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Eine botanische Liebesgeschichte : Von Moosen und anderen Verborgenblühern

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Auf einer Moostagung lernten sie sich kennen: Ludwig Meinunger und Wiebke Schröder. Bild: Roger Hagmann

Jahrelang ist Ludwig Meinunger allein im Wald unterwegs gewesen. Dann lernte er die Frau kennen, die seine Begeisterung für Leber-, Torf- und Laubmoose teilt. Sie schrieben ein Buch und sind nun ein berühmtes Paar innerhalb der Botanik.

          Die Welt könnte Ludwig Meinunger nun bereisen. Er hat ein Buch geschrieben, das Fachleuten als fundamental gilt, und eine Pflanzenart ist nach ihm benannt. Er könnte nun hinaus, sagt er, das Geld dazu hätte er. Vielleicht ist die Ferne sein Traum, vielleicht seit er Doktor der Naturwissenschaften der Universität Jena geworden ist, 1970, da lag Jena noch in der Deutschen Demokratischen Republik. Wahrscheinlich hat er das mit dem Reisen aber nur so gesagt. Er wird zu Hause bleiben, er hat zu arbeiten, und außerdem sucht er einen Nachfolger.

          Meinungers Zuhause ist der nördliche Frankenwald, dort wohnt er gemeinsam mit seiner Frau in Ebersdorf, einem Ortsteil von Ludwigsstadt an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen. Der Rennsteig ist in der Nähe, und bis nach Gräfenthal ist es ebenfalls nicht weit. In Gräfenthal in Thüringen ist Meinunger unlängst erst wieder gewesen, und wieder hat er in den Fichtenwäldern und im Schiefergebirge rings um die Stadt seltene Moose entdeckt.

          Schwierig sei es, sagt er, heute noch seltene Moose in Deutschland zu finden. Früher, vor rund sechzig Jahren, als er mit den Moosen angefangen hat, waren um Gräfenthal herum, zum Beispiel, mehr außergewöhnliche Moosarten anzutreffen, als das heute möglich ist. Und weil sie nicht mehr so leicht aufzuspüren sind wie damals, deshalb bleibt er daheim, statt nun vielleicht zu reisen, und arbeitet an der Verfeinerung der Forschungsmethoden. Findet er einen Nachfolger für sich in der Mooskunde, will Meinunger sich auf Flechten verlegen. Auch die will er wie die Moose ihrem Vorkommen nach in Landkarten von Deutschland eintragen.

          Der Verbreitungsatlas der Moose ist sein Lebenswerk

          Das Buch über die Moose ist seine Idee gewesen, es ist sein Lebenswerk, und seine Frau hat daran mitgewirkt. Vor fünf Jahren ist es erschienen, „Verbreitungsatlas der Moose Deutschlands“, drei Bände, über zweitausend Seiten, auf denen es für jede Moosart eine eigene Rasterlandkarte mit den Standorten gibt. Um Leber-, Torf- und um Laubmoose als den drei Hauptgruppen geht es. Mehr als tausend Arten hat Meinunger in seinem Buch versammelt, hat sie bestimmt, beschrieben und kartiert.

          Er ist ein Mann, der gern Strickwesten und Pullunder trägt und Wert auf gedeckte Farben legt. Jenseits der siebzig ist er, viel Zeit hat er im Freien bei den Moosen zugebracht und in der Gelehrtenstube an Mikroskop und Binokular, um die Funde auszuwerten. Einen Fernseher gibt es im Haus nicht, Meinunger hebt die Tatsache ausdrücklich hervor. Die Parabolantenne draußen an der Fassade haben seine Frau und er, um abends Klassik auf Bayern 4 zu hören.

          Mehr als tausend Moosarten hat Meinunger bestimmt, beschrieben und kartiert.

          Vor einundzwanzig Jahren sind sie, Wiebke Schröder, und er sich auf einer Moostagung begegnet. Er der Wissenschaftler mit Promotion, sie die Liebhaberin, die ihre gesamte Freizeit auf Moose verwandte. Sie aus dem Westen, aus Schleswig-Holstein, Hausfrau, geschieden, Mutter von sechs Kindern; er aus dem Osten des eben vereinigten Deutschland, aus Thüringen, Astrophysiker an der Sternwarte in Sonneberg, ledig, ohne Kinder. Sie hatte großartige Moosfunde gemacht, sagt er, das hat ihn fasziniert, er wollte sie sehen, und so trafen sie das erste Mal zusammen.

          Nachher hielten sie den Kontakt aufrecht, Briefe gingen hin und her, und sie schickte ihm Proben von Moosen, die sie nicht zu bestimmen vermochte, so fing das Innige zwischen ihnen beiden an. Nach der Scheidung von ihrem Mann und nachdem die Kinder aus dem Haus waren, hatte sie nach Zerstreuung gesucht, einsam und zurückgelassen, wie sie sich vorkam, und hatte sie schließlich bei den Moosen wiedergefunden, ihrem Spaß aus Kindertagen.

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