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Dunkelster Ort Deutschlands : Die Nacht ist nicht zum Fürchten da

  • -Aktualisiert am

Gülpe glüht: Noch schöner als Brillianten funkeln die Sterne am Himmel, weil es hier so dunkel ist. Bild: picture alliance / ZB

Gülpe ist der dunkelste Ort in Deutschland. Nirgends sonst ist der Sternhimmel so gut zu sehen. Aber auch hier in Brandenburg ist die Dunkelheit bedroht.

          Die Glühwürmchen haben das Leuchten längst aufgegeben. Denn die Sterne machen das viel schöner, heller, funkelnder. Die Natur hat innegehalten, kein Vogel mehr am Himmel, kein Ziepen der Zikaden. Die Katzen liegen zusammengerollt in den Ecken. Alles schläft, einer wacht. Die Dämmerung ist schon vorüber, nun wird es dunkel, schneller als gedacht. Wie ein guter Freund kommt die Nacht früher als angekündigt. Andre Schäfer steht da und schaut und ist glücklich. Ein Mensch auf weiter Flur, ganz und gar von den Sternen verschluckt. Ein paar Stunden zuvor hat er es wie so oft gemacht. Ist von der Arbeit nach Hause gekommen, schnell unter die Dusche gesprungen. Griff sich aus dem Kleiderschrank einen Pulli und eine lange Hose. Den Laptop und die Kamera steckte er in eine Tasche, dazu Suppen, Wasser, einen Campingkocher.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Aus dem Keller schleppte er die drei Koffer mit den Teleskopen nach oben, auch zwei Stative, verstaute alles im Wagen. Ließ den Berliner Fernsehturm im Rückspiegel verschwinden, fuhr keine Autobahn, nur enge Landstraßen. Eine Stunde, dann war er da. Wie immer hatte er das Zimmer mit der Nummer1 gebucht. Er machte sich einen Teller Suppe warm und löffelte, während er sich durch Fotos auf seinem Laptop klickte. Sternhaufen und Galaxien. Auf die Wiese legte er drei Metallplatten, setzte darauf sein Stativ, schraubte die kiloschweren Teleskope an. Er schaute skeptisch zum Himmel: ein paar Wolken am Horizont, wie Zuckerwatte, dazu leichter Wind. Beides mögen Astronomen nicht. Aber er hatte ja Zeit. Andre Schäfer, Anfang 40, eigentlich Lüftungsmonteur, Junggeselle, setzte sich auf die Holzbank und wartete.

          Gülpe ist ein Schatz

          Dieser Ort ist sein Schatz. Gülpe, ein Dorf mit 160 Einwohnern, 70 Kilometer nordwestlich von Berlin gelegen. Gülpe hat keinen Supermarkt, auch keine Schule oder Kneipe. Dafür wird es hier nachts so finster wie sonst nirgendwo in diesem Land. An vielleicht keinem anderen Ort kann man deswegen den Sternhimmel so gut sehen. Die „International Dark Sky Association“ hat die Region zum ersten Sternenpark Deutschlands erklärt. Im Infokasten am Ortseingang hängt die Urkunde. Schäfer ist schon Dutzende Male an ihr vorbeigefahren. Die Urkunde interessiert ihn nicht. Er war schon lange vorher da, vor all den Touristen und Sternenguckern, die jetzt nach Gülpe kommen, die Köpfe in den Nacken legen und staunen. Sie kommen aus dem hellen Potsdam, dem gleißenden Berlin, wo die Tankstellenschilder so stark beleuchtet sind, dass man unter ihnen operieren könnte.

          „Vielleicht sollte Gülpe gar nicht so bekannt werden“, sagt Schäfer, den Blick zum Horizont. Er fürchtet um seinen Schatz. Das Ehepaar Hammer sieht die Zukunft dagegen glänzen. Ziemlich oft müssen die beiden Pensionsbesitzer nun Anfragen absagen, weil ihre drei Zimmer und das Ferienhaus belegt sind. 15 Prozent mehr Gäste haben sie hier, seitdem Gülpe Anfang des Jahres zum Sternenpark wurde. Die Pension lief auch vorher schon gut, aber nun wird es richtiggehend voll. Erst kamen die Hobbykünstler, die einen Malkurs von Frau Hammer besuchten. Dann die Ornithologen, die am Gülper See der Stille horchten. Und jetzt die Sternengucker. Nur für Andre Schäfer, ihren ersten Astronomen, halten die Hammers wenn möglich immer ein Zimmer frei.

          Sucht Sterne: Andre Schäfer

          Schäfer richtet sein Teleskop auf Orion. In einen kleinen Computer tippt er den Namen ein, den Rest machen surrende Motoren im Stativ. Technik im Wert eines Kleinwagens. Es ist ein teures Hobby. Aber ihm reicht nicht der verträumte Blick zu den Sternen, er macht Fotos mit einer Kamera, die ihre Linse hundert Mal länger geöffnet halten kann als das menschliche Auge und damit auch hundert Mal mehr Sterne sieht. Das mag ein wenig Trickserei sein, aber Schäfer ist sowieso kein Romantiker. Mehr ein ernster Typ, aber die Astronomie ist ja auch keine komische Wissenschaft. Was ist schon lustig an Saturn?

          Aber erklären kann Schäfer gut: Die Nacht fällt nicht plötzlich über das Land, sondern sie steigt langsam von Osten auf und scheucht das Licht vor sich her. Diese Zeit nennen Astronomen auch den langen blauen Moment. Schäfer hebt den Arm und zeigt auf das Sommerdreieck, eine Konstellation aus drei Sternen, die schon früh am Abend zu sehen ist. Aber bis zu dem eigentlich großen Moment, wenn die Sterne scheinbar bis zum Boden fallen und man für einen Moment nicht weiß, wo oben und wo unten ist, dauert es noch. Schäfer setzt sich in einen Plastikstuhl, hört wie der Wind das Wummern von Autobässen zu ihm trägt und sieht Scheinwerfer grelle Schneisen durch die Büsche schneiden. In der Dunkelheit kann man den Schutzschild ablegen, Schäfer erzählt nun mehr von sich. Nur selten sagt er jemandem, wie er seine Wochenenden verbringt, manche halten ihn für verschroben.

          Viele fürchten die Nacht

          Viele Menschen fürchten die Nacht. Im Dunkel, so glauben sie, sitzt das Böse, der Einbrecher oder Vergewaltiger. Licht dagegen verspricht Sicherheit und ist der Sieg der Zivilisation über das Leben in der dunklen Steinzeithöhle. Das Licht gehört Gott, die Finsternis dem Teufel. Sie macht uns zu tapsigen Eiertänzern, und es dauert, bis wir auch im Dunkeln etwas sehen können. Deswegen zündete der Mensch erst Kerzen an, dann Gaslaternen, schließlich Glühbirnen und heute LEDs. Eine 75-Watt-Birne strahlt schon hundert Mal heller als eine Kerze. Die Folgen all der Lampen und Leuchten: Der Sternhimmel verschwindet, Planeten und Galaxien werden überstrahlt, und statt eines schwarzen Firmaments sehen wir nur noch eine Kuppel in gelb-orange, die sich Nacht für Nacht über die Städte zu beugen scheint und einen Schleier vor den Himmel legt. Die Lichtverschmutzung ist inzwischen als Problem erkannt.

          Jedes Jahr nimmt sie um drei bis sechs Prozent zu. In den Supermärkten flackern die Leuchtstoffröhren auch noch lange nach Ladenschluss, Flutlichter ergießen sich über Parkplätze. Insekten verbrennen an Laternen, Vögel verlieren die Orientierung. Und der Mensch verlernt das geruhsame Schlafen. Wenn Schäfer im Winter morgens aus der S-Bahn am Alexanderplatz steigt, tut ihm das grelle Licht in den Augen weh. Er hat es aufgegeben, in der Großstadt mehr als eine Handvoll Sterne sehen zu wollen. Manchmal fragt er sich: Wie viele Menschen mag es geben, die gar nicht mehr wissen, dass da oben noch so viel mehr ist? Wie viele haben noch nie die Milchstraße mit bloßem Auge gesehen? Allmählich wird mehr gegen Lichtverschmutzung getan. Straßenlaternen, die sich dem Mondlicht anpassen und mal heller, mal dunkler leuchten. Doch für so etwas hat man in Gülpe kein Geld.

          Laternen werden mit etwas Folie abgeklebt, damit ihr Licht nicht so sehr in den Himmel streut. Darüber gab es Streit. Überhaupt ist nicht jeder Bewohner glücklich über den Schutz der Nacht. Vom Tourismus der Sternengucker versprechen sie sich nicht viel. Dafür befürchten sie, dass ihnen bald ganz das Licht ausgeschaltet wird – wo so schon kaum jemand mehr hierher zieht, die Arbeitslosigkeit zweistellige Werte erreicht. Der Bäcker aus Gülpe fragt: Muss ich meine Brötchen bald bei Kerzenlicht backen? Man sorgt sich um die Nacht, aber wer kümmert sich um die Menschen? Gülpe gehört zum Naturpark Westhavelland. Hier brüten 120 Vogelarten, alle möglichen Fischsorten schwimmen im See. Doch kaum jemand wählt die Grünen. Verordnungen und Verbote haben vielen die Liebe zur Natur verleidet.

          Die Bauern dürfen ihre Wiesen nicht mehr ganz mähen, Uferabschnitte am Wasser müssen verwildern. Viele finden es praktisch, dass sie sich nicht mehr wie ihre Vorfahren an die Sonne halten müssen, sondern arbeiten und faulenzen können, wann sie mögen. Ihr Tag-Nacht-Rhythmus mag aus dem Takt gekommen sein, aber sie mögen diese moderne Melodie. Andre Schäfer sieht das etwas anders. Für ihn ist der helle Tag die Zeit der Pflicht, und die Nacht die Zeit des Schönen und Unbeschwerten. Über ihm steht der Große Wagen, und auch ohne Teleskop erkennt er das Sternbild Schwan. Berlin, ein diesiger gelber Streifen am Horizont, ist für ihn jetzt weit weg. Seine Kamera macht Klick. Vom Geld zur Jugendweihe hatte er sich einst seine erste Spiegelreflex gekauft, Bücher über Astronomie hatte er da schon alle längst gelesen.

          Den Himmel kann er lesen wie den Berliner U-Bahn-Plan. Da steht der Polarstern, dort leuchtet der Hantelnebel schwach in rot und blau. Plötzlich rührt sich was: Der Himmel wird noch eine Spur schwärzer, neue Sterne, vielleicht schon längst verglüht, tauchen auf. Schäfer drückt auf den Auslöser, der Lüfter des Laptops schnauft und legt Schäfers Bilder übereinander zu einem großen Panorama der Nacht. Jetzt bloß nichts Anfassen, sonst verwackelt die Aufnahme. Schäfer braucht für das besondere Foto Geduld. Er setzt sich wieder in den Plastikstuhl, wartet. Mücken stechen ihn in den Nacken, er fröstelt. Er wird hier noch bis zwei Uhr in der früh sitzen bleiben.

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