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Duhner Wattrennen : Salzwasser in der Mähne

  • -Aktualisiert am

Augen zu und durch: Bei den Trabrennen auf dem Duhner Watt sehen die Fahrer nur selten, wohin das Pferd sie zieht. Bild: Claus Setzer

Seit 1902 messen sich im Duhner Watt Amateure und Profis bei Pferderennen auf dem Meeresgrund. Aber Traber und Galopper kämpfen nicht nur gegen die Konkurrenz, sondern auch gegen Sand und Schlick.

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          Christine Schulze kann das Meer nicht sehen. Sie sitzt mit ihrem Mann und vier Freunden hinter einem Erdwall auf dem Deich von Duhnen. Aber die Sicht auf die Nordsee ist gerade zweitrangig. Auf dem Tisch stehen Becher mit Orangensaft, die erste Flasche Sekt ist schon leer. Es ist noch früh für einen Sonntag. Doch die Ehepaare Schulze, Lachmund und Winnecke aus Goslar wissen, dass sie ihre bunten Campingstühle früh plazieren müssen, um sich ihren Stammplatz zu sichern. In wenigen Stunden werden sie von rund 35 000 Menschen umgeben sein, die alle gebannt auf das Watt schauen werden – und dann sitzen die Sechs an vorderster Front.

          Seit mehr als 20 Jahren kommen die drei Ehepaare nach Duhnen, das zu Cuxhaven gehört. Sie kommen an dem einen Wochenende an die Nordseeküste, wenn im Wattenmeer nicht nur Kurgäste und die Wattenpost, sondern auch 150 Rennpferde zu sehen sind. Das ist eine fast surreale Kulisse: Im Hintergrund ziehen die großen Frachtschiffe mit Kurs auf die Elbmündung vorbei, davor spiegeln sich die Pferde im Wasser. Seit 1902 messen sich im Duhner Watt Amateure und Profis. Die Pferderennen auf dem Meeresgrund wurden einst zur Belustigung der Hamburger Kurgäste eingeführt. Schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts kamen an die 6000 Zuschauer.

          Zu einem richtigen Renntag gehört auch das Zocken

          Einen Sitzplatz ganz vorne am Strand kaufen sich die drei Ehepaare nie, lieber sitzen sie hinter dem Wall und stehen auf, wenn sie etwas von dem Geschehen in etwa 100 Metern Entfernung sehen wollen. Sie sind keine Pferdenarren und keine Profizocker. Sie fahren nie zu anderen Pferderennen, nach Bad Harzburg etwa, das für sie ganz in der Nähe wäre. „Wie die alle angezogen sind, da haben wir keine Lust drauf“, sagt Frau Lachmund. Eben fällt der Gruppe auf, dass sie nur ein Fernglas dabei haben. Nicht so schlimm, befindet man, dem Rennverlauf könne man ja auch hörend folgen.

          Alle Jahre wieder: Drei Ehepaare aus Goslar kommen schon frühmorgens, um sich ihren Stammplatz am Watt zu sichern

          Aus den alten mausgrauen Lautsprechern plärren Hits aus den neunziger Jahren. Noch herrscht Hochwasser. Von dem 1,2 Kilometer langen Oval ragen nur die weißen Pflöcke aus dem Wasser. Bis zum frühen Nachmittag soll sich das Wasser langsam zurück ziehen. Wo jetzt noch Optimisten auf Wind hoffen, werden sechs Trab- und sechs Galopprennen stattfinden. Die Gruppe aus Goslar hat vorgesorgt. In einem kleinen Zelt stehen Kühlboxen, Kaffee und Kuchen bereit. Auf dem Tisch liegen Spielkarten und Rennprogramme, auch vom vergangenen Jahr, als sie bei jedem Reiter seine Plazierung notiert haben. Schließlich gehört zu einem richtigen Renntag auch das Zocken – nur so zum Spaß, mit kleinen Einsätzen. Sie habe gehört, die Holländer seien gut, sagt Frau Schulze. Sie diskutieren, schauen konzentriert in die Programme: Soll man nun auf ein Gewinnerpferd oder doch auf einen erfolgreichen Reiter aus dem vergangenen Jahr setzen?

          Die Strategie: Mund halten und sich auf das Pferd verlassen

          Anika Appelbaum hat 2009 gewonnen – und deshalb ist sie wieder gekommen. Die ausgebildete Trabrennfahrerin war schon mehrmals im Watt dabei und weiß darum, was sie erwartet. Wenn Schlick, Sand und Salzwasser ins Gesicht spritzen, heißt es, den Mund möglichst zuhalten und sich auf das Pferd verlassen. „Da hilft selbst eine Brille nichts“, sagt Appelbaum, „und auch das Wasser findet den Weg immer bis in die Stiefel.“ Doch das stört die zierliche Frau aus Pinneberg nicht: „Es macht Spaß.“ Mangels Arbeit hat die Vierunddreißigjährige ihren einstigen Beruf zum Hobby gemacht. Wann immer ihre Schichtarbeit es erlaubt, sitzt sie im Sulky. Im vergangenen Jahr ließ sie sich nach einer mehrjährigen Pause wieder dazu überreden, in Duhnen zu starten – und gewann eines der sechs Rennen. „Duhnen ist eine Abwechslung“, sagt sie. Und die Preisgelder seien höher als anderswo. Doch davon bekommen die Fahrer sowieso selten etwas ab, das Preisgeld bekommt der Besitzer, einen Teil der Trainer. Appelbaum jedoch lebt eine Leidenschaft. Ins erste Rennen startet sie mit ihrem persönlichen Favoriten, mit dem sie erst vor zwei Wochen gewonnen hat, allerdings auf einem anderen Untergrund. „Chartbreaker war noch nie im Watt“, sagt Appelbaum. „Mal sehen, wie ihm das Wasser gefällt.“

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