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Einkaufen in Deutschland : Restlos bedient

  • -Aktualisiert am

Seltenheit: Deutschlands Supermarkt des Jahres im württembergischen Weinstadt Bild: dpa

Einkaufen in Deutschland macht nur selten Spaß. Warenhäuser sind trostlose Konsumruinen, vergammeltes Obst bleibt im Verkauf, die freie Kasse fehlt ebenso wie geschultes Personal. Alexander Marguier hat die Hoffnung noch nicht verloren.

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          Merkt das eigentlich keiner, oder stört sich nur niemand daran? Die Obst- und Gemüsetheken zum Beispiel scheinen mit den benachbarten Ein-Euro-Socken-Wühltischen im Wettbewerb um die liebloseste Präsentation des Jahres zu stehen. Wobei die Socken immerhin noch den Vorteil haben, dass nicht wie bei den Orangen ungefähr jedes zehnte Exemplar verschimmelt ist und von einer kleinen Wolke aus Fruchtfliegen umschwärmt wird. Frische Kräuter gefällig? Viel Spaß beim Suchen! Das höchst übersichtliche Angebot aus Basilikum, Petersilie, Melisse und Schnittlauch ist derart willkürlich über die irreführenderweise „Frischebereich“ genannte Gemüseabteilung verteilt, dass man besser gleich darauf verzichtet und sich aus dem „Knorrfix“-Ständer mit einer Fertigmischung behilft.

          Wahrscheinlich befindet sich das Zeug deswegen auch in Griffnähe. Die Käsetheke entzückt das Kennerherz mit ausgefallenen Delikatessen wie in Plastik eingeschweißtem Edamer oder Industrie-Cheddar, Fleisch gibt es grundsätzlich portionsweise abgepackt aus Kunststoff-Schälchen, und im Regal mit den „internationalen Spezialitäten“ stehen wie üblich die untermittelmäßigen, dafür aber überteuerten Dittmann-Oliven oder Kattus-Pfefferschoten herum.

          Kein „Cora“ oder „Carrefour“ in Sicht

          Die Rede ist übrigens nicht von einem ukrainischen Supermarkt, sondern von einem riesigen „SB-Warenhaus“ im Rhein-Main-Gebiet - also mitten in einer der wohlhabendsten Gegenden eines der reichsten Industrieländer der Welt. Und dieser Laden, der noch dazu zum Portfolio eines weltbekannten deutschen Handelskonzerns gehört, ist keine Ausnahme, sondern leider die Regel. Außerdem ein Wunder an Flächenausnutzung im umgekehrten Sinn: Wie schaffen es die Betreiber eigentlich, so viel Platz mit einem derart bescheidenen Warenangebot zu füllen?

          Konsumwüste Deutscher Supermarkt

          Nein, Lebensmittel einzukaufen, das macht in Deutschland oft überhaupt keinen Spaß - erst recht nicht, wenn man weiß, wie es anderswo zugeht. In Frankreich zum Beispiel, wo im Außenbezirk jedes mittelgroßen Städtchens mindestens ein „Cora“, „Carrefour“ oder „Super U“ steht, von deren fachkundig geleiteten Fisch-, Fleisch- oder Käsetheken die Kunden deutscher Feinkosthäuser nur träumen können. In solchen Geschäften landet vergammeltes Obst umgehend auf dem Müll - anstatt wie hierzulande im Verkauf. Beim Bezahlen bildet sich üblicherweise auch kein Rückstau wie bei uns, wo Kasse 2 notfalls erst dann aufgemacht wird, wenn innerhalb der zwanzig Meter langen Warteschlange vor Kasse 1 Tumulte drohen. Aber das passiert selten, denn wir haben offenbar gelernt, den heimischen Lebensmittelhandel als eine Art marktwirtschaftliches Kuriosum mit sozialistischem Antlitz zu akzeptieren. Wie sonst könnten viele Discounter und SB-Warenhäuser noch im Jahr 2007 ihr bürokratisch-utilitäres Erscheinungsbild pflegen?

          Konkurrenz lässt das Geschäft veröden

          Was den Verkauf von Lebensmitteln angeht, ist Deutschland schon lange eine Welt für sich: Nirgendwo sonst in Europa sind die Umsatzrenditen geringer, sind die Verkaufsflächen pro Einwohner größer, ringen die Wettbewerber härter um Marktanteile und sind die Preise deswegen niedriger. Konkurrenz mag ja das Geschäft beleben, die Geschäfte selbst können aber trotzdem veröden, wie sich an den Folgen des unerbittlichen und mitunter ruinösen Preisunterbietungswettbewerbs besichtigen lässt, der besonders den Betreibern der großen SB-Warenhäuser kaum noch Geld für Investitionen übrig lässt.

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