https://www.faz.net/-gum-6v4ci

Drogenkonsum : Heroin erobert Osteuropa

Afghanistan: 350 Kilogramm Opium wird sichergestellt Bild: dpa

Kokain scheint vielen in der Krise zu teuer zu werden - sie steigen auf Rauschmittel um, die billiger sind. Russland und die Ukraine stellen bei Heroinsucht und damit einhergehenden HIV-Infektionen alles in den Schatten.

          Die Nachfrage nach Kokain könnte nach Einschätzung der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) ihren Zenit überschritten haben. Die Daten in dem am Dienstag vorgelegten Jahresbericht der in Lissabon ansässigen EU-Agentur lassen vermuten, dass der Kokaingebrauch in Dänemark, Spanien, dem Vereinigten Königreich und Irland zurückgeht - also in vier der fünf Länder mit der stärksten Nachfrage.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Insgesamt verharren der Kokaingebrauch wie die Nachfrage nach Heroin und anderen Opiaten aber auf einem hohen Niveau. Nicht signifikant rückläufig ist offenbar auch die Nachfrage nach synthetisch hergestellten Rauschgiften wie Amphetamin und Ecstasy. Letzteres, eine in den neunziger Jahren populär gewordene "Partydroge", scheint sich unwiderruflich am Markt durchgesetzt zu haben. Einen bemerkenswerten Rückgang verzeichnet die Behörde nur bei der Nachfrage Heranwachsender und junger Erwachsener nach Cannabis. Erschreckend ist indes ein Anstieg von Neuinfektionen mit dem HI-Virus in der Gruppe derjenigen, die sich Heroin spritzen. Vor allem in Griechenland hat die Zahl der HIV-positiven Heroinsüchtigen in jüngster Zeit stark zugenommen.

          Wirtschaftliche und politische Entwicklungen in Wechselwirkungen

          Welche Faktoren Angebot und Nachfrage auf dem europäischen Rauschgiftmarkt beeinflussen, ist selbst für die etwa 100 Mitarbeiter der Lissabonner Behörde oft nur schemenhaft zu erkennen. Zwar werden die epidemiologischen Daten, die in der EBDD zusammengeführt werden, in allen EU-Mitgliedsländern sowie Norwegen nach standardisierten Verfahren von nationalen Behörden erhoben. Zudem pflegt die Behörde den fachlichen Austausch mit Organisationen wie Europol und Interpol oder auch dem UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung. Doch selbst in der Zusammenschau geben sich oft keine eindeutigen Kausalitäten zu erkennen, sondern nur Indizienketten, da auf dem Feld von Angebot und Nachfrage nach Rauschgiften gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen in Wechselwirkungen treten, die sich oft erst in der Rückschau zu erkennen geben.

          Russland stellt beim Problem Heroinsucht die übrige Welt in den Schatten

          So scheint der Rückgang der Nachfrage nach Kokain in Westeuropa nicht zuletzt eine Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise zu sein, die Europa seit dem Jahr 2008 in Atem hält. Aufgrund des nach wie vor hohen Preises des Rauschgifts dürfte die Attraktivität vor allem in jenen Sektoren der Finanz- und Wirtschaftswelt gesunken sein, die von der Krise am stärksten getroffen wurden, heißt es in Lissabon. Nicht zu unterschätzen dürfte aber auch die Enttabuisierung der gesundheitlichen Risiken sein, die mit regelmäßigem Kokaingebrauch einhergehen. So gibt die EBDD die Zahl der "Kokaintoten" in Europa mittlerweile mit mehr als 1000 an - das ist eine Dimension, die nicht zu unterschätzen ist, gemessen an der Gesamtzahl von 10 000 bis 20 000 Rauschgifttoten im Jahr. Die Zahl liegt wohl noch höher, da viele Todesfälle wegen kokaininduzierten Herzversagens nicht als solche erkannt werden.

          Wer nicht raucht, der kifft auch nicht

          Beim Rückgang des Cannabisgebrauchs unter Schülern und jungen Erwachsenen scheinen zwei Faktoren zusammenzuwirken. Einmal der politisch forcierte Rückgang des Tabakkonsums: Wer nicht raucht, der kifft auch nicht. Zudem scheint ein wachsender Teil vor allem junger Menschen Cannabis nicht für rundweg harmlos zu halten, das ergab etwa die jüngste Eurobarometer-Umfrage. Dass dieses Gesundheitsrisiko aktuell neun Millionen regelmäßige Cannabisgebraucher in der Altersgruppe von 15 bis 34 Jahren trotzdem nicht abschreckt, gibt nach Worten des deutschen EBDD-Direktors Wolfgang Götz trotzdem weiterhin "Anlass zu Sorge".

          Noch mehr Sorge bereitet es der Lissabonner Agentur, dass der Heroingebrauch mit einem weiteren Anstieg der HIV-Infektionen einhergehen könnte. Neben den gestiegenen Zahlen aus Griechenland deuten auch Zahlen aus den baltischen Staaten sowie aus Bulgarien und Rumänien darauf hin, dass dort, wo Heroinsüchtige keinen Zugang zu "schadensmindernden" Programmen wie Nadel- und Spritzentausch oder zu Ersatzopiaten wie Methadon haben, die Gefahr einer HIV-Übertragung stark zugenommen hat. Der Anfang dieser Kausalkette ist in Osteuropa zu suchen, vor allem in Russland und in der Ukraine. Beide Länder stellen bei Heroinsucht und damit einhergehenden HIV-Infektionen alles in den Schatten, was sich jemals in Westeuropa abgespielt hat. Gleichwohl gehen die jeweiligen Regierungen gegen die Epidemie nicht mit derjenigen Methode vor, die nach den Worten von Götz die billigste, am schnellsten wirkende und am leichtesten einzusetzende ist: die Substitution durch Ersatzopiate wie Methadon oder Buprenophin.

          1.000 Kilogramm Haschisch: Das Ergebnis einer Razzia in Jalalabad, Afghanistan

          Diese Therapieformen, die in Russland und der Ukraine aus ideologischen Gründen abgelehnt werden, könnten in einigen westeuropäischen Ländern bald der Kürzung der öffentlichen Haushalte zum Opfer fallen. In Lissabon wurde die Befürchtung laut, dass diese Kürzungen am Ende nur zu noch höheren Ausgaben für Rauschgiftsüchtige führen. Zudem führe die Wirtschaftskrise womöglich dazu, dass Kokaingebraucher zu billigeren Stimulanzien wechseln, etwa zu Ecstasy, Amphetamin und dem mittlerweile in Nordeuropa populären Methamphetamin - oder auch zu Heroin, Cannabis, Alkohol und einer der zahllosen "neuen" Drogen, die als Kräutermischungen auf den Markt drängen.

          Weitere Themen

          Viel bringt wenig

          Gletschersterben in den Alpen : Viel bringt wenig

          Der Mai hat noch einmal viel Schnee in die Alpen gebracht – die Wandersaison startet im Juni vielerorts mit Verzögerung. Aber freuen sich darüber wenigstens die arg geschundenen Gletscher?

          Mit 10 Jahren auf dem El Capitan Video-Seite öffnen

          Schwieriger 900-Meter-Berg : Mit 10 Jahren auf dem El Capitan

          Sie ist möglicherweise die jüngste Kletterin, die auf den schwierigen Berg im Yosemite-Nationalpark gestiegen ist: Selah Schneiter und ihr Vater aus Colorado bestiegen den 900 Meter hohen Berg am 12. Juni.

          Topmeldungen

          Das Wrack der abgeschossenen Maschine der Malaysia Airlines an der Absturzstelle im Jahr 2014.

          MH17-Abschuss : Vier Mordanklagen in den Niederlanden

          Die niederländische Justiz wird wegen des Abschusses von Flug MH17 über der Ukraine vor fünf Jahren in vier Fällen Mordanklage erheben. Der Prozess soll im März beginnen.

          FAZ Plus Artikel: Smartphones im Vergleichstest : Die 1000-Euro-Frage

          Das Smartphone wird zum wichtigsten Gerät des täglichen Lebens. Die Hersteller wissen das und erhöhen die Preise. Spitzenmodelle kosten mehr als 1000 Euro. Ob sich das lohnt, zeigt ein Blick auf die Flaggschiffe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.