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Eine Deutsche in Dubai : Uschi und die wüsten Schiffe

Sie weiß, wie die Wüste lebt: „Kamel-Uschi“ mit einem ihrer Tiere Bild: Helmut Fricke

Von Bad Waldsee in die Wüste: Die Deutsche Ursula Musch betreibt in Dubai eine Kamel-Farm. Ihre Gäste führt sie in die Lebensweisen und Traditionen der Beduinen ein. Sogar Staatsoberhäupter hat sie in ihrem Zelt schon bewirtet.

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          In der Wüste vor Dubai verdunkelt sich der Himmel, ein Sandsturm kündigt sich an. Das setzt weder Uschi Musch unter Druck noch ihr Kamel. „Wir haben alle Zeit der Welt, bis sich das Kamel setzt“, sagt die Deutsche aus Bad Waldsee lachend. Zuvor hat sie ein paar arabische Kehlkopflaute von sich gegeben, und das Kamel hat sie verstanden. Es setzt sich, eben mit aller Zeit der Welt, und Uschi Musch, die hier jeder als „Kamel-Uschi“ kennt, steigt ohne Hektik ab, auch wenn der Sturm ihr blondes Haar kräftig zersaust.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Uschi Musch hat in Dubai, der nahen Stadt, zwar eine Wohnung. Aber wirklich zu Hause fühlt sie sich hier draußen in der Wüste, auf ihrem einfachen Gut, mit ihren Kamelen und Ziegen. Hier nennt sie ein Stück Land ihr eigen mit einer kleinen Farm, wie nicht wenige einheimische Emiratis, die hinter dem Horizont in der Stadt leben, sie betreiben. Meist ist es in der Wüste ja kühler als in der Stadt. Die Luft ist trocken, oft weht ein Wind, der sich heute in einen Sandsturm hineinsteigert. Nie nähert sich Uschi ihren Kamelen mit der Hand. „Dann fürchten sie, geschlagen zu werden.“ Sie redet mit ihnen, ist vertraut mit ihnen.

          Absolut gutmütig seien diese Tiere, schwärmt sie. So wie man sie behandele, so behandelten sie auch die Menschen. Immer wieder muss sie sich über die wundern, die so gar nichts über Kamele wissen. Wenn sie etwa aus Europa kommen und sagen, sie wollten mal einen Tag auf einem Kamel ausreiten. „Das hält doch keiner durch“, klärt sie auf. Außerdem werde ein Kamel ja anders geführt als ein Pferd. Wenn ein Kamel seinen Kopf hochreiße, sollte man ihm schon nachgeben und ihm Luft geben.

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          Erst hatte sie einige Freunde auf die Farm eingeladen, hatte ihnen im Beduinenzelt arabischen Kaffee angeboten. Dann sagten die Freunde es weiter, und die Gruppen wurden immer größer. Es sprach sich herum, dass „die Kamel-Uschi“ auch arabisch kochen kann. Gelernt hat sie das alles von einer Familie aus Dubai, die sie seit 1988 kennt. Als sie damals einige Tage ausspannen wollte, in ein Reisebüro ging, sich nach einer Destination erkundigte, wo sie wenige Touristen sehen würde, aber dafür viel Sonne, nicht Mallorca und nicht Gran Canaria, da empfahl man ihr Dubai. Und sie musste erst einmal auf die Landkarte schauen.

          In Dubai lernte die kontaktfreudige Uschi eine Familie kennen, die mehr als 100 Kamele besitzt. Sie lud die Familie nach Bad Waldsee und auf den Cannstatter Wasen ein, und der älteste Sohn schenkte ihr aus lauter Freude ein Kamel. Die Familie führte die neugierige Deutsche auch in die Geheimnisse der arabischen Gastfreundschaft ein. Heute ist es die Kamel-Uschi, die in das Leben der Beduinen einführt, die ihre Gäste mit frisch gemachtem starkem arabischen Kaffee empfängt, mit Hefeklößchen, auf die sie etwas Dattelsirup träufelt. Sie beantwortet Fragen zu den Kamelen und fährt mit den Gästen durch die Wüste, wo sie nach Dornleguanen Ausschau hält, die immer weniger Futter finden und immer seltener zu sehen sind.

          Außerhalb der Farm sucht sie in der Wüste auch das Holz des Ghaf-Baums für Lagerfeuer. Manchmal lässt sie eine Ziege schlachten. Sonst könnte es Salone geben, einen arabischen Hähnchengulasch, das Currygemüse Marguga oder Magbus aus Ziegenfleisch mit Reis. Einfache Beduinenkost, denn Uschi Musch will bestimmt kein Touristencamp sein, wie sie an manchen Orten der Wüste wie Pilze, die ja nicht von hier sind, aus dem Boden schießen. Da gerät die Kamel-Uschi in Rage: „Das Essen ist in den Wüstencamps libanesisch, der Bauchtanz ist ägyptisch, und die Schischa hat auch nichts mit dem Leben der Beduinen zu tun.“ Die Reiseveranstalter verkauften in den Camps aber einen Traum, wie sich viele eben Arabien vorstellten. Konsequent lehnt die auf Unabhängigkeit bedachte Uschi Musch das alles ab. Auf ihrem Speisezettel steht auch Kamelfleisch, und wer rauchen will, bekommt die kleine Beduinenpfeife.

          Dass die eigenwillige Deutsche die Traditionen der Beduinen kennt und pflegt, hat sich herumgesprochen. Der Kontrast zu ihrer einfachen Farm in der weiten Wüste vor Dubai könnte nicht größer sein: Das Super-Luxushotel Emirates Palace in Abu Dhabi, im Volksmund nur „der Palast“ genannt, hat sie nun engagiert. Vor dem Westflügel des Superlativs an Luxus hat sie vor dem Strand ein einfaches Zelt aufgebaut, mit fünf Kamelen und der ganzen Palette der Gastfreundschaft der Beduinen - also derer, die aus der Wüste kommen und dort leben.

          Staatsoberhäupter hat sie bedient und große Orchester, die in dem Palast gastieren. Je mehr Gäste sie bewirtet, desto eher kommt es vor, dass die unerschrockene Uschi eine Schüssel hinstellt und jeder daraus mit der Hand zu essen hat. Beschwert hat sich noch keiner. Denn schöner kann man es kaum haben: „Das ist die Wüste direkt vor dem Hotelzimmer“, sagt die Uschi. Ihre Wüste lebt aber dort, wo ihre Farm ist und wo Sandstürme von Zeit zu Zeit den Himmel verdunkeln.

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