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Siena : Ein Greenhorn verleiht dem Einhorn Flügel

Das traditionsreichste Pferderennen der Welt Bild:

In Siena drängen sich 60.000 Menschen auf der Piazza, um beim Palio dabei zu sein. Das ist nicht nur das traditionsreichste Pferderennen der Welt, sondern auch das gefährlichste. Gerade das macht wohl die Faszination aus.

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          Der letzte kann der erste sein. Neun der zehn Reiter, die zum Palio, dem traditionsreichen Pferderennen auf der Piazza del Campo in Siena, antreten, werden in die Mossa gerufen, den von zwei Seilen, den Canapi, abgegrenzten Startbereich. Ihre Reihenfolge wird mit Holzkugeln ausgelost, die in den Farben der Contraden bemalt sind, von denen jeweils zehn (von insgesamt siebzehn) teilnehmen. Der zehnte und letzte Reiter aber bleibt außerhalb, in der Rincorsa-Position. Los geht es, wenn er in die Mossa galoppiert. Dann erst wird das vordere Seil gesenkt, und das gibt ihm einen psychologischen Vorteil, mit dem er das Feld überrumpeln und sich an seine Spitze setzen kann.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          An diesem Donnerstag, dem Abend von Mariä Himmelfahrt (der andere Palio-Tag ist der 2. Juli, Mariä Heimsuchung), fällt dem Stadtteil Drago, dem Drachen, diese Rolle zu. Doch dessen Fantino (Jockey) scheint gar nicht daran zu denken, in die Mossa zu reiten. Ein ums andere Mal dreht er vorher scheinbar seelenruhig eine kleine Runde. Die Pferde und Reiter der anderen Contraden schieben und rempeln schon, verlassen die Reihenfolge und werden zurückgerufen, dreimal beordert sie der Mossiere, der Startleiter, wieder „a fuori“, nach draußen. Die Menschen, um die 60.000, die dicht gedrängt auf der Piazza stehen und eben noch mucksmäuschenstill das Startritual verfolgten, werden unruhig, ins schier Unerträgliche steigt die Spannung, selbst der Mossiere hält nicht mehr an sich und ruft, obwohl ihm das nicht zusteht, „Avanti, Drago“, doch noch ein-, noch zweimal verweigert der den Start, um dann plötzlich loszupreschen und aus zehntausenden Kehlen einen Schrei zu lösen. Die Piazza wird zum „tobenden Trichter“, als den ihn Carlo Fruttero und Franco Lucentini im „Palio der toten Reiter“ beschrieben.

          Fünf Pferde stürzen: Aus der Traum!

          Und das Kalkül von Drago scheint aufzugehen. In gestrecktem Lauf sprintet er, während sich die anderen aus dem Startknäuel strampeln, nach vorne, ist mit Giraffa und Chiocciola, der Schnecke, die am besten wegkommen, fast gleichauf, galoppiert neben ihnen in die abschüssige Kurve San Martino, die in fast rechtem Winkel in die lange Gerade vor dem Palazzo Pubblico mündet, wird eine Spur zu weit hinausgetragen und prallt in die Schutzmatratzen an der Außenseite, wo hinter ihm noch zwei Pferde stürzen, die von Lupa, der Wölfin, und Chiocciola. Aus der Traum!

          Brento liegt in Führung

          Leocorno, das Einhorn, aber hat die Kurve am engsten geschnitten und sich unversehens an die Spitze gesetzt, die es, bedrängt von Giraffa, die bis auf eine Länge herankommt, über die drei Runden nicht mehr abgibt. Auch Bruco, die Raupe, hält sich in aussichtsreicher Position, bis der Reiter am inneren Rand der Kurve Casato, die aus der Gerade wieder hinaufführt, aneckt, auf die andere Seite der Bahn getrieben und auf das reiterlos galoppierende Pferd von Drago geworfen wird und seinen nächsten Verfolger Onda, die Welle, mit zu Fall bringt.

          Ruf als gefährlicher Wettbewerb

          Fünf Stürze, das hat es beim Palio zuletzt 2004 gegeben, und die Sanitäter können den liegengebliebenen Fantino von Drago gerade noch rechtzeitig vor dem in die zweite Runde stürmenden Feld von der Piste ziehen. Auch wenn keines der Pferde verletzt wird und die Reiter nur Prellungen davontragen, hat das nur etwa neunzig Sekunden dauernde Rennen seinen Ruf als gefährlicher Wettbewerb wieder bestätigt, und das dürfte die Tierschützer mit der Forderung auf den Plan rufen, es zu verbieten. Doch die jahrhundertealte Tradition wird sich als stärker erweisen. Denn der Palio ist die Seele der Stadt, mit dem sie an ihr goldenes Zeitalter als Republik erinnert, und dabei Modell eines delegierten Krieges, der die Konflikte zwischen den Contraden, jede eine kleine Minirepublik, kanalisiert und den Zusammenhalt des Gemeinwesens stärkt.

          Dass es ein Palio der Überraschungen würde, hatten die Sieneser erwartet, denn die Konstellation war ungewöhnlich, nachdem die Pferde, erst am Morgen des dritten Tages vor dem Rennen, zugelost und die Fantini engagiert waren. Gleich fünf Tiere wurden zum ersten Mal auf die mit gemahlenem Tuffstein beschichtete Bahn geschickt, doch keines von ihnen, sondern das älteste Pferd, der zehnjährige Wallach Brento, der zum sechsten Mal teilnahm und noch nie gewonnen hatte, ging als Sieger durchs Ziel. Geritten wurde er von dem einzigen Debütanten unter den Fantini, dem 1981 in Pistoia geborenen Jonatan Bartoletti, genannt Scompiglio. Wie er mit seinem lockeren, sportlichen Reitstil die Favoriten abhängte, zumal den inzwischen 38 Jahre alten Luigi Bruschelli, genannt Trecciolino, der zwischen 1996 und 2005 zehn Palii (und nun schon zwei Jahre nicht mehr) gewonnen hat – das kündigt einen Generationswechsel an.

          Der Sieger ist ein Greenhorn

          Nach dem überraschenden Sieg werden Reiter und Pferd mit dem Palio, dem Seidenbanner, das der Sieger erhält und diesmal der Künstler Ugo Nespolo entworfen hat, zum Dankes-Te-Deum in den Dom und dann in ihre Contrada, östlich der Piazza del Campo, eskortiert. Der Weg dorthin führt durch das Viertel Civetta, den Kauz und feindlichen Nachbarn, der am längsten (seit 1979) nicht mehr gewonnen hat und mit Hohn und Spott bedacht wird. In der Contrada Leocorno, dem kleinen ehemaligen Viertel der Goldschmiede, das ein sich aufbäumendes Einhorn im Wappen und die Farben Weiß und Orange mit blauen Streifen trägt, aber wird die Nacht zum Tag und das Greenhorn, dem die Lecaioli ihr Pferd anvertrauten, als Held gefeiert. Ihm ist der seltene Coup geglückt, gleich in seinem ersten Palio als Sieger von der Piazza zu gehen.

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