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Dokumentarfilmer Andreas Kieling : Die Bären sind nicht deine Freunde

Grandiose DDR-Natur

Und er ist Stammgast im Gothaer Naturkundemuseum, steht Stunden vor Schaukästen, Präparaten, Panoramen, bis ihn eines Tages der Direktor fragt, ob er Schülerführungen übernehmen wolle. Kieling, zwölf Jahre alt, sagt sofort zu. Die Aufgabe verschafft ihm Respekt. Abends verschlingt er die Bücher von Jack London, Mark Twain, Ernest Hemingway und besonders „Robinson Crusoe“. Als die Familie nach Jena zieht, erklärt er eine kleine Saale-Insel zu seinem Robinson-Crusoe-Eiland. „Ich habe mir dort eine Hütte gezimmert, Tomaten angepflanzt und Bisame gezähmt, die fraßen mir aus der Hand.“

Doch das reicht ihm, dem nun Jugendlichen, nicht. „Was die Natur angeht, fand ich die DDR grandios, es gab viele seltene Tiere, unberührte Landschaften - ich hätte da glücklich sein können.“ Doch er hat einen Traum: einmal auf einer tropischen Insel wie Robinson zu leben. „Mit viel Glück hätte ich es höchstens mal nach Kuba, Vietnam oder in die Mongolei geschafft. Das war mir zu wenig.“ Mit 14 Jahren weiß er genau, was er will: in den Westen, und zwar bald. Bei der GST, der Gesellschaft für Sport und Technik, trainiert er Nahkampf, Fallschirmspringen und das Überwinden von Stacheldraht.

Jungwölfe mit alten Hasen: Andreas Kieling im Einsatz Bilderstrecke
Jungwölfe mit alten Hasen: Andreas Kieling im Einsatz :

Kieling ist Bezirksmeister im Radsport, er könnte es bis zum Reisekader schaffen oder zur Handelsmarine gehen, um ins Ausland zu gelangen. Doch das dauert ihm zu lange; lieber saugt er Berichte von geglückten und misslungenen Fluchten auf. Direkt in die Bundesrepublik, das war ihm klar, das wäre glatter Selbstmord; an einem Fluss aber, so seine Hoffnung, müssten die Sperranlagen leichter zu überwinden sein. Im Herbst 1976, kurz vor seinem 17. Geburtstag, reist er als Angler getarnt in die Tschechoslowakei. Sein Ziel ist Bratislava, wo die Donau auf wenigen Kilometern die Grenze zu Österreich bildet.

Eine Kugel im Rücken

Zwei Tage beobachtet er die Grenze, sieht drei Stacheldrahtzäune, Wachtürme, Hunde und dahinter den Fluss, dann rennt er los. Zaun eins überwindet er mühelos - und bleibt an einem Stolperdraht hängen. Alarm ertönt, Scheinwerfer leuchten, Schüsse peitschen, aber Kieling rennt weiter über Zaun zwei und drei, springt in die Donau. Die Strömung reißt ihn mit, in der Flussmitte trifft ihn eine Kugel in den Rücken, er spürt seine Beine nicht mehr, aber schafft es ans Ufer. „Dort war kein Mensch, niemand, der zurückschoss, das war frustrierend.“ Mit den Armen robbt Kieling zum nächsten Ort, Wolfsthal. Dort ist Weinfest, auch die Grenzer feiern mit. Sie bringen ihn ins Spital, die Kugel hat die Wirbelsäule gestreift, aber er hat Glück. „Zwei Wochen später ging’s mir wieder gut.“

Im Westen hält er es nur wenige Wochen auf dem Gymnasium aus. Er zieht nach Hamburg, heuert bei den „Deutschen Afrika-Linien“ an, fährt nach Mombasa und Malaysia, sieht Australien und den Amazonas, Afrika und Amerika. „Es war phantastisch, ich konnte die Welt erleben und bekam auch noch Geld dafür.“ Er nimmt sich fest vor, an all diese Orte zurückzukehren. Dann aber packt ihn eine Art Heimweh; im Urlaub durchstreift er Deutschlands Wälder und beschließt, Förster und Berufsjäger zu werden. Kielings erstes Revier ist in der Eifel; hier legt er außer mit dem Gewehr bald auch mit einem 500er Teleobjektiv an, fotografiert Eichelhäher, Hasen, Wildschweine.

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