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Ein Jahr nach der Flut : In Sri Lanka erst Hilfe, dann Neid

Übergangslager bei Mullaittivus: Der Nordosten Sri Lankas ist noch immer schwer erreichbar Bild: picture-alliance/ dpa

Die Menschen im Inland Sri Lankas neiden den Küstenbewohnern neue Siedlungen, neue Krankenhäuser, neue Waisenheime. Alle zusammen schimpfen auf die Fischer. Der deutsche Botschafter aber verteidigt das Handeln der Regierung.

          Wenn Petra Rehberger in ihrem ersten Leben Kunden besuchte, dann ging es um Kreditlinien in siebenstelliger Höhe. Als Beraterin für Gewerbekunden bei der Sparkasse Nürnberg kannte die junge Bankerin Bilanzen, Geschäftspläne und Manager, mußte Risiken einschätzen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Das muß sie auch heute. Doch jongliert sie in ihrem zweiten Leben, knapp 8000 Kilometer von ihrem alten Schreibtisch entfernt, nicht mehr mit Millionen. Heute geht es um 300, um 500, vielleicht um 1000 Euro. Gleichwohl sagt Rehberger: „Meine Arbeit ist jetzt befriedigender.“

          Schäden übersteigen jede Vorstellung

          Die junge Fränkin ist eines von vier Mitgliedern des Teams, das die Sparkassen-Finanzgruppe nach Sri Lanka entsandt hat. Die Banker arbeiten dort am Wiederaufbau nach dem Tsunami. Die tödliche Welle vom zweiten Weihnachtstag hat auf der Insel mehr als 35.000 Menschen in den Tod gerissen, 70.000 Häuser zerstört, gut einer halben Million Menschen ihr Obdach genommen. Fischer verloren ihre Boote, Handwerker ihre Werkstätten, Händler ihre Geschäfte. Reich war die Insel nicht. Schäden von mehr als 2,5 Milliarden Dollar aber überstiegen jede Vorstellung.

          Viele Hilfsorganisationen wurden in Sri Lanka aktiv, Tausende Privatleute sammelten Spenden. Die Sparkässler verfolgen diesen Weg: Über die Sparkassenstiftung für Internationale Kooperation wollen sie für mindestens zwei Jahre die Projekte zweier heimischer Entwicklungsbanken unterstützen. Über sie fließt Geld an die Tsunami-Opfer, die sich mit Hilfe von Kleinkrediten ein neues Leben aufbauen können.

          Eine Zukunft für Faris

          Aber es geht nicht nur um Geld. Die Fachleute der Sparkassen beraten und bilden aus, prüfen und organisieren. „Wir arbeiten eng mit der Hatton National Bank und der Nichtregierungsorganisation Seeds zusammen“, sagt Bernd Benning, der das Team der Deutschen in Colombo leitet. „Wir haben einen langfristigen Ansatz, wir wollen die Ausgangslage der beiden Partnerorganisationen und damit diejenige ihrer Kreditnehmer verbessern“, sagt Benning.

          Das kommt dann Menschen wie Mohamed Faris zugute. Der Tsunami verwüstete sein Bekleidungsgeschäft an der Uferpromenade. Also baute er sich eine Bäckerei auf - mit Krediten der Hatton National Bank, die das Geld aus der zinsfrei zur Verfügung gestellten Kreditlinie der Sparkassen refinanzierte. So bekam Faris eine Zukunft. Trotzdem ärgert er sich: „Die Fischer haben damals alles bekommen. Uns Geschäftsleuten hat niemand geholfen.“

          Fischpreise schon jetzt im Keller

          Die Risse im Fischerort Hambantota gehen tief. Und nicht nur dort: Die Minderheit der Muslime fühlt sich benachteiligt. In das Bürgerkriegsgebiet der Tamilen sei viel zuwenig Geld geflossen, bemängeln Fachleute. Die Menschen im Inland neiden den Küstenbewohnern neue Siedlungen, neue Krankenhäuser, neue Waisenheime.

          Alle zusammen schimpfen auf die Fischer. „Vor dem Tsunami hatte wir etwa 80 Boote. Als wir hörten, die Ausländer bezahlen uns neue Schiffe, wurden 500 Anträge gestellt. Und nun haben wir eine Flotte von 160 Booten“, sagt Noor Salin Hanees, der selbst ein großes Schiff besitzt. Am Strand liegen jetzt brandneue Auslegerboote mit Namen wie „C.S.M. Salzburg“ oder „Neill Marine“. „Immer mehr drängen jetzt in die Fischerei - bald wird der Fisch in unserer Bucht knapp werden.“ Die Preise sind schon im Keller.

          Botschaft: Geldzufluß reicht aus

          Doch selbst bei der einfachen finanziellen Unterstützung läuft es nicht rund. „Nicht einmal 30 Prozent der Spender haben bis heute ihre Zusagen umgesetzt und gezahlt“, sagt Jürgen Weerth, der deutsche Botschafter in Sri Lanka. Immerhin hielten die Regierungen ihre Zusagen ein - und der Geldzufluß reicht aus, die Schäden zu reparieren. Die Ungeduld mit Sri Lanka und dessen Verwaltung weist Weerth zurück: „Auch in anderen Ländern können sie nicht einfach nach Gutdünken ein Waisenhaus oder eine Schule irgendwo hinbauen - dafür gibt es auch hier Regeln, und die Dinge brauchen Zeit.“

          Wie in vielen Entwicklungsländern scheitern auch in Sri Lanka Projekte selten wegen eines einzigen Fehlers nur einer Seite: „Dieses Land geht nicht verantwortungslos mit dem Geld um, und die Spender tun dies auch nicht. Aber die Vorstellungen beider Seiten sind oft nicht deckungsgleich“, sagt Weerth. Zu schnell komme es deshalb zu einer Kluft zwischen der Erwartung der Geldgeber und der wirklichen Lage an Ort und Stelle.

          Helmut-Kohl-Klinik

          Immer noch kursieren die Geschichten von Spendern, die in ihrer Heimat Koffer voller Geld gesammelt hatten und dann auf der Suche nach einem Projekt die Küste entlang reisten. „Kein Wunder, daß denen das Geld abgeschwatzt wurde, versickerte“, heißt es bei einer großen Hilfsorganisation. Umgekehrt herrscht Ärger vor, weil immer noch Hunderte Container mit Hilfsgütern im Hafen Colombos lagern, wo sie verzollt werden sollen. „Das ist ein ganz normaler Prozeß. Was glauben Sie, was aus Deutschland hierhergeschickt wurde?“ fragt ein professioneller Helfer. „Niemand will jetzt die Zollkosten übernehmen.“

          Dann zählt er auf: Ein Container voll alter Fahrräder, einer voll Tee - dabei zählt Sri Lanka zählt zu den größten Teeproduzenten der Erde. Eines der deutschen Vorzeigeprojekte scheint jedenfalls gut voranzukommen, die künftige Helmut-Kohl-Klinik in Galle. Am Dienstag nach Weihnachten wird der Grundstein für das Geburts- und Kinderkrankenhaus gelegt. Mindestens zehn Millionen Euro, die der Altkanzler bei ganz unterschiedlichen Geldgebern gesammelt hat, fließen in den Bau mit 600 Betten.

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