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Drehbuchautorin Anika Decker : Die Zwölf-Millionen-Frau

Die vielleicht erfolgreichste Tierfilmerin Deutschlands: Anika Decker Bild: Julia Zimmermann

„Keinohrhasen“, „Zweiohrküken“, „Rubbeldiekatz“: Wenn Anika Decker am Drehbuch mitschreibt, wird ein Kinofilm zum Kassenschlager. Ihr Weg dorthin war aber alles andere als einfach.

          Wenn es wirklich wahr wäre, dass die besten Geschichten das Leben schreibt, warum liest man dann Bücher oder schaut sich Filme an, die doch ganz andere verfasst haben? Das Leben scheint uns nicht genug zu sein. Manchmal aber, das muss man ihm zugestehen, hat es ein Gespür für perfektes Timing.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Anika Decker hat eben erst Platz genommen im Café am Berliner Weinbergspark und gerade einen Latte macchiato bestellt, da klingelt ihr Handy; es ist ihr Produzent. Der Interviewer sitzt viel zu nah, um wenigstens so zu tun, als höre er weg, und merkt daher gleich, dass eine frohe Botschaft überbracht wird: „Wow. Das ist echt geil“, sagt Decker. „Da fahren wir hin, oder?“ Da fahren sie hin: nach Wien, wo in ein paar Tagen der Fernsehpreis „Romy“ verliehen wird. Decker, sie hat es in diesem Moment erfahren, ist mit ihrem Drehbuch für den Film „Rubbeldiekatz“ nominiert worden, die launige Buck-Komödie mit Matthias Schweighöfer in Frauenkleidern. Ein schöner Erfolg, eine schöne Fügung auch für das Gespräch - so schön, dass ganz kurz der Gedanke aufkommt, ob der Anruf womöglich doch nicht ganz zufällig gerade jetzt kam. Dafür allerdings klang Deckers Überraschung zu echt, und sie ist nun mal keine Schauspielerin, sondern Drehbuchautorin.

          Drehbuchautoren bleiben meist im Hintergrund

          Es kommt selten vor im Filmgeschäft, dass ein Drehbuchautor mal ins Blickfeld gerät; Decker ist es gelungen, mit gerade einmal drei Kinofilmen. Neben „Rubbeldiekatz“ sind das „Zweiohrküken“ und „Keinohrhasen“: zwei Millionen Kinobesucher der eine, vier Millionen der andere, sechs Millionen Zuschauer der dritte. Kein Wunder, dass Decker nun allen in der Branche ein Begriff ist. Sie ist „die Frau, die über schielende Brustwarzen schreibt“. Sie ist die mit den kauzigen Tierfilmtiteln, die gleichberechtigte Koautorin von Filmgrößen wie Til Schweiger und Detlef Buck. Oder, zählt man die Zuschauer ihrer Filme zusammen: die Zwölf-Millionen-Frau.

          Sechs Millionen schauten zu: Mit „Keinohrhasen“ gelang Anika Decker auf Anhieb ein Kassenschlager.

          Anika Decker, 37, braune Augen, blondes Haar, große Creolen in beiden Ohren, hält inzwischen ein Latte-macchiato-Glas einschüchternden Ausmaßes in den Händen. Geschrieben hat sie noch keine Zeile an diesem Frühlingsnachmittag, die Arbeit beginnt erst nach dem Interview, und all diese Zahlen, sagt sie mit sanft angerauhter Stimme, habe sie dabei nie im Hinterkopf: Sie schreibe stets erst mal für sich. Bedenken stellten sich bei ihr immer erst vor der Filmpremiere ein: „Da habe ich Angst, dass dann keiner lacht. Das wird ja höchstwahrscheinlich irgendwann mal passieren.“ Bislang ist alles gutgegangen. Und dennoch: „Ich glaube, sechs Millionen Zuschauer wie bei ,Keinohrhasen’, das passiert mir nie wieder“, sagt Decker.

          Wie es kam zu den „Keinohrhasen“, das ist wieder eine Geschichte, mit der das Leben sich kreativ zeigte: Autorin mit größerem, doch weitestgehend unveröffentlichtem Oeuvre (Decker) lernt über gemeinsame Freunde einen populären, wenn auch nie richtig ernst genommenen Schauspieler (Schweiger) kennen. Am Ende eines Restaurantbesuchs mit reichlich Wein quatscht er ihr ihren Memory-Stick ab, stöbert in ihren dort gesammelten Werken und fragt sie spontan, ob sie ihm einen Kinofilm schreiben wolle. Am Morgen danach wird der Vertrag unterzeichnet, binnen acht Wochen erstellen sie gemeinsam das Drehbuch, und bald darauf wird „Keinohrhasen“ gedreht, die Komödie um eine prüde Zicke und einen machohaften Kindskopf. So rasant geht das alles, dass Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller Schweiger, als er am Set einen Nachnamen für seine Filmfigur Ludo braucht, in der Eile nichts anderes einfällt als: Decker.

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