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Dominique Strauss-Kahn : Ein Fall, der keiner wurde

  • -Aktualisiert am

Kenneth Thompson, der Anwalt der 33 Jahre alten Diallo, machte für das rasche Ende des Prozesses dagegen allein Cyrus Vance Jr. verantwortlich, den Chefankläger von Manhattan. „Er zeigt diesem unschuldigen Opfer die kalte Schulter. Außerdem ignoriert er sämtliche forensischen, medizinischen und körperlichen Beweise in diesem Fall“, sagte der Verteidiger, bevor er ein weiteres Mal forderte, Vance Jr. durch einen Sonderstaatsanwalt ablösen zu lassen, da der Bezirksstaatsanwalt voreingenommen sei. Die Bitte wurde ihm nicht gewährt: Das Gericht lehnte die Einsetzung eines Sonderstaatsanwalts sogleich ab.

Thompson sagte am Dienstag nach der Entscheidung des Richters, er bedauere diese und werde sich jetzt auf das zivilrechtliche Verfahren seiner Mandantin gegen Strauss-Kahn (siehe Kasten) konzentrieren. Wie die „New York Post“ schon vor der Veröffentlichung des Antrags der Staatsanwaltschaft berichtete, hatten sich Vance Jr. sowie seine Mitarbeiter Joan Illuzi-Orbon und John McConnell gegen Thompsons Vorhaltungen schon abgesichert. Sie wiederholten nicht bloß Zweifel an Diallos Glaubwürdigkeit, die nach Enthüllungen über eine erfundene Massenvergewaltigung in ihrer Heimat Guinea und über Kontakte zu Straffälligen gelitten hatte.

Sie präsentierten auch die angekündigten „Bomben“: Es seien keine körperlichen oder medizinischen Beweise entdeckt worden, welche die Angaben der 33 Jahre alten Hotelangestellten zu dem angeblich erzwungenen sexuellen Kontakt in Strauss-Kahns Suite des Sofitel Hotels stützten. Die Staatsanwaltschaft schloss den bei einer versuchten Vergewaltigung wahrscheinlichen Kampf zwischen dem Täter und Opfer vielmehr aus, da unter Strauss-Kahns und Diallos Fingernägeln keine DNA-Spuren des jeweils anderen gefunden worden waren.

Zu viele zweifelten an der Glaubwürdigkeit des Opfers

Den Antrag, die sieben Anklagepunkte gegen den bis zum Mai aussichtsreichen Anwärter der französischen Sozialisten auf die Präsidentschaftskandidatur fallenzulassen, begründete Vance Jr. zusätzlich mit dem Berufsethos der Staatsanwaltschaft. Bevor die Ankläger einen Menschen vor Gericht brächten, müssten sie von seiner Schuld überzeugt sein. Im „Fall DSK“ hegten sie aber zu viele Zweifel an der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers.

Ebenso empört wie Thompson, der den Antrag der Staatsanwaltschaft als „Verriss von Frau Diallos Glaubwürdigkeit“ schalt, äußerten sich die Vertreterinnen verschiedenen Frauenverbände. „Dominique Strauss-Kahn hat Glück gehabt, weil er eine Frau mit zweifelhafter Vergangenheit angegriffen hat“, sagte die Vorsitzende des New Yorker Verbandes der Nationalen Frauenorganisation, Sonia Ossorio, dem Sender CBS. „Es ist bei Vergewaltigungsprozessen oft der Fall, dass nicht dem eigentlichen Übergriff, sondern der Vergangenheit der Frau der Prozess gemacht wird.“

Nach Ossorios Ansicht ist der Fall aber nicht nur von der Staatsanwaltschaft „falsch“ bearbeitet worden. Auch Diallos Anwalt Thompson, der seine Mandantin zu Interviews mit dem Magazin „Newsweek“ und dem Fernsehsender ABC überredet und schon vor Ende des Strafprozesses eine Zivilklage gegen den Franzosen eingereicht hatte, trifft nach Ossorios Ansicht eine Schuld an dem Ausgang des Prozesses, der vor drei Monaten für viele undenkbar war.

Was immer sich zwischen Strauss-Kahn und dem Zimmermädchen in der Sofitel-Suite abgespielt hat: Auch Betty Malone von der Feministengruppe „Radical Women“ glaubt nicht, dass es einvernehmlich war, auch wenn keine Kampfspuren nachgewiesen wurden: „Ich bin selbst vor vielen Jahren vergewaltigt worden, und es gab keine Kampfspuren, und wissen sie, warum? Ich war einfach starr vor Angst.“

Auch für einen Zivilprozess braucht man harte Beweise

Auch wenn Dominique Strauss-Kahn weitere Anhörungen vor dem Obersten Gerichtshof in Manhattan erspart bleiben: Die von seiner sozialistischen Parteifreundin Martine Aubry als „Albtraum“ titulierte Bekanntschaft des Franzosen mit dem amerikanischen Rechtssystem ist noch längst nicht vorbei. Da das Zimmermädchen Nafissatou Diallo vor zwei Wochen wegen des angeblich „brutalen und sadistischen Angriffs“ des früheren IWF-Chef auch eine Zivilklage eingereicht hat, steht Strauss-Kahn möglicherweise ein zweiter Prozess bevor.

Wie Diallos Verteidiger Kenneth Thompson ankündigte, hat er für das Verfahren, in dem es um Schadenersatz in ungenannter Höhe geht, Beweise über weitere angebliche Missbrauchsopfer des Zweiundsechzigjährigen zusammengetragen. Trotz Thompsons Ankündigung und dem Umstand, dass amerikanische Zivilprozesse eine größere Bandbreite von juristischen Eingaben ermöglichen als Strafverfahren, sehen Rechtsexperten Diallos Erfolgsaussichten skeptisch. Die Hürde für die Zulassung von Beweisen sei auch in einem Zivilprozess hoch. „Sonst könnte ja jeder vor Gericht eine Horde Leute präsentieren, die den Angeklagten als Scheusal bezeichnen“, sagt der New Yorker Anwalt David Golomb. Zudem reichen die bloße Anschuldigungen weiterer Frauen nicht aus. „Man braucht harte Beweise. Jeder Richter wird mit nicht bewiesenen Schuldzuweisungen sehr vorsichtig umgehen“, sagt auch der Verteidiger Oscar Michelen.

Dass ein verlorener Strafprozess in den Vereinigten Staaten aber dennoch einen gewonnenen Zivilprozess nach sich ziehen kann, zeigen die juristischen Scharmützel des gefallenen amerikanischen Football-Stars O.J. Simpson. Obwohl der Sportler im Jahr 1995 in einem aufsehenden Mordprozess von dem Vorwurf freigesprochen worden war, seine frühere Ehefrau Nicole Brown und ihren Freund Ronald Goldman in Los Angeles getötet zu haben, wurde er zwei Jahre später in einem Zivilprozess wegen „widerrechtlicher Tötung“ zur Zahlung von 33,5 Millionen Dollar verurteilt. (ceh.)

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