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Mit Clown oder Kutsche : Eltern machen Einschulung zum Prestige-Event

  • Aktualisiert am

Die Schultüte, traditionelles Rüstzeug der Erstklässler. Bild: dpa

Nichts als eine prall gefüllte Schultüte – wie sieht denn das auf Facebook aus? Viele Eltern inszenieren den ersten Schultag als Großereignis und Statussymbol, als ginge es darum, sich gegenseitig zu überbieten.

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          Die sechsjährige Lisa kann zwar noch nicht lesen. Ihre Verwandten wünschen ihr aber schon mal in einer Zeitungsannonce viel Glück zum Schulstart. Sie reisen zur Einschulung mit Schultüten und anderen Geschenken an. Nach der Begrüßung der Erstklässler in der überfüllten Schul-Aula wird groß gefeiert, zunächst im lange vorher dafür reservierten Restaurant, später zu Hause. Bei manchen Familien kommt auch ein Clown oder Zauberer zur Belustigung, andere organisieren für den Nachmittag Kutschfahrten und Zoobesuche. Der erste Schultag wird zunehmend zum Event. Aufwand und Ausgaben steigen. Pädagogen sehen den Trend mit gemischten Gefühlen.

          Zu den Einschulungsfeiern in den Schulen kommen immer mehr Menschen, „selbst wenn die Schülerzahlen gleich bleiben oder gar sinken“, berichtet der hessische Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Stefan Wesselmann. „Der VBE Hessen sieht natürlich mit Freude, dass Eltern so viel Anteil nehmen an der schulischen Laufbahn, die ja mit der Einschulung beginnt.“ Es sei auch wichtig, dass Eltern ihren Kindern zeigten: „Wir begleiten und unterstützen dich.“ Dies sollte sich allerdings nicht auf die Übergänge und Abschlüsse beschränken, sondern grundsätzlich gelten, mahnt der Lehrer und Pädagoge.

          Eltern unter Druck

          Rakete, Einhorn oder Dino: Viele Mütter fühlen sich schon Wochen vor Schulbeginn unter Druck, um ihrem Kind eine besondere Schultüte zu basteln. Die Einladungskarten für die Einschulungsfeier sollen auch möglichst individuell ausfallen. Viele Restaurants sind für die Feiern schon lange vorher ausgebucht oder bieten Einschulungsbuffets.

          Cornelia Kelber vom Zukunftsinstitut in Frankfurt stellt fest: „Feiern, die früher privat waren, sind zum Statussymbol geworden. Man zeigt, wer man ist, und was man kann.“ Bei der Einschulung überböten sich viele Mütter gegenseitig.

          Außenwirkung immer mitgedacht

          Das Privatleben sei – wie in den sozialen Netzwerken – ein wenig zum Wettbewerb geworden und immer ein bisschen öffentlich: Denn alles kann gefilmt und im Internet gepostet werden. „Man hat die Facebook-Crowd immer im Hintergrund, bei allem was man tut“, sagt Kelber. Zugleich habe die Zeit abgenommen, in der die Menschen offline seien - also ohne Computer, Tablet oder Smartphone. Die Ansprüche an diese Stunden seien zugleich gewachsen. „Die Zeit, die man offline verbringt, wird zu etwas Besonderem.“

          Das Tamtam um den ersten Schultag birgt nach Einschätzung des VBE Hessen auch Risiken. VBE-Chef Wesselmann warnt davor, die eigenen Wünsche und Lebensträume zu sehr auf den Nachwuchs zu übertragen. „Schnell sehen sich Kinder schon zu Schulbeginn großen Erwartungen ausgesetzt, die sie dann nicht unbedingt so erfüllen können oder wollen“, berichtet der Pädagoge.

          „Ein guter lebenslanger Lernprozess beginnt mit Erfolgserlebnissen.“ Misserfolge ließen sich jedoch nur selten vermeiden, und es sei wichtig zu lernen, damit umzugehen. „Wenn Eltern ihre Kinder bestärken, aus Fehlern zu lernen, tragen sie wesentlich zum Aufbau eines gesunden Selbstvertrauens und damit zu einer guten Grundlage einer erfolgreichen selbstbestimmten „Schulkarriere“ bei.“

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