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Gastarbeiter : Ein nagelneues Moped als Gastgeschenk für den Neuankömmling

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Gastgeschenk - ein Bild, das um die Welt ging Bild: dpa

Vor 40 Jahren ist ein Portugiese in die deutsche Geschichte eingegangen. Armando Rodrigues de Sá kam am 10. September 1964 in Köln als einmillionster Gastarbeiter an. Leben und Arbeiten in Deutschland: die FAZ.NET-Bildergalerie.

          Waren das noch Zeiten: Wer vor 40 Jahren als Ausländer nach Deutschland kam, war willkommen und wurde per Handschlag begrüßt. Ein besonders herzlicher Willkommensgruß galt dem Portugiesen Armando Sa-Rodrigues am 10. September 1964: Die Bundesrepublik empfing "ihren" millionsten Arbeitsemigranten.

          Dieser Triumph deutscher Beschäftigungspolitik war den Arbeitgebern eine feierliche Inszenierung wert. Bei Ankunft der beiden Sonderzüge in Köln, die zusammen mit dem damals 38 Jahre alten portugiesischen Zimmermann 1000 Portugiesen und Spanier brachten, erwartete sie eine Schar von Journalisten und Botschaftsvertretern. Für Rodrigues kam es noch besser: Ein Arbeitgebervertreter überreichte dem perplexen Neuankömmling ein funkelnagelneues Moped. Als er verlegen lächelnd Platz nahm, klickten die Kameras. Bedanken konnte Rodrigues sich nur mit Gesten. Deutsch sprach er kein Wort.

          Dem WDR-Reporter war das Ereignis sogar eine längere Live-Reportage wert. "Und wenn man sich einmal vergegenwärtigt, daß im Juni des Jahres 1960 bei uns 279.000 Gastarbeiter beschäftigt waren, daß es jetzt also . . . eine Million sind", kommentierte er im Überschwang, "dann begreift man, welches ungeheure wirtschaftliche Problem, aber auch welche wirtschaftliche Hilfestellung die Gastarbeiter für die deutsche Wirtschaft und die deutsche Bevölkerung darstellen. Und man möchte hoffen, daß Senhor Rodrigues sich in Deutschland wohl fühlen wird." Der Portugiese, der für einen Tag im Rampenlicht stand, gilt noch heute als Symbolfigur für die Ära des Wirtschaftswunders.

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          1955 der erste Vertrag mit Italien

          Als sich in den 50er Jahren ein Arbeitskräftemangel abzeichnete, kam die Regierungskoalition auf die Idee, Mitarbeiter im Ausland zu werben. 1955 gab es den ersten Vertrag mit Italien, später folgten Spanien, Griechenland, die Türkei und Portugal. Im Jahr 1966 arbeiteten rund 1,2 Millionen Ausländer in Deutschland - vor allem in der Eisen- und Metallindustrie sowie im Baugewerbe. Bis 1974 verdoppelte sich die Zahl noch einmal. Von den heute in der Bundesrepublik lebenden 7,3 Millionen Ausländern - knapp 9 Prozent der Bevölkerung - sind etwa 2,7 Millionen erwerbstätig.

          So begeistert wie die Arbeitgeber zeigten sich die Arbeitnehmer indes nicht über die wachsende Zahl ausländischer Kollegen. Die Lektüre damaliger Zeitungen weist auf zahlreiche Vorurteile hin: Viele Befragte hielten die südeuropäischen Nachbarn für faul und kriminell, andere meinten, sie nähmen Arbeitsplätze weg, kassierten zuviel Kindergeld und würden die Deutschen "überfremden". Das hat den Ausländern ihr Einleben in eine fremde Welt nicht erleichtert. Die meisten konzentrierten sich deshalb auf ihre Arbeit und blieben in der Freizeit unter sich.

          Das Ende mit Magentumor

          Der gelernte Zimmermann Armando Rodrigues arbeitete in Stuttgart, dann bei einer Zementfabrik in Blaubeuren. Er lebte sparsam und schrieb zwei bis dreimal pro Woche nach Hause. Deutschland sei „ein Land des Geldes“, bemerkte er in einem seiner Briefe - und dass man hier einen starken Magen haben müsse. Rodrigues ernährte sich nicht gut; Kartoffeln und Konserven vertrug er nicht. Ausgerechnet sein empfindlicher Magen wurde bei einem Betriebsunfall von einem Brett hart getroffen. Doch Rodrigues beachtete die Schmerzen zunächst nicht, bis er - auf Besuch in der Heimat - einen Arzt aufsuchte. Der fand zwar nichts, gab ihm aber den Rat: „Wenn Du zurück nach Deutschland gehst, wirst Du deine Knochen dort lassen.“

          Rodrigues Schmerzen verschlimmerten sich im Lauf der Jahre; doch erst nach einer neuen Begutachtung früherer Röntgenaufnahmen stellte sich heraus, dass er seit längerem an einem Magentumor litt. Daß er Anspruch auf Krankengeld hatte, wußte er damals nicht. Stattdessen gab die Familie die gesamten Ersparnisse für die ärztliche Versorgung aus. Im Juni 1979 erlag Armando de Rodrigues im Alter von nur 53 Jahren in seiner Heimat seinem Krebsleiden.

          Vom Tod des ehemaligen „Vorzeige-Gastarbeiters“ nahm die deutsche Presse keine Notiz. Im Zeitalter von Öl- und Konjunkturkrise waren Gastarbeiter längst kein Thema mehr, schon sechs Jahre zuvor war ein genereller Anwerbestopp für Ausländer aus Nicht-EG-Staaten in Kraft getreten. Erst 1998 kam Rodrigues noch einmal zu späten Ehren. Seitdem ist das Moped, das er damals bei seiner Ankunft geschenkt bekam, im Bonner Haus der Geschichte zu sehen.

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