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Ein Treffen in Berlin : Kreuzberger Prinzessinnen

  • -Aktualisiert am

Derb, verletzlich und etwas naiv: Mina, Klara und Tanutscha Bild: ddp

Frühreif, selbstbewusst und sehr offen - so sind die drei Protagonistinnen des preisgekrönten Films „Prinzessinnenbad“. Julia Schaaf hat sie in Berlin-Kreuzberg besucht. Es war ein Treffen sozusagen mit der Pubertät höchstpersönlich.

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          Am liebsten wäre ihnen, „Prinzessinnenbad“ würde nicht in Berlin gezeigt, und das hat nichts mit Koketterie zu tun. Es ist immer heikel, wenn man auf ein Bild von sich stößt, das anders aussieht, als man sich selber kennt. Mit 16 ist das besonders schlimm. Tanutscha klagt, dass sie völlig überzogen wirke und viel zu maskulin. Klara findet sich prollig, schlampig, billig. Mina fühlt sich auf Freund und Schule reduziert. Sie weiß zwar, dass es schwer ist, „in einem Film das wirkliche Leben darzustellen“. „Aber wir haben uns verändert, in der ersten Szene waren wir ja 14“, wendet Tanutscha ein. Klara sagt: „Das ist einfach zu privat.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein Treffen mit den drei Protagonistinnen des Dokumentarfilms von Bettina Blümner, der nächste Woche in die Kinos kommt: Klara, die Hübsche, die quasi direkt über der Eckkneipe an der Kreuzberger Oranienstraße wohnt, kommt von ihrem Freund und ist für ihre Verhältnisse nur dezent geschminkt. Mina, die Reflektierte, steckt mitten in den Prüfungen für den Übergang in die Oberstufe; sie war bis eben bei der Mathe-Nachhilfe und hat zu Hause bloß schnell die Glitzertasche umgehängt.

          Das Freibad als Metapher für die Jugend an sich

          Tanutscha, die Freche, geht seit Stunden nicht ans Telefon. Vielleicht verschläft sie ja den Nachmittag. Als Klara loszieht, um die Freundin wachzuklingeln, fragt die PR-Agentin bang: „Du kommst aber wieder, ja?“ Kurze Zeit später essen die Mädchen Schnitzel mit Spargel und schnattern über Figurprobleme, ein neues Sommercafé oder verbummelte Schlüssel. Sie tragen enge Jeans und Nasensilber, alle rauchen, ständig klingelt ein Handy.

          Mina, die Reflektierte, Klara, die Hübsche, und Tanutscha, die Freche (von links)
          Mina, die Reflektierte, Klara, die Hübsche, und Tanutscha, die Freche (von links) : Bild: F.A.Z. - Christian Thiel

          Das Normale ist das Besondere an diesen Mädchen und ihrem Film. „Prinzessinnenbad“ hat auf der Berlinale einen Preis bekommen, weil die Freundinnen vor der Kamera so sind wie im Interview oder eben in ihrem ganz normalen, wahnsinnigen Kreuzberger Leben: frühreif, selbstbewusst und unglaublich offen. Mehr als ein Jahr lang hat Blümner ihre Protagonistinnen durch den Alltag begleitet, und der Film fühlt sich an, als dürfe man die Pubertät persönlich belauschen. Derb und verletzlich, etwas naiv, dann wieder lebensklug. Das meint auch der Titel, wenn er auf das Kreuzberger „Prinzenbad“ anspielt - das Freibad als Metapher für die Jugend an sich.

          „Vielleicht werde ich Pornostar oder Tierpflegerin“

          Unkommentiert, maximal mit treibendem deutschen Gute-Laune-HipHop unterlegt: Klara und Mina, in der Abenddämmerung zwischen Parkgräsern, Klara erzählt zum Bier, sie habe chemische Drogen probiert, „alles ist schön“, sagt sie, „du bist die Schönste und dir ist alles egal“. Tanutscha beim Chat, wie sie mit fremden Männern flirtet, sehr aggressiv, sehr witzig. Mina, die je zur Hälfte bei ihrer Mutter und ihrem napoletanischen Vater lebt und sagt: „Man wünscht sich ständig, morgens aufzustehen, und die Eltern sitzen am Frühstückstisch.“ Klara: „Vielleicht werde ich auch Pornostar oder Tierpflegerin.“ Tanutscha: „Und ich werd' mir nichts vom Ökoladen kaufen.“

          Sie kennen sich ein Leben lang. Der Kindergarten von Mina und Klara lag gegenüber der Kneipe. Klaras und Tanutschas Mutter begegneten einander während der Schwangerschaft. Sechs Jahre lang gingen die Mädchen gemeinsam in dieselbe Grundschule. Um die Ecke liegt ihr Kinderspielplatz; nicht weit entfernt steht die „Partybank“, ihr Standardtreffpunkt vor oder nach der Disco. Wenn die Mädchen durch diese Straßen schlendern, wird die multikulturelle Großstadt zum Dorf, in dem man jeden kennt und sich heimisch und sicher fühlt. Von behüteter Kindheit kann trotzdem nicht die Rede sein. Klara sagt über das Viertel, das sie so liebt: „Die ganzen Mädchen sind entweder Schlampen, die Jungs sind Kleinkriminelle.“

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