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Ein Bayer in Amerika : Der falsche Rockefeller

Christian Gerhartsreiter alias Clark Rockefeller mit seinem Anwalt bei einer ersten Anhörung in Boston Bild: picture-alliance/ dpa

Lange narrte der Mann die bessere Gesellschaft in Amerika. Nun kam heraus, dass Clark Rockefeller in einfachen Verhältnissen in Bayern aufwuchs. Die Geschichte ist unglaublich und füllte spielend ein Drehbuch in Hollywood.

          7 Min.

          Die Geschichte des Mannes mit der Woody-Allen-Brille ist so unglaublich, als habe die Hauptfigur in dem bizarren Kriminalfall ihre Rolle als Hochstapler genial gespielt. Nur darf der Mime mit dem rötlich-blonden Haar und dem Stoppelbart nicht auf Applaus hoffen, denn er sitzt in Boston in Untersuchungshaft. Die Vorwürfe: Kindesentführung, Körperverletzung, Irreführung von Behörden. Womöglich kommt noch eine Anklage wegen Doppelmordes hinzu.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das größte Rätsel jedoch ist der Mann selbst. Seine Identität versuchen amerikanische Polizisten von der Ost- und der Westküste nun in Zusammenarbeit mit der deutschen Polizei in mühsamer Puzzlearbeit zu klären, wie das Auswärtige Amt in Berlin bestätigt. Von dem 47 Jahre alten Verdächtigen selbst kommt keine Hilfe. Angeblich lässt ihn sein Gedächtnis in Stich. Das hindert ihn allerdings nicht daran, sich weiter als Clark Rockefeller auszugeben, als Abkömmling des Ölmagnaten John D. Rockefeller, des reichsten Mannes seiner Zeit – obwohl es sich nach aller Wahrscheinlichkeit nur um Christian Gerhartsreiter aus dem oberbayerischen Ferienort Bergen handelt.

          Ein pfiffiger Schüler

          Aber was heißt hier „nur“! Im Jahr 1961 wurde er im oberbayerischen Siegsdorf in eine Familie geboren, der die Phantasie nicht ganz fremd war. Der Kunstmaler Simon Gerhartsreiter, sein Vater, war schon als Sechzehnjähriger in den Krieg gezogen und erst als Zweiundzwanzigjähriger zurückgekehrt. Mitgebracht aus dem Krieg hatte er chronische Lungenprobleme, die ihn bis ins Alter plagten. Reich war die Familie nicht: Simon Gerhartsreiter, der vor fünf Jahren an seiner Krankheit starb, malte Landschaftsbilder vom beschaulichen Chiemgau, seine Frau Irmengard, die ihn in den letzten Jahren fürsorglich pflegte, ist Schneiderin – noch immer näht sie für treue alte Kundinnen.

          Glücklichere Zeiten: Clark Rockefeller mit seiner Tochter Reigh, als noch alles in Ordnung war

          Ihr Sohn Christian fiel schon in der Grundschule auf, allerdings gar nicht negativ. Er gehörte durchaus zu den Besseren, wie ehemalige Mitschüler berichten, war nicht auf den Mund gefallen und werkelte schon am eigenen Funkgerät herum, als seine Freunde noch mit Lego spielten. „Er hatte im Anbau am Haus seiner Eltern eine eigene kleine Werkstatt“, erinnert sich Herbert Willinger, der mit Christian die fünfte und sechste Klasse der Volksschule in Vachendorf besuchte. Dort habe er oft gebastelt, elektrische Geräte auseinander- und wieder zusammengebaut. „Ein richtiger Tüftler!“

          Chemiebaukasten im Keller

          Was Gerhartsreiter an körperlicher Statur fehlte – „Der Christian war eher klein und zierlich“ – machte er durch Cleverness wett. Er raufte nicht gern, spielte nicht Fußball und fuhr auch nicht Ski, wie sein Freund Heinz Vachenauer zum Beispiel. „Dafür hatte er einen Chemie-Baukasten im Keller.“ Witzig sei er gewesen und mitunter sogar frech und respektlos den Lehrern gegenüber. „Und das damals, wo man sich auch mal eine Ohrfeige eingehandelt hat!“

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