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Ein Jahr nach Boston : Keine Opfer, sondern Überlebende

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Pulitzer Preis gekrönt: New York Times-Fotografen Josh Haner begleitete Jeff Bauman mehrere Monate bei seinem Genesungsprozess. Bild: dpa/Handout New York Times/Josh Haner

Mehr als 260 Verletzte gab es bei den Anschlägen von Boston. Sie haben Gliedmaßen verloren und Albträume durchgestanden. Aber aufgeben wollten sie nicht.

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          Als Adrianne Haslet-Davis im Krankenhaus aufwachte, freute sie sich über Schmerzen im Fuß. „Gott sei Dank, er ist noch da“, dachte sie - aber es war nur ein Phantomschmerz. Die junge Frau hat beim Bombenanschlag auf den Boston Marathon ihren linken Fuß verloren - und ihr bisheriges Leben als professionelle Tänzerin. Doch Aufgeben gab es für sie nicht, genau so wenig wie für andere Opfer.

          Drei Menschen wurden am 15. April 2013 durch die Bomben von zwei Islamisten getötet, darunter auch ein acht Jahre alter Junge. Mehr als 260 Menschen wurden von den Bomben verletzt. Manchen wurde das Leben zwar nicht genommen, aber zerstört. So sah es auch für Haslet-Davis aus. Ihr Mann war gerade vom Einsatz in Afghanistan zurückgekehrt, jetzt hielt er schreiend ihren abgetrennten Fuß in der Hand. Im Krankenhaus war es ihre Mutter, die ihr beibrachte, dass sie ihren linken Fuß für immer verloren habe - und nie wieder tanzen werde.

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          Schicksale nach den Bombenanschlägen : Keine Opfer, sondern Überlebende

          Sie hat nie aufgegeben und tanzt wieder

          „Es war, als ob mir jemand einfach das Tanzen nehmen wollte“, sagte sie CNN. „Und ich wollte beweisen, dass das nicht stimmt.“ Bis zu 60 Stunden die Woche hatte sie zuvor getanzt, die Muskeln halfen ihr nach dem Anschlag. Und Hugh Herr, selbst ohne Beine und ein Experte für Prothesen. Er und sein Team entwarfen das erste künstliche Bein speziell zum Tanzen. Acht Monate dauerte es, dann tanzte Haslet-Davis wieder. Sie habe sich selbst nie aufgegeben, sagte sie CNN. „Deshalb nenne ich mich auch Überlebende des Anschlags. Nicht Opfer.“

          Die gleiche Formulierung verwenden auch Rebekah Gregory und Pete DiMartino. Sie waren vor einem Jahr als Zuschauer beim Boston Marathon und standen nahe der Ziellinie. Beide kannten einander erst ein Jahr. Beide wurden schwer verletzt. Aber sie hielten zusammen und standen sich bei, während nächtlicher Albträume und zahlreicher Operationen. Sie ließen sich von zwei Dokumentarfilmern begleiten. Am 4. April haben sie geheiratet.

          Jeden Tag ein bisschen besser

          „Es geht jeden Tag ein bisschen besser“, sagt auch Jeff Bauman. Der 28 Jahre alte Mann verlor durch die Bomben beide Beine. Sein Bild ging um die Welt: Helfer fahren den jungen Mann in einem Rollstuhl in Sicherheit, die Beine völlig zerfetzt. Der New York Times-Fotograf Josh Haner begleitete Bauman mehrere Monate bei seiner Genesung. Das Foto-Essay wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Es dokumentiert wie sich Bauman Stück für Stück zurück ins Leben kämpft. Auf einer Facebookseite veröffentlicht er jetzt selbst Fotos mit seiner Freundin, voller Harmonie und Lebensfreude - und mit den Prothesen, die von seiner Hüfte abstehen würden.

          „Es hat mich nur noch stärker gemacht“, schreibt Bauman. „Stronger“ heißt auch das Buch, das er über seine Erfahrung geschrieben hat. Er beschreibt, wie ihm die Füße weggerissen wurden. Als er in der Klinik aufwachte, konnte er nicht sprechen. „Habe den Typen gesehen. Sah aus wie ich“, kritzelte er auf ein Stück Papier. Die Beschreibung half, die Täter zu finden.

          Amanda North half nach den Bomben einer schwer verletzten Frau. Als die Sanitäter kamen und auf sie zeigten, guckte sie an sich herunter. „Da klaffte ein Loch in meinem Oberschenkel“, sagte die Kalifornierin der Website „fastcompany.com“. Eigentlich hatte sie nur ihre Tochter beim Zieleinlauf sehen wollen, jetzt lag sie schwer verletzt und mit Verbrennungen dritten Grades auf einer Straße in Boston. North bekennt, dass sie sich nach den Anschlägen in einer Sinnkrise fühlte und ihr Leben verändern wollte. Haslet-Davis hingegen hatte vor allem Angst: „Ich habe viel geweint und geschrien“, sagte sie CNN. „Und bei jedem Menschen dachte ich, er hat eine Bombe dabei.“

          Einen neuen Anfang haben alle gefunden. Haslet-Davis tanzt wieder und hat ihren Traum von einem Leben als Tanzlehrerin nicht aufgegeben. North gründete eine kleine Firma, die Kunsthandwerker auf der ganzen Welt vermitteln will. Jeff Bauman und seine Freundin erwarten im Sommer ihr erstes Kind.

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