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Zuwanderung aus Südosteuropa : Die Roma von Neukölln

Es gibt solche und solche: Vor wenigen Jahren türmten sich im Innenhof des Arnold-Fortuin-Hauses noch Müllberge Bild: Corbis

Die Ablehnung gegenüber Rumänen und Bulgaren ist enorm, auch im Berliner Bezirk Neukölln. Das Arnold-Fortuin-Haus, in dem 600 Menschen wohnen, ist aber ein Positivbeispiel für den kommunalen Umgang mit den Zuwanderern.

          6 Min.

          Immer wenn Benjamin Marx Besuchern das Arnold-Fortuin-Haus zeigt, begibt er sich zunächst in den zweiten Hinterhof. An den schmuck renovierten Gründerzeitbau in Berlin-Neukölln grenzen Nebenhäuser im Stil der fünfziger Jahre. Die winterlichen Rosenbeete sind gepflegt, dazwischen stehen Parkbänke aus buntgesprenkeltem Plastik, die selbst an einem grauen Januartag einladend wirken. Marx begrüßt eine rundliche Frau mit Besen in der Hand. Ein hagerer Mann tippt sich an die Schirmmütze.

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Projektleiter Marx, der den Gebäudekomplex im Auftrag der katholischen Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft vor knapp drei Jahren gekauft und dann saniert hat, wird noch einen geschmackvoll ausgestatteten Veranstaltungskeller vorführen. Die Nähwerkstatt. Den kleinen, eigens errichteten Ausstellungspavillon, in dem ein riesiges Herz von der Decke hängt, das ein Künstler aus recycelten Plastiktüten und Verpackungen geschaffen hat. „Amor“ steht an der Wand. Man kann und soll das Wort auch rückwärts lesen.

          Als erstes jedoch öffnet Marx im zweiten Hinterhof eine Gittertür und sagt: „So sieht der Müll heute aus.“ 16 Container in Reih und Glied, vier davon gelb, drei blau, an zwei Restmülltonnen steht der Deckel offen. Auf dem Boden des umzäunten, mit Efeu berankten Areals liegt – nichts.

          Müll, viel Müll, insbesondere, wenn er sich in Hinterhöfen türmt, ist zum Symbol geworden für eine Entwicklung, die im Zuge der EU-Osterweiterung erwartbar war, die sich in vielen Köpfen inzwischen jedoch zur Bedrohung mausert, weil sie Begriffe wie „Armutszuwanderung“, Vorurteile gegen Roma sowie einen angeblichen oder vermuteten Missbrauch der Sozialsysteme verquickt.

          Neukölln steht für einen pragmatischen Ansatz

          Tatsächlich gibt es in Städten wie Duisburg und Dortmund Einwanderer aus Rumänien und Bulgarien, die in sogenannten Problemhäusern leben und als nur schwer Integrierbare eine beachtliche Medienkarriere hinter sich haben. Als das Gebäude an der Harzer Straße in Berlin noch nicht nach dem Pfarrer Arnold Fortuin hieß, der Sinti und Roma vor den Nazis rettete, als dort zwischen kaputten Fenstern, Matratzenlagern und Ratten mehr als tausend Menschen lebten und nicht, wie heute, 600, war auch diese Adresse ein frühes, extremes Beispiel für die Herausforderungen, mit denen von Armutszuwanderung betroffene Kommunen zu kämpfen haben.

          „Die Harzer Straße ist für uns ein Glücksfall, ein absolutes Positivbeispiel dafür, wie es auch gehen kann, weil hier eine Wohnungsgesellschaft Verantwortung übernommen hat.“ Sagt Franziska Giffey. Die SPD-Frau, blond, jung, promoviert, ist Bezirksstadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport in Neukölln. Sie verantwortet die Bemühungen des Bezirks zur Integration der Einwanderer aus Südosteuropa. 5000 Rumänen und Bulgaren waren 2012 im Stadtteil gemeldet. Nach Schätzungen des Bezirks liegt die tatsächliche Zahl doppelt so hoch.

          Giffey nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie beschreibt, um was für Zuwanderer es sich dabei handelt. Keine Ärzte, keine Krankenschwestern. Stattdessen Männer und Frauen ohne Berufsabschluss, die oft nur kurz zur Schule gegangen sind, darunter Analphabeten. Viele von ihnen seien Roma und hätten viele Kinder. Giffey spricht von einer Wanderung „aus prekären in prekäre Verhältnisse“. Nur in ohnehin problemgebeutelten Vierteln ließen sich Schrottimmobilien an Familien vermieten, die sonst nirgendwo eine Wohnung fänden – teilweise zu Wucherpreisen. In Neukölln gebe es dreißig dieser Häuser. Überbelegung sei die Regel. Ein Geschäftsmodell, sagt die Politikerin: „Diesen Leuten das Handwerk zu legen, ist aus kommunaler Sicht sehr schwer.“

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