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Dunkelster Ort Deutschlands : Die Nacht ist nicht zum Fürchten da

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Viele fürchten die Nacht

Viele Menschen fürchten die Nacht. Im Dunkel, so glauben sie, sitzt das Böse, der Einbrecher oder Vergewaltiger. Licht dagegen verspricht Sicherheit und ist der Sieg der Zivilisation über das Leben in der dunklen Steinzeithöhle. Das Licht gehört Gott, die Finsternis dem Teufel. Sie macht uns zu tapsigen Eiertänzern, und es dauert, bis wir auch im Dunkeln etwas sehen können. Deswegen zündete der Mensch erst Kerzen an, dann Gaslaternen, schließlich Glühbirnen und heute LEDs. Eine 75-Watt-Birne strahlt schon hundert Mal heller als eine Kerze. Die Folgen all der Lampen und Leuchten: Der Sternhimmel verschwindet, Planeten und Galaxien werden überstrahlt, und statt eines schwarzen Firmaments sehen wir nur noch eine Kuppel in gelb-orange, die sich Nacht für Nacht über die Städte zu beugen scheint und einen Schleier vor den Himmel legt. Die Lichtverschmutzung ist inzwischen als Problem erkannt.

Jedes Jahr nimmt sie um drei bis sechs Prozent zu. In den Supermärkten flackern die Leuchtstoffröhren auch noch lange nach Ladenschluss, Flutlichter ergießen sich über Parkplätze. Insekten verbrennen an Laternen, Vögel verlieren die Orientierung. Und der Mensch verlernt das geruhsame Schlafen. Wenn Schäfer im Winter morgens aus der S-Bahn am Alexanderplatz steigt, tut ihm das grelle Licht in den Augen weh. Er hat es aufgegeben, in der Großstadt mehr als eine Handvoll Sterne sehen zu wollen. Manchmal fragt er sich: Wie viele Menschen mag es geben, die gar nicht mehr wissen, dass da oben noch so viel mehr ist? Wie viele haben noch nie die Milchstraße mit bloßem Auge gesehen? Allmählich wird mehr gegen Lichtverschmutzung getan. Straßenlaternen, die sich dem Mondlicht anpassen und mal heller, mal dunkler leuchten. Doch für so etwas hat man in Gülpe kein Geld.

Laternen werden mit etwas Folie abgeklebt, damit ihr Licht nicht so sehr in den Himmel streut. Darüber gab es Streit. Überhaupt ist nicht jeder Bewohner glücklich über den Schutz der Nacht. Vom Tourismus der Sternengucker versprechen sie sich nicht viel. Dafür befürchten sie, dass ihnen bald ganz das Licht ausgeschaltet wird – wo so schon kaum jemand mehr hierher zieht, die Arbeitslosigkeit zweistellige Werte erreicht. Der Bäcker aus Gülpe fragt: Muss ich meine Brötchen bald bei Kerzenlicht backen? Man sorgt sich um die Nacht, aber wer kümmert sich um die Menschen? Gülpe gehört zum Naturpark Westhavelland. Hier brüten 120 Vogelarten, alle möglichen Fischsorten schwimmen im See. Doch kaum jemand wählt die Grünen. Verordnungen und Verbote haben vielen die Liebe zur Natur verleidet.

Die Bauern dürfen ihre Wiesen nicht mehr ganz mähen, Uferabschnitte am Wasser müssen verwildern. Viele finden es praktisch, dass sie sich nicht mehr wie ihre Vorfahren an die Sonne halten müssen, sondern arbeiten und faulenzen können, wann sie mögen. Ihr Tag-Nacht-Rhythmus mag aus dem Takt gekommen sein, aber sie mögen diese moderne Melodie. Andre Schäfer sieht das etwas anders. Für ihn ist der helle Tag die Zeit der Pflicht, und die Nacht die Zeit des Schönen und Unbeschwerten. Über ihm steht der Große Wagen, und auch ohne Teleskop erkennt er das Sternbild Schwan. Berlin, ein diesiger gelber Streifen am Horizont, ist für ihn jetzt weit weg. Seine Kamera macht Klick. Vom Geld zur Jugendweihe hatte er sich einst seine erste Spiegelreflex gekauft, Bücher über Astronomie hatte er da schon alle längst gelesen.

Den Himmel kann er lesen wie den Berliner U-Bahn-Plan. Da steht der Polarstern, dort leuchtet der Hantelnebel schwach in rot und blau. Plötzlich rührt sich was: Der Himmel wird noch eine Spur schwärzer, neue Sterne, vielleicht schon längst verglüht, tauchen auf. Schäfer drückt auf den Auslöser, der Lüfter des Laptops schnauft und legt Schäfers Bilder übereinander zu einem großen Panorama der Nacht. Jetzt bloß nichts Anfassen, sonst verwackelt die Aufnahme. Schäfer braucht für das besondere Foto Geduld. Er setzt sich wieder in den Plastikstuhl, wartet. Mücken stechen ihn in den Nacken, er fröstelt. Er wird hier noch bis zwei Uhr in der früh sitzen bleiben.

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