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Dürre in den Vereinigten Staaten : Kalifornien sehnt sich nach Regen

  • -Aktualisiert am

Leer bis zum Grund: Im ausgetrockneten Almaden-Stausee bei San Jose ist ein Autowrack sichtbar geworden. Bild: AFP

Flüsse werden zu Rinnsalen, Stauseen trocknen aus – der amerikanische Bundesstaat Kalifornien leidet unter Dürre. Im Sonnenstaat gilt der Notstand. 

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          Vom Pine-Flat-Stausee im Vorgebirge der kalifornischen Sierra Nevada ist fast nichts mehr übrig. Dicht gedrängt sind die vielen Hausboote miteinander vertäut, auf denen Ausflügler sonst gemütlich über den fast 2500 Hektar großen See schippern. Aber zur Zeit ist am Pine-Flat-See im Landkreis Fresno nur noch wenig normal. Die Anleger und Stege, an denen die Boote sonst festmachen, liegen Hunderte Meter weit von den Schiffen entfernt. Die Konstruktionen aus Holz und Pontons schwimmen nicht mehr auf dem Wasser, sondern liegen auf verdorrtem Land. Den Blick von der Uferstraße dominiert auch nicht mehr der tiefblaue Kings River, der in dem See gestaut wird. Vielmehr fällt ein Dutzende Meter breiter schmutzig-gelber Rand ins Auge. Dort stand früher einmal Wasser – jetzt trennt er die Ufervegetation von der tief unter der Straße liegenden Wasseroberfläche.

          Nicht einmal zu einem Fünftel seiner Kapazität ist der See gefüllt – mit weiter fallender Tendenz. So niedrig habe er den Pegel noch nie gesehen, sagt Carl Lippincott, einer der wenigen Sportangler, der noch mit seinen Ruten am Seeufer ausharrt. Tatsächlich gab es in dem Stausee, der vor 60 Jahren eröffnet wurde, bislang nur einmal weniger Wasser als heute. Das war in den Dürrejahren 1977/78.

          Verteilung von Trink- und Brauchwasser politisch umstritten

          An diese schlimmste Trockenheit im vergangenen Jahrhundert erinnerte auch der kalifornische Gouverneur Jerry Brown, als er in der vergangenen Woche den Wassernotstand im „Goldenen Staat“ ausrief. Heute sei die Lage aber noch viel schlimmer als vor 35 Jahren, sagte Brown. In der Zwischenzeit hat sich die Bevölkerung Kaliforniens auf 38 Millionen Einwohner fast verdoppelt, und mit der Einwohnerzahl stieg auch der Wasserbedarf. Brown leitete auch damals als einer der jüngsten Gouverneure Kaliforniens die Geschicke des Staates und war wegen seiner unkonventionellen Amtsführung umstritten. Nach langer politischer Abstinenz trat er 2011 im Alter von 72 Jahren die Nachfolge Arnold Schwarzeneggers an und gilt mittlerweile als grundsolider Gouverneur, dem man zutraut, mit den politischen Folgen der Dürre fertig zu werden.

          Niedrige Wasserstände im San Gabriel Stausee Bilderstrecke

          Dazu braucht er Geschick, denn selbst in regenreichen Jahren ist die Verteilung von Trink- und Brauchwasser in Kalifornien politisch umstritten, weil die Interessen dreier Gruppen befriedigt werden müssen. An erster Stelle steht die Landwirtschaft, mit Umsätzen von fast 50 Milliarden Dollar im Jahr der größte Wirtschaftszweig in Kalifornien. Das fast 1000 Kilometer lange Zentral-Tal am Fuß der Sierra Nevada ist mittlerweile eine der größten zusammenhängenden landwirtschaftlichen Anbauflächen der Welt; fast jedes Feld in dieser Region muss bewässert werden. Dann folgen die Wasserwerke der Großstädte Kaliforniens, die ihre immer weiter wachsende Bevölkerung versorgen müssen. Landwirtschaft und Wasserwerke können für ihren Bedarf nur in Einzelfällen auf Grundwasser zurückgreifen. Das Trinkwasser und das Wasser für die Bauern kommt aus den vielen Stauseen, die in den Gebirgszügen Kaliforniens angelegt sind, und die Talsperren sind auf die Niederschläge im Winter und das Schmelzwasser im Frühjahr angewiesen.

          Talsperren zerstören Ökosysteme an Flüssen

          Je mehr Wasser aber die Landwirtschaft, die Städte und die Industrie diesen Stauseen entnehmen, desto weniger Wasser bleibt für die Flussläufe unterhalb der Talsperren übrig. Unterhalb der Staumauer des Pine-Flat-Sees ist der Kings River heute nur noch ein Rinnsal. Das wiederum bringt die dritte Interessengruppe im Kampf um die Wasserverteilung in Wallung. Natur- und Umweltschützer kritisieren schon lange, dass die vielen Talsperren die Ökosysteme an den Flüssen zerstören. Lachse und Forellen werden in kalifornischen Flussläufen immer seltener. Wichtige Feuchtgebiete fallen trocken, weil im Verteilungskampf für sie kein Wasser mehr übrig bleibt.

          Wie ernst die Lage ist, zeigt sich nicht nur in den Niedrigst-Wasserständen in den Stauseen. Auch bei einer Fahrt über den Kamm der Sierra Nevada ist dieser Tage vom Winter nichts zu sehen, alle Pässe sind offen, keine Spur von Schnee. Im vergangenen Jahr fiel in Kalifornien so wenig Niederschlag wie noch nie, seit sich die Region im Jahr 1850 den Vereinigten Staaten anschloss. Auf fast zwei Dritteln der Landfläche Kaliforniens, so rechneten Fachleute im Landwirtschaftsministerium in Washington jetzt aus, herrscht „extreme Dürre“. Selbst in normalen Jahren sind die Niederschläge in Kalifornien sehr ungleich verteilt. Von Mai bis Oktober regnet es so gut wie gar nicht, zwischen November und April fallen neun Zehntel des Niederschlags. Aber dieser Winter ist so trocken wie nie. So hat es im Großraum San Francisco bislang erst einmal ausgiebig geregnet, als Anfang Dezember ein pazifisches Sturmtief Nordkalifornien erreichte. Seitdem lenkt ein stabiler Hochdruckrücken vor der Küste jedes Tief nach Norden ab. Das hat auch zur Folge, dass die Winde über Nordkalifornien meist von Osten wehen, aus den Wüsten Nevadas, Idahos und Utahs. Sie trocknen das Land noch mehr aus. So sind die zu dieser Jahreszeit sonst grünen Hügel am Fuß der Sierra Nevada und im Küstengebirge noch immer braun und verdorrt. Selbst die Blätter der immergrünen Eichen sind inzwischen gelb. Statt feuchtkalter Winterluft herrscht in diesen Tagen extrem trockene Warmluft vor. Die Temperaturen erreichen 20 Grad im Schatten, und die relative Luftfeuchtigkeit sinkt oft auf unter zehn Prozent.

          Allerdings sagen Meteorologen für das Ende der Woche einen Umschwung voraus. Der Ausläufer eines Tiefs über dem Golf von Alaska ist auf dem Weg nach Süden. Er sei stark genug, das Bollwerk des Hochdruckrückens vor der kalifornischen Küste zu sprengen, schreibt der Wetterdienst. Wenn er das wirklich schafft, wäre der Weg frei für Sturmtiefs vom Pazifik, die endlich Niederschlag bringen könnten. Auf nichts wartet man in Kalifornien zur Zeit sehnlicher.

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