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Ehec : Mehr Fälle, mehr Thesen

  • -Aktualisiert am

Sind Biogasanlagen eine Ehec-Brutstätte? Bild: dpa

Auf der Suche nach Erklärungsversuchen für die Ehec-Krise geraten auch Biogasanlagen in die Diskussion. Die Hypothese, die Anlagen seien eine Brutstätte für Krankheitserreger, ist nicht neu.

          Angesichts der dramatischen Krankheitsverläufe und der immer noch steigenden Fallzahlen sind in den vergangenen Tagen und Wochen, als noch nicht klar war, woher der Ehec-Erreger stammt, immer neue Erklärungsversuche gewagt worden, meist solche, die auf größere Zusammenhänge abhoben, etwa die moderne Landwirtschaft mit ihren auf Kraftfutter angewiesenen Hochleistungskühen, die kein Weidegras mehr kennen. Daneben waren ein Terroranschlag und mangelnde Kenntnisse über Küchenhygiene im Zuge eines Generationswandels in der Diskussion.

          Am Wochenende sind auch Biogasanlagen in den Verdacht geraten: Dort werden Gülle, Mist, bestimmte Energiepflanzen wie Mais oder Raps und anderer Bioabfall mit Hilfe von Mikroben vergoren. Dabei entsteht Gas, das man etwa zur Stromerzeugung nutzen kann. Die „Welt am Sonntag“ zitierte Bernd Schottdorf, den Gründer des privaten Medizinlabors Schottdorf MVZ in Augsburg. Schottdorf sagt, er könne sich vorstellen, dass Biogasanlagen zur Entstehung und Verbreitung neuer Ehec-Varianten beitragen. „Die Bakterien kreuzen sich in den Anlagen und verschmelzen miteinander“, sagte Schottdorf. „Was da genau passiert, ist weitgehend unerforscht.“ Die Gärreste würden als Düngemittel auf Äcker ausgebracht und könnten so Gemüse kontaminieren.

          Verdacht auf Kreuzungen in Biogasanlagen nicht neu

          Zwar dementierten Repräsentanten der Biogasbranche und wiesen darauf hin, dass die Reste zuvor etwa eine Stunde lang auf 70 Grad erhitzt werden, womit sich Krankheitserreger abtöten lassen. Doch das beeindruckt die Kritiker der Anlagen kaum. Ihre Gemeinde ist groß: Längst weisen Anwohnerinitiativen auf zahllosen Websites und in Bürgerversammlungen darauf hin, dass der Anbau von Energiemais in großen Monokulturen den Boden schädigt und den Lebensraum vieler Tiere zerstört. Kritisiert werden auch die „Verstromung von Nahrungsmitteln“ und die Tatsache, dass das Gas letztlich aus Massentierhaltung stamme.

          Auch die Hypothese, Biogasanlagen seien eine Brutstätte für Krankheitserreger, ist nicht neu. Unter Agrarexperten und Veterinärmedizinern wird seit etwa zwei Jahren vermehrt darüber diskutiert, ob die Biogasanlagen zur Verbreitung des Bakteriums Clostridium botulinum beitragen. Das Gift des Bakteriums löst die Krankheit Botulismus aus, eine Lähmung der Muskulatur. Die Krankheit kann tödlich verlaufen, wenn auch die Atmungsmuskulatur betroffen ist. Aus dem Kreis Steinburg in Schleswig-Holstein wurde 2010 über einen Fall von Botulismus in einem Rinderbetrieb berichtet; mehrere Tiere sollen Lähmungen und Bewegungsstörungen gezeigt haben. Auch Landwirte und Familienmitglieder waren angeblich betroffen. Um diese neue Erkrankungsform von akuten Vergiftungsfällen abzugrenzen, wurde die Bezeichnung „chronischer Botulismus“ gewählt. Ob Clostridium botulinum tatsächlich für die Symptome ursächlich war, konnte allerdings wissenschaftlich nicht gesichert werden.

          Vermutung: Botulismus aus Biogasanlagen

          Unter den Verfechtern der Theorie, Botulismusfälle seien durch Biogasanlagen auszulösen, befindet sich auch Ernst-Günther Hellwig, der Leiter eines agrar- und veterinärwissenschaftlichen Fortbildungszentrums im westfälischen Horstmar. Hellwig gab schon vor mehr als einer Woche eine Pressemeldung heraus, in der er darauf hinwies, dass Biogasanlagen für den aktuellen Ehec-Ausbruch mitverantwortlich sein könnten. „Die Frage darf gestellt werden: Birgt nicht Biogasrestmasse unzählige unbekannte gesundheitliche Risiken für Mensch und Tier?“, schreibt Hellwig und fordert neue Forschungsprojekte. Zu der Frage, ob die Ehec-Keime aus Biogasanlagen heraus verbreitet worden sein könnten, haben sich die Behörden nicht geäußert. Zur Botulismus-Hypothese hat das Bundesinstitut für Risikobewertung allerdings vor wenigen Wochen eine Erklärung veröffentlicht.

          In Klärschlamm und Gärresten seien zwar pathogene Clostridien-Stämme nachgewiesen worden, man habe aber keine Vermehrung der Stämme feststellen können, bilanzieren die Wissenschaftler. „Insgesamt bleibt die chronische Erkrankung in den Tierbeständen hinsichtlich ihrer Ursachen unklar, und viele der kursierenden Thesen sind wissenschaftlich nicht zu belegen“, heißt es weiter. Die Risikoforscher stellen außerdem die Frage, ob durch den Einsatz von Biogasanlagen tatsächlich eine Vergrößerung des Problems entstanden sei. Denn Gülle und Klärschlamm würden schon seit längerem ausgebracht, und generell seien Böden in landwirtschaftlich genutzten Gegenden wohl einfach stärker mit Clostridium-Keimen belastet als andere Flächen.

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