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Einwanderer in Deutschland : „Ich bin Teil der Mittelschicht“

  • Aktualisiert am

Paulina Nemzov in ihrer Kanzlei in Wiesbaden Bild: Röth, Frank

Schon seit vielen Jahren kommen Einwanderer aus Rumänien und Bulgarien nach Deutschland. In der hitzigen Debatte wundert sich nun manch einer von ihnen: Wieso bin ich plötzlich ein Problem? Eine Erkundung.

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          Das Land streitet über Einwanderer aus Rumänien und Bulgarien: Wer kommt da? Wie viele werden es? Wollen die alle Hartz IV? Dabei sind viele schon da. Kommunen müssen ganz pragmatisch Lösungen für die schwierigen Fälle finden. Und manch einer der gut ausgebildeten Einwanderer wundert sich: Wieso bin ich plötzlich ein Problem? Eine Erkundung.

          Paulina Nemzov 44 Jahre, Rechtsanwältin aus Wiesbaden

          Ich habe mir das Geld für mein Jura-Studium hart erarbeitet. Ich bin gelernte Krankenschwester und habe zwölf Jahre lang in einem Frankfurter Krankenhaus geschuftet. Dazu hatte ich teilweise bis zu drei Nebenjobs - als Aushilfe im Pflegeheim oder in einer Reha-Einrichtung. Nach 12 Stunden Arbeit bin ich abends oft todmüde ins Bett gefallen. 2004 hatte ich endlich das Geld zusammengespart. Durch mein Studium wollte ich zeigen: „Ich bin so wie ihr Deutschen!“

          „Die Diskussion um Armutseinwanderung nach Deutschland ist sehr künstlich“

          Ich komme aus Dobritsch, einer Stadt im Nordosten Bulgariens, 30 Kilometer vom Schwarzen Meer entfernt. Damals erschien Deutschland für mich wie das Paradies. Dort gab es einen Rechtsstaat, eine funktionierende Demokratie - das hat mich fasziniert. Ich bin 1991 als junge Frau nach Deutschland gekommen, kurz nach dem Fall der Mauer. Was heute lächerlich klingt: Damals gab es in Bulgarien nur knapp 70 Studienplätze - für alle.

          Ich finde die derzeitige Diskussion über Armutseinwanderung nach Deutschland sehr künstlich, sie hat für mich nichts mit dem realen Leben zu tun. Die Menschen, die wirklich auswandern wollten, sind schon längst da, weil sie sich auch bisher auf ihre

          Gewerbefreiheit berufen konnten. Durch die uneingeschränkte Freizügigkeit wird sich die Situation kaum verändern. Es ist diskriminierend, wenn man sagt: „Die Armen müssen draußen bleiben.“ Das steht doch im Widerspruch zu unseren demokratischen Prinzipien. Ich bin Teil der Mittelschicht hier in Deutschland, und trotzdem fühle ich mich als Frau mit bulgarischen Wurzeln von der Debatte betroffen.

          In meiner Kanzlei berate ich viele Bulgaren. Meine Mandanten fühlen sich im Alltag von den Behörden oft unfair behandelt. Ihre Anträge auf Sozialhilfe werden nicht oder nur sehr langsam bearbeitet. Es gibt eine Stimmung gegen Südosteuropäer - da müssen wir uns nichts vormachen. Eine pauschale Polemik gegen arme Einwanderer verstärkt diesen Trend leider nur. Daraus kann keine sinnvolle Diskussion entstehen.

          In Bulgarien wird die Debatte sehr genau verfolgt. Viele bulgarische Ärzte und Ingenieure, die auswandern wollen, können sich ihre neue Heimat aussuchen. Nach so einer Diskussion wird sich der ein oder andere gut überlegen, ob er nach Deutschland kommt. In anderen Ländern werden Ausländer viel selbstverständlicher als vollwertige Bürger behandelt.

          Ich fühlte mich in Deutschland nie persönlich ausgegrenzt. Allerdings habe ich mich auch sehr stark bemüht, mich zu integrieren. Mir war immer klar, dass ich mich in dieser neuen Gesellschaft beweisen muss.

          Ana-Violeta Sacaliuc 44 Jahre, Angestellte in Offenbach

          Nicht nur in Deutschland macht man sich seit dem 1. Januar viele Gedanken, sondern auch in Rumänien. Die Regierung in Bukarest versucht gezielt, die Auswanderung qualifizierter Menschen zu stoppen. Denn das Land verliert seine Elite - seine Banker, seine Pflegekräfte und seine Ärzte. Dieses Problem wird in der Debatte um rumänische Einwanderer oft vergessen. Zurück bleibt eine Gesellschaft, die sich entwickeln müsste, der aber die gebildeten Menschen für die Schlüsselpositionen fehlen.

          Ana-Violeta Sacaliuc in Offenbach

          Ich war als junge Frau begeistert von der Freiheit, die uns das neue Europa geboten hat. Meine Heimatstadt Timisoara liegt im Westen Rumäniens. Von dort bin ich durch Europa gereist, ich habe auch eine Zeit in Frankreich gelebt.

          Nun wohne ich seit zehn Jahren in Deutschland, der Alltag hat die Faszination etwas überdeckt. Als ich mich damals bei den Behörden registrieren wollte, habe ich auf dem Anmeldeformular nach dem Feld „Bildungsstand“ gesucht. Die Zeile fehlte. Ich habe dann gesagt, dass ich Soziologie studiert und bei der Regierung im Bereich Menschenrechte gearbeitet habe. Das hat niemanden interessiert. So lief mein erster Kontakt mit dem System. Ich habe aber auch viele Menschen kennengelernt, die sehr neugierig auf mich waren und mich mit offenen Armen empfangen haben.

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