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Rußland in Deutschland : „Wir sind tipptopp vorbereitet“

  • -Aktualisiert am

Renke Siefkane, Fremdenführer in Friedeburg, am Ortseingang des Ortsteils Rußland. Bild: Daniel Pilar

Am Donnerstag beginnt in Moskau die Fußball-Weltmeisterschaft. In den deutschen Orten Rußland und Amerika hat man die Chance, die darin liegt, längst erkannt.

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          Rußland und Amerika sind nur 2000 Meter voneinander entfernt, Luftlinie. Dazwischen liegt Einöde. Weide, grasende Kühe in der sengenden Hitze. Und der Mickenbarger Weg, die Pufferzone mit der Zollschranke. Eine Art neutrale Zone, wie ein Bewohner sagt. Doch eins nach dem anderen.

          Tim Niendorf

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Russland und Amerika – auf der Weltkarte sind das zwei Weltmächte, die sich vor allem im Kalten Krieg bedrohlich nahe kamen. Es sind aber auch die Namen zweier Ortsteile in der beschaulichen Gemeinde Friedeburg in Ostfriesland. Da wäre also Rußland, ein Quadratkilometer groß, 250 Einwohner, drei Straßen: Hermannslust, Industriestraße, Rußlandweg. Eine Handvoll mittelständischer Unternehmen hat sich hier angesiedelt, darunter ein Spirituosenhersteller, der Wodka von Rußland aus bis nach Russland vertreibt.

          Früher gab es hier auch einen Kiosk, einen Gasthof gar, doch beides ist längst passé. Von Zeit zu Zeit radelt ein Einwohner den Rußlandweg entlang, an Klinkerbauten vorbei. „Moin“, grüßt er dann kopfnickend. Freundlich sind sie ja, die Russen. Sonst passiert hier wenig. Um 15 Uhr knattert ein Traktor die Straße entlang, um 15.13 Uhr fällt ein Blatt vom Baum, um 18.23 Uhr kräht ein Hahn, gleich zwei Mal kräftig. So sind sie hier, die Tage.

          Top vorbereitet auf die WM: Fußballaufsteller im Garten eines Wohnhauses im Ortsteil Rußland in Friedeburg.

          Nimmt man Moskau als Fixpunkt, trennen Rußland und Russland 1922 Kilometer – und seit der Rechtschreibreform von 1996 kommt auch noch ein Eszett dazu. Wie ist der Name entstanden? Wir fragen Renke Siefken, 75 Jahre alt, heisere Stimme, Matrosen-Schlupfjacke und eine vom Alter gezeichnete Elbsegler-Mütze auf dem Kopf. Seit 20 Jahren ist er als Gästeführer unterwegs, führt Touristen von Rußland nach Amerika. Seit kurzem steht am Ortsschild eine brusthohe Matrjoschka aus Holz, geschnitzt von einem Bildhauer aus Friedeburg. Das erste Zeichen, dass die Fußball-Weltmeisterschaft bald losgeht. In Rußland wie in Russland.

          So viel Rummel gab es in Rußland noch nie

          Es gebe drei Theorien für die Namensgebung, sagt Siefken. Die eine besagt, dass hier vor 100 Jahren ein armer Bauer lebte, der einem Russen glich. Die zweite, dass es hier so aussah, wie sich die Siedler Russland damals vorstellten – wie eine Einöde eben. Die dritte Theorie, und die hält Siefken für am wahrscheinlichsten, lautet: Im 19. Jahrhundert wurde aus gerodeten Eichen-Buchen-Mischwäldern Kohle gewonnen. Ein örtlicher Köhler, auch Rußer genannt, bewohnte hier eine Köhlerhütte. Er könnte dem Ort seinen Namen gegeben haben.

          Wegen der Fußball-WM steht der Friedeburger Ortsteil Rußland nun ein paar Wochen lang im öffentlichen Fokus. Das ARD-„Morgenmagazin“ sendet während des Turniers von hier, genauer gesagt von einem kleinen See, der einem Privatmann gehört und hinter einem Zaun versteckt liegt. Die Band Madsen und die Höhner werden kommen. Olaf Thon, Fußball-Weltmeister von 1990, und Mike Büskens, ehemaliger Bundesliga-Profi für Schalke 04, sind als Experten eingeladen. So viel Rummel ist Rußland noch nie zuteilgeworden. Das soll auch mehr Touristen in den Ort locken. In den kommenden Wochen wird die Welt nicht nur in Russland zu Gast sein – sondern auch in Rußland.

          Seit 20 Jahren als Gästeführer unterwegs – Fremdenführer Renke Siefkane (l).

          Der NDR war schon an diesem Morgen da. Siefken ist von den Dreharbeiten erschöpft, er geht deshalb heute nicht zu Fuß, sondern fährt mit dem Bulli nach Amerika. Nach wenigen Minuten dort bricht er schon wieder auf nach Hause. Wird er sich die Fußball-Weltmeisterschaft überhaupt anschauen, wo Russland doch diesmal Gastgeber ist? Nein, sagt er. „Fußball interessiert mich nicht die Bohne. Ob da Fußball gespielt wird, in China ein Sack Reis umfällt oder in Hamburg auf der Reeperbahn ’ne Bockwurst aufplatzt – dat ist mir schittegal.“

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