlchen und, am allerschlimmsten, die anderen Eltern. Aber nutzen diese Abende überhaupt den Kindern?

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          Lehrer: „Die Buchstaben bringen wir den Kindern mit einem großen Tafelbild bei, auf dem alle Dinge zu sehen sind, die beispielsweise mit ,P‘ beginnen. Pilze etwa fangen ja nicht zufällig mit ,P‘ an.“ Ich: „Wieso nicht zufällig?“ Lehrer: „Na, die ploppen ja so plötzlich aus dem Boden.“ Andere Eltern: „Ja. Stimmt eigentlich. Genau, ,P‘ passt irgendwie zu Pilzen.“ Ich: „Und wie unterrichtet man das in Italien?“ - Lehrer: „Verstehe ich nicht.“ - Ich: „Na, ,funghi‘ ploppt jetzt nicht ganz so stark.“ (Vater, 48 Jahre)

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Anfang vom Elend ist der Geburtsvorbereitungskurs. Eben noch war man ein normaler Mensch, ein Individuum mit Beruf, Freunden und ganz persönlichen Vorlieben. Plötzlich findet man sich in einem Kreis von Fremden wieder, mit denen man nur eine einzige, zu diesem Zeitpunkt noch ungeborene Gemeinsamkeit hat. Dieses gemeinsame Etwas soll - da sind sich die Hormone mit der kinderarmen Gesellschaft einig - so kostbar sein, dass man von nun an nicht nur immerfort nach dessen Bestem trachtet, sondern auch Beistand braucht. Und so kniet und lagert man völlig unerwachsen mit angeblich Gleichgesinnten auf Matten. Einatmen, ausatmen. Bitte alle hecheln. Die Zwangsvergemeinschaftung zum Elternwesen hat begonnen.

          Bei meinem ersten Elternabend ging meine Tochter noch gar nicht in die Krippe. Wir hatten einen Platz in einer kleinen Krabbelstube ergattert, und ich hoffte auf praktische Handreichungen: Worauf müssen wir uns einstellen? Was wird von uns erwartet? Ein Treffen in der Kneipe, und dann passiert - nichts. Keine Tagesordnung, keine Gesprächsführung. Die Erzieherinnen, die ihre Tage sonst mit Zweiwortsätzen bestreiten, erzählen Anekdoten, die Eltern plauschen privat. Nach einer Viertelstunde schaue ich das erste Mal auf die Uhr. Zwei Stunden später erfahre ich, dass solche „Stammtische“ im Wechsel mit den Elternabenden alle sechs Wochen stattfinden. Und ich dachte, wir hätten einen Betreuungsplatz gebucht! (Mutter, 33)

          Elternabende wie Steuererklärung oder Zahnwurzelbehandlung

          Niemand hat behauptet, Elternabende wären vergnügungsteuerpflichtig. Schon Reinhard Mey besang die Grundmuster dieser merkwürdigen Veranstaltung, und auch wenn das Schlimmste an seinem „Elternabend“ von 1992 sein eigenes Gedudel war - recht hatte er schon. Von der Anwesenheitsliste über die viel zu kleinen Stühle und die Wahl der Elternsprecher, bei der sich alle wegducken, bis zu den fragwürdigen Erinnerungen ans eigene Schülerdasein und die wachsende Gewissheit, Freizeit zu verplempern: „Nichts ist so erlabend . . .“, trällerte Mey mit wohlwollender Ironie.

          In Zeiten, da Kinderhaben als Mischung aus Lifestyle und Lebensprojekt zelebriert wird, ist der lästige Termin zur Zumutung geworden. Wer sich mit dem Satz verabschiedet, er müsse jetzt zum Elternabend, kann mit den gleichen Reaktionen rechnen wie jemand, der seine Steuererklärung oder eine Zahnwurzelbehandlung erwähnt. Wissendes Kopfnicken, mitleidige Blicke.

          Es gibt Eltern, die Elternabende boykottieren. In großer Mehrzahl sind das Väter. Schule und Erziehung gelten ihnen als Frauensache, sie als Visionäre geben sich mit dem Klein-Klein des Tagesgeschäfts nicht ab. Manche Frau schickt aber auch grundsätzlich ihren Mann, weil sie weiß, dass sie selbst sich zu sehr aufregen würde.

          Man macht sich lustig

          Oder eben: Man macht sich lustig. Ganze Bücher heißen „Schlachtfeld Elternabend“ oder „Große Ärsche auf kleinen Stühlen“. Die Live-Berichte von den Elternabenden des Bloggers Nico Lumma sind bei Twitter zum Ereignis geworden, das von Tausenden Followern herbeigefiebert wird. Nächste Woche kommt die sehr lustige und kluge Verfilmung eines preisgekrönten Theaterstücks über das Prinzip Elternabend ins Kino: „Frau Müller muss weg“.

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