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Interview mit einem Über-Papa : „Ich wollte Harrison Ford sein“

Thomas Kausch mit Tochter Pauline, die trotz intensiver Betreuung selbständig wurde. Bild: Gene Glover

Der Journalist Thomas Kausch hat seine Tochter beschützt, gefördert und durchs Abitur gebracht. Die fand das schon mal „hardcore peinlich“. Ein Gespräch über das Leben als Über-Papa.

          Herr Kausch, Sie sind mit der Geburt Ihrer Tochter zum überfürsorglichen Vater geworden. Hatten Sie das immer schon vor?

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nein, ich hatte mich bis dahin gar nicht mit dem Gedanken beschäftigt, Kinder zu haben. Aber ab dem Moment, an dem Pauline auf der Welt war, hatte ich ein Projekt.

          Bei Frauen setzen nach der Geburt die Hormone ein, die dafür sorgen, das Kind beschützen zu wollen. Wie war das bei Ihnen?

          Ich hatte sofort das Gefühl, ich muss Harrison Ford sein. Ich sah mich weniger als Helikopter-Vater, der mit GPS-Signal über dem Kind kreist und es kontrollieren will. Ich war eher der Rettungsflieger, der stets mit Lederjacke und Sonnenbrille bereit steht.

          Das funktioniert aber nur bei Mädchen, oder?

          Ja, weil der Beschützerinstinkt da noch größer ist als bei Jungs. Ich habemich außerdem schon immer gut mit Frauen verstanden. Deshalb passte das ganz gut.

          Der erste Familienurlaub in Italien verlief dann aber weniger reibungslos: Das Kind schrie im Flugzeug, und im Supermarkt gab es nur Babynahrung mit Zucker. Hat das Harrison Ford nicht ziemliche Nerven gekostet?

          Wir standen tatsächlich im italienischen Lebensmittelgeschäft und dachten, unser Kind muss sterben – überall Zucker drin. Meine Schwester hat uns dann gerettet und die gute deutsche Bio-Babynahrung einfliegen lassen. In meinem Buch warne ich deshalb alle jungen Eltern: Man muss mit einem Baby nicht in die Ferne fliegen, das Fichtelgebirge tut’s auch.

          Besondere Herausforderungen für den Helikopter-Vater waren die Geburtstage. Einmal mieteten Sie einen Raum im Olympiastadion, vergaßen aber auf dem Hinweg die Frikadellen und auf dem Rückweg die Geschenke im Taxi. Haben Sie sich manchmal auch überschätzt?

          Sagen wir mal so, egal, was ich gemacht habe: Meine Ambitionen waren immer sehr groß, aber ich bin oft kläglich gescheitert. Das hat sich durch die ganze Schulzeit meiner Tochter gezogen. Und am Ende hat sowieso niemand auf mich gehört. Aber mir hat es trotzdem immer einen Riesenspaß gemacht.

          Einmal hat Manni, der gutaussehende Sportlehrer, Ihre Pläne durchkreuzt, als Sie am Gymnasium als perfekter Vater durchstarten wollten, aber beim ersten Kennenlern-Fußballspiel mit Wildlederslippern zur Lachnummer wurden...

          Das war eine schwierige Sache, weil ich in meinen Wildlederschuhen nicht ernst genommen wurde. Man sollte in Sportklamotten kommen, ich hatte deshalb zudem ein Sportsakko gewählt. Manni meinte, ich könnte mich ja dann um die Salate kümmern.

          Der ersehnte Job als Elternbeirat war futsch. Sie traten gar nicht erst an. Anders war es im Kindergarten und in der Grundschule. Was reizte Sie an dem Job, den keiner machen will?

          Ich hatte eine schöne Schulzeit, aber sie war in keinster Weise spektakulär. Ich hatte keine Erfahrungen gemacht, wo ich heute noch sagen würde: Jener Lehrer oder dieses Thema haben mich für mein ganzes Leben geprägt. Das aber wollte ich meiner Tochter ermöglichen.

          Weshalb sie auf das renommierte Berliner Gymnasium zum Grauen Kloster ging. Dort haben Sie sozusagen gemeinsam mit Ihrer Tochter Abitur gemacht, also bei jeder Arbeit mitgelernt und Referate vorbereitet. Hat das funktioniert?

          Letztlich hat meine Tochter immer gemacht, was sie wollte. So ist das bei uns immer gewesen: Meine Frau und ich, wir sind seit 22 Jahren glücklich unterschiedlicher Meinung. Wenn ich „Links“ sage, sagt meine Frau „Rechts“, und Pauline geht munter geradeaus.

          Ihre Frau hatte ohnehin nicht immer das richtige Verständnis für die engmaschige Betreuung Ihrer Tochter. Sie sagte mal, Ihr Engagement stehe eigentlich als Synonym für „Alle nerven“. Sie haben es trotzdem 18 Jahre lang durchgezogen. Warum?

          Musste ich ja, weil meine Frau es nicht gemacht hat. Sie war wie die anderen Väter an den Elternabenden: Am Schluss hat sie ein leeres Notizbuch zugeklappt, obwohl eigentlich tausend Dinge zu klären gewesen wären. Meine Frau hat immer gedacht, das Wichtigste ist, dass die Kinder was Gutes zu essen bekommen, lernen tun sie von alleine. Ich sah das anders: Das wichtigste ist das Lernen, essen tun sie von alleine.

          Helikopter-Eltern haben dennoch kein gutes Image...

          Ich definiere meine Rolle ja eher als Rettungsflieger. Aber grundsätzlich verstehe ich nicht, wenn Eltern sagen, die Kinder sollen ihre eigenen Erfahrungen machen und ruhig mal gegen die Wand laufen. Wenn die Kinder klein sind, kaufen wir den besten Maxi Cosi und den Testsieger unter den Fahrradhelmen, damit ja nichts passiert, aber später sollen sie sich dann blutige Knie holen. Familie bedeutet für mich auch, sich einzumischen und nicht einfach zuzuschauen, wie einer ins Unglück rennt.

          Sie beschreiben in Ihrem Buch sehr selbstironisch die Ängste, die man als Vater hat. Eine besondere Herausforderung ist der erste Freund der Tochter. Wie haben Sie sich gefühlt, als Kevin vor dem Fenster Ihrer Tochter ein Lied von Oasis sang?

          Oh, das war ein Blender, mit Oasis kriegt man schließlich jede rum. Aber im Ernst: Da ist mein Herz kurz stehen geblieben. Das ist wirklich ein Einschnitt im Leben eines Vaters.

          Gewöhnt man sich irgendwann daran?

          Es relativiert sich mit der Zeit, auch wenn ich natürlich für den Rest meines Lebens möchte, dass der größte Held im Leben meiner Tochter Harrison Ford bleibt – also ich.

          Als Ihre Tochter ihre letzte Abiturprüfung hatte, standen Sie mit Blumen vor dem Klassenraum. Ihre Tochter fand das „hardcore peinlich“. Hat Sie Ihnen das Überengagement oft übelgenommen?

          Ich habe sie schon sehr genervt. Sie sagt immer zu mir: „Papa, deine Liebe reicht für zehn Töchter.“ Andererseits erkennt sie aber an, dass ich immer ein Interesse an ihrem Leben hatte und an dem, was sie tut. Und eben nicht wie manche Eltern sage: Mach du mal, ich kann mich nicht auch noch darum kümmern. Das betrifft ja auch die Schule im Allgemeinen. Ich finde, Lehrer verdienen eine Wertschätzung. Viele bringen ihnen keinen Respekt entgegen, oder sie werden von den ganzen Juristeneltern auch noch verklagt. Ich habe es immer als eine wichtige Aufgabe empfunden, den Lehrern klarzumachen, dass man sie als wichtig betrachtet in einem Lebensabschnitt, wo sie fast so viel Einfluss wie die Eltern haben.

          Sie hatten mal vorgeschlagen, alle Lehrer in Hugo Boss einkleiden zu lassen. Das kam nicht so an...

          Kleidungstechnisch könnten Lehrer schon noch was lernen. Der Erdkundelehrer in seiner abgewetzten Lederjacke und die Musiklehrerin in ihrem Maxirock, mit dem sie wahrscheinlich mal nach Woodstock fahren wollte, aber nur bis ins Wendland kam. Das gibt es immer noch.

          Haben Sie noch Kontakt zu Manni, dem Sportlehrer?

          Nein, darauf lege ich auch keinen Wert (lacht). Aber zur Direktorin und zur Klassenlehrerin habe ich immer noch Kontakt. Das sind wichtige Leute, die an entscheidender Stelle Einfluss auf das Leben unserer Kinder nehmen, deshalb muss man sie in einer adäquaten Form begleiten, ohne sie zu bedrängen und alles besser zu wissen. Es kann ja auch viel Spaß machen, mit seinem Kind sozusagen noch mal in die Schule zu gehen und ein besseres Abi zu machen, als man vielleicht selbst gemacht hat.

          Ihre Tochter machte ein Einser-Abitur. Erst danach haben Sie ihr gestanden, welche Note Sie selbst im Abitur hatten.

          Äh, darüber wollen wir hier nicht reden.

          Ihre Frau warf Ihnen wiederholt vor, dass Sie Ihre Tochter zur Unselbständigkeit erziehen. Sie argumentierten im Gegenzug mit Rousseau: „Väter sind die besten Lehrer“. Ihre Tochter ist jetzt erwachsen. Wer hatte am Ende recht?

          Ich kann nur so viel sagen: Unser Kind studiert jetzt in London und wohnt im Stadtteil Peckham, das ist sozusagen das Neukölln von London und nicht ungefährlich. Sie kommt da sehr gut klar und ist selbständig geworden – trotz meiner Erziehung.

          Ihre Tochter war im Tennisclub, Golfclub und auf einem Elitegymnasium in Berlin-Grunewald. Hätte es nicht nahegelegen, sie nach St. Andrews zu schicken, wo die Royals studieren?

          Das war natürlich der langfristige Plan, dass sie einen Lord kennenlernt, damit ich später mit meiner Frau auf dessen Landsitz ausreiten kann. Das hat nicht geklappt.

          Immerhin ist sie kein Snob geworden...

          Ja, sie studiert an einer schönen Universität, an der schon Vivienne Westwood war. In ihrer WG lebt ein Mädchen aus Paris, eines aus Mailand, eines aus Manchester, und ihr Freund kommt aus Irland. Unabhängig vom Studium und was daraus wird: Alles, was sie dort lernt – ohne mich –, ist ein Wert an sich, der einen fürs ganze Leben prägt.

          Der letzte Satz Ihres Buches lautet: „In großer Ausgeglichenheit bereite ich mich auf das Studium vor“. Harrison Ford bleibt also am Ball und schickt gute Ratschläge nach London?

          Natürlich. Letztens musste meine Tochter ein Medienthema vorbereiten, in dem es um die Türkei und die Auseinandersetzung mit Jan Böhmermann ging. Da habe ich mich richtig reingekniet und ihr Millionen Links geschickt – die sie sich wahrscheinlich bis heute nicht angeguckt hat.

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