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Papierverbrennung in China : Kleiner Warenverkehr ins Jenseits

Der Mittelpunkt der Ausstellung: Die Papiernachbildung einer chinesischen Hongqi-Limousine schwebt in den Hof des Residenzschlosses Bild: ZB

Auch das hypermoderne China hält am archaischen Brauch des „shaozhi“ fest: Konsumgüter aus Papier werden für ein komfortables Leben im Jenseits verbrannt – darunter Reiskocher, Zigaretten und ganze Fahrzeuge.

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          Der berühmteste Künstlerbastler der Welt heißt Thomas Demand. Für seine Darstellungen der Schauplätze von bedeutenden Ereignissen baut er diese mit akribischer Genauigkeit aus Papier nach, um sie dann zu fotografieren. So wird das ephemere Produkt auf Dauer gestellt, obwohl es selbst nicht erhalten bleibt. Nach der Ablichtung zerstört der Künstler sein Papiermodell.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wir haben nur einen Thomas Demand, China hat Tausende. Sie schaffen die Voraussetzungen für den Brauch des „shaozhi“, der Papierverbrennung. Das ist eine Ehrerbietung gegenüber den verstorbenen Ahnen, die nach chinesischer Überzeugung auch im Jenseits auf Versorgung mit denjenigen Dingen angewiesen sind, die den Lebenden das Dasein erleichtern. In den frühen Grablegen der chinesischen Kultur wurden dafür zunächst reale Güter verwendet: Lebensmittel, Geld, Kleidung, Schmuck.

          Später entwickelte sich eine Stellvertretungspraxis, die zuerst das Münzgeld durch Geldscheine ohne Nennwert ersetzte, die man nicht mehr länger den Toten ins Grab mitgab, sondern sie durch Verbrennen ins Jenseits sandte: eine frühe Form des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Allerdings mussten die Hinterbliebenen das zur Opferung bestimmte Papiergeld vor den chinesischen Tempeln kaufen, und das ist bis heute so geblieben. Oft werden dabei heute Falsifikate beliebter ausländischer Währungen verwendet, vor allem nachgeahmte Dollarscheine.

          Das lässt das Männerherz auch im Jenseits höher schlagen

          Neben diesem „mingbi“ (Geistergeld) gibt es aber auch „zhizha“, Papiergegenstände. Das sind all die Objekte, die man den Verstorbenen für ein gutes Nachleben mitgeben möchte. Aus dem Brauch des Geldverbrennens hat sich ein Warentransfer ins Jenseits entwickelt, der auf demselben Prinzip beruht. Neben alltäglichen Produkten werden auch Luxusartikel aus Papier nachgebildet, in Originalgröße von Zigarettenschachteln bis zu Automobilen.

          Ein Reiskocher darf in keinem chinesischen Haushalt fehlen, auch nicht im Jenseits. Bilderstrecke

          Im Dresdner Residenzschloss ist jetzt eine Ausstellung solcher Papiernachbildungen zu sehen. In der noch unrenovierten Fest-Etage, in jenen Sälen, die den Gästen der Kurfürsten früher als Warteräume dienten, hat Wolfgang Scheppe, der erst vor kurzem in Dresden eine spektakulär inszenierte Ausstellung mit japanischen Färberschablonen kuratierte, ein langes Podest quer durch eine ganze Zimmerflucht aufgebaut. Darauf werden zahllose „zhizah“ präsentiert, die erst kürzlich in China erworben wurden, arrangiert nach Produktgruppen wie zum Beispiel Mobiltelefonen, Computern, Kreditkarten - alle täuschend echt aus Papier gestaltet, nur die weltbekannten Markennamen sind bisweilen minimal verändert. Die großen Konzerne schätzen die chinesische Papierpiraterie nicht. Als Höhepunkt bietet die Ausstellung tatsächlich ein nachgebautes Auto in Originalgröße. Das Männerherz dürfte dafür auch im Jenseits höher schlagen.

          „Supermarket of the Dead“ nennt Scheppe diese Präsentation, und tatsächlich gleicht sie einem Einkaufsparadies, nur dass hier alles nicht zum Gebrauch, sondern zur Vernichtung bestimmt ist. Dieses archaische Ritual verblüfft im so hypermodern erscheinenden China der Gegenwart, doch die Dinge, die dort den Toten dienen sollen, sind tatsächlich sämtlich Accessoires unseres globalisierten Daseins. Alles ist käuflich, und für die teuren Toten ist den Nachfahren nichts zu kostspielig.

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