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Einwohnerzahlen : Amsterdam ist jetzt so voll wie nie

873.200 Einwohner zählt Amsterdam Ende November. Damit leben so viele Menschen in der Metropole wie noch nie. Bild: Frank Röth

Grachten, Giebelfassaden, Radwege und viele Menschen: Amsterdam ist nicht nur bei Touristen beliebt. Jetzt hat die niederländische Metropole einen 60 Jahre alten Einwohnerrekord gebrochen und ist damit so bevölkerungsreich wie nie zuvor.

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          Dichter noch als sonst drängen sich Fußgänger auf dem Weg zum Zug, entlang von Bauzäunen an der Westlichen Zugangsbrücke. Radfahrer müssen absteigen. Vor dem Hauptbahnhof renoviert Amsterdam sein Entree, fünf Jahre Großbaustelle stehen an. Gerade legen Bauarbeiter an der Westseite des Bahnhofsplatzes neue Leitungen und Kabel, ersetzen das Kanalisationspumpwerk. Etwas östlich steigt ein Büro- und Wohnkomplex in die Höhe, der Rohbau erreicht die dritte Etage. Unter anderem wird Booking.com hier seine Zentrale beziehen. Eine Fuß- und Radwegachse Richtung Osten ist deswegen zeitweise abgesperrt.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vor dem Bahnhof wird es also auf Jahre hinaus noch enger als ohnehin schon. Aber auch abseits der Baustellen wird es in der größten niederländischen Stadt mit jedem Jahr voller. Touristen strömen in die Metropole, die inzwischen bittet, Besucher mögen doch auch mal andere Orte aufsuchen. Aber auch von innen heraus quillt die Stadt über: Sie zählt Ende November so viele Einwohner wie nie – 873.200, so die neue Schätzung der Gemeinde. Damit ist der Rekord aus dem Jahr 1959 gebrochen. Damals waren es 872.428 Bewohner.

          Es ist heute kaum vorstellbar, aber lange litt die Metropole unter der Stadtflucht: Von der zweiten Hälfte der sechziger Jahre an verlor sie 20 Jahre lang im Schnitt 10.000 Bewohner jährlich. Nach Purmerend im Norden zogen die Leute oder in die neuen Reißbrettstädte Almere und Lelystad in der Provinz Flevoland, die frisch dem Meer abgetrotzt worden war.

          Magnet für junge Leute und Ausländer

          Aber der Trend hat sich umgekehrt, und er ist inzwischen dramatisch: Amsterdam zieht neue Einwohner an wie ein Magnet. Junge Leute und auch viele Ausländer, wie vor allem in den Neubausiedlungen erkennbar ist. In Zeeburgereiland, wo gerade Tausende Wohnungen entstanden sind und noch entstehen, wirbt die neue Zahnarztpraxis um Kunden in Niederländisch und Englisch. Seit 2008 hat die Stadt jährlich durchschnittlich 10.000 Bewohner netto im Jahr gewonnen; in den zehn Jahren zuvor waren es etwa 3000 jährlich gewesen.

          Nun tummeln sich hier also wieder so viele Leute wie Ende der fünfziger Jahre – allerdings auf eine größere Fläche verteilt. Das stadthistorische Museum hat das eindrucksvoll illustriert, auf großen Karten. Die zeigen einerseits die riesigen Flächen, um welche die Stadt von 1950 bis 2000 an den Rändern gewachsen ist – namentlich im Westen, im Süden und im Südosten. Andererseits dokumentieren sie den Einwohnerschwund. Die klassische Wohnung – drei Zimmer, 60 bis 65 Quadratmeter – wurde früher von ganzen Familien belegt; heute wohnen oft Alleinstehende oder Paare darin.

          In der Innenstadt aber drängen sich Fußgänger, Radfahrer – auch Autos – wie nie, maßgeblich wegen der Touristen. Die schwärmen gruppenweise zu Fuß oder auf roten Mietfahrrädern durch enge Gassen; viele Einwohner sind inzwischen gegen das Geräusch von Rollkoffern allergisch. Die Reisenden belegen Wohnungen, wollen, vermittelt durch Plattformen wie Airbnb, privat wohnen statt im Hotel oder in der Herberge.

          Für den ständigen Zustrom an Einwohnern hat die Stadt in den vergangenen Jahren riesige Flächen als Bauland ausgewiesen. Denn die Metropole zieht immer mehr Funktionen an. Die Niederlande sind zwar historisch bedingt dezentral organisiert – nicht zuletzt sitzt die Regierung in der drittgrößten Stadt Den Haag. Aber Unternehmen und Organisationen verlegen ihre Zentralen nach Amsterdam: ob Großkonzerne wie der Chemiekonzern Akzo Nobel, der vor Jahren aus Arnhem übersiedelte, oder kleinere Gesellschaften wie der Bauentwickler BPD, der im vergangenen Jahr aus Hoevelaken nahe Amersfoort hierher zog. Sogar die angesehene Zeitung „NRC Handelsblad“ – trotz ihres Namens keine spezielle Wirtschaftszeitung – verlagerte ihren Sitz, obwohl im R des Namens die Rotterdamer Wurzeln stehen. Die großen Printmedien sind damit praktisch alle in der Hauptstadt angesiedelt. Ausländische Technikunternehmen siedeln sich in Amsterdam an, große Finanzinstitute sitzen hier, wissenschaftliche Einrichtungen und Start-ups. Im Süden der Stadt ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein veritabler neuer Finanzdistrikt mit ansehnlicher Hochhaussilhouette entstanden. Dass die Magnetwirkung Amsterdams nachlässt, ist nicht absehbar – als nächstes nimmt die Metropole die Millionenmarke ins Visier.

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