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Drehort Mitteldeutschland : Zittau wird Wien, Görlitz Paris

Statisten in Zittau: Der Film „Mein Kampf” soll 2009 ins deutsche Kino kommen. Bild: Foto ddp

Die Patina des Verfalls begeistert: Nun entdecken auch ausländische Filmproduzenten Mitteldeutschland als unverbrauchten Drehort. Unsanierte Straßenzüge eignen sich bestens als Kulisse aus früheren Tagen - ein wahrhaft ironischer Vorteil.

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          Beinahe wäre Budapest Wien geworden. Auf der Suche nach einem Straßenzug, der noch so aussieht wie ein Häuserensemble aus der Zeit des jungen Adolf Hitler, wurden die Leute von Schiwago-Film schnell in der ungarischen Hauptstadt fündig. „Sogar eine Baulücke für unsere Männerwohnheimkulisse gab es dort“, erzählt Produktionsleiter Frank Zahl.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Doch leider hatte eben diese Brache schon ein Investor gekauft, der mit seinem Bauprojekt nicht warten wollte. Also war Budapest doch nicht das geeignete Wien für einen Film nach George Taboris Hitler-Farce „Mein Kampf“, und die „Location Scouts“ mussten weiterziehen. Sechzehn Orte in Mitteldeutschland fuhren sie ab. „Da gab es wirklich schöne Ansichten. Aber Thüringer Fachwerk und Schiefer eignet sich nicht für unser Vorhaben.“ Erst ganz am Schluss, am 30. Dezember, kam man auf Zittau.

          Österreich im deutschen Osten

          In einer Mischung aus Ironie und Fatalismus sagen Zittauer manchmal, ihre Stadt beginne eben mit „Z“ und danach komme nichts. Dabei ist Zittau schon lange nicht mehr das Ende der Welt. Spätestens seit der EU-Erweiterung vor vier Jahren liegt die einst reiche Handels- und Industriestadt wieder mitten in Europa. War Zittau wie andere historische Städte in DDR-Zeiten dem Verfall preisgegeben, ist es heute in seinem Zentrum bis auf wenige Straßenzüge vorbildlich saniert. Aber gerade eine dieser heruntergekommen Ecken, die so genannte Uhreninsel, fasziniert die Filmleute. Kaum eine andere Stadt sehe so „österreichisch“ aus, meint Zahl.

          Stars in Zittau: Anna Unterberger, Götz George und Tom Schilling bei den Dreharbeiten
          Stars in Zittau: Anna Unterberger, Götz George und Tom Schilling bei den Dreharbeiten : Bild: REUTERS

          Tatsächlich spielten die Österreicher Zittau im Siebenjährigenkrieg erst einmal übel mit. Jahrzehnte zog sich danach der Wiederaufbau hin. Fast alle Gebäude im Zittauer Zentrum stammen deshalb aus der Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts. „Wo sie nicht saniert sind, erzählen sie die Geschichte vom Rand-Wien der damaligen Zeit“, sagt Zahl.

          Und Regisseur Urs Odermatt schwärmt von einer kleinen „außerhabsburgischen Ecke“. Deshalb trifft dieser Tage der von Nachwuchsstar Tom Schilling gespielte junge Hitler im Männerwohnheim des Zittauer Wien-Nachbaus auf den jüdischen Buchhändler Schlomo Herzl (Götz George), der ihn vor dem Untergang in der Großstadt retten will und im am Ende sogar rät, in die Politik zu gehen.

          Kulisse für den „Vorleser“

          Insgesamt 33 Drehtage sind bis zum 18. Juni im deutsch-tschechisch-polnischen Dreiländereck geplant. Derzeit suchen die „Location Scouts“ noch Hände ringend nach einer Eisenbahnbrücke für die Szene eines Selbstmordversuchs von Hitler. Das Zittauer Viadukt über die Neiße wäre zwar ideal für den Dreh. Doch müsste dann die grenzüberschreitende Bahnverbindung für eineinhalb Tage unterbrochen werden. Ein anderer, schon sicher geglaubter Drehort musste wieder aufgegeben werden. Eigentlich war das Theater im tschechischen Liberec (Reichenberg) als Wiener Oper geplant. „Hier sind uns ein Stadtfest und der viele Verkehr dazwischen gekommen“, sagt Zahl. Kurzfristig kann die Crew nun in den polnischen Teil von Görlitz ausweichen, wo der Kulturpalast eine gute Kulisse abgeben wird.

          Das nur knapp 40 Kilometer von Zittau entfernte Görlitz war schon in den vergangenen Jahren mehrfach Drehort für zum Teil aufwendige internationale Produktionen. 2003 wurden Teile der Stadt zu einem Pariser Quartier, als Szenen für den Kinofilm „In 80 Tagen um die Welt“ mit Jackie Chan entstanden. Vor wenigen Wochen erst haben sich neun Drehtage lange Teile der Stadt an der Neiße für den Film „Der Vorleser“ nach einem Roman von Bernhard Schlink in das Heidelberg der fünfziger Jahre mit Straßenbahn, Kopfsteinpflaster und grauen Hinterhöfen verwandelt. In der Geschichte beginnt der 15 Jahre alte Michael eine Affäre mit der 21 Jahre älteren Straßenbahnschaffnerin Hanna (Kate Winslet).

          Die Patina des Verfalls begeistert

          Schon sehen manche Görlitz auf dem Weg zu einer Filmstadt. Die kommunale Wirtschaftsförderung arbeitet an einer Werbekampagne, die Görlitzer sind ein wenig stolz darauf, dass mittlerweile sogar Paparazzi den Weg an die deutsche-polnische Grenze finden und Leute wie Kate Winslet auf Schritt und Tritt verfolgen.

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