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Kulinarische Recherche : Die Döner-Verschwörung

Gibt’s dafür einen Stempel? Bild: Picture-Alliance

Döner nur noch für Türken und Muslime? Dem Aufruf einer besorgten Leserin folgend gehen wir der Frage nach, wie fremdenfeindlich Fast Food sein kann.

          3 Min.

          Wenn Sie Verschwörungstheoretiker sind, dann sollten Sie jetzt nicht weiterlesen. Sie könnten sonst enttäuscht werden. Und Leute, die überzeugt sind, dass Zeitungen ohnehin nur Lügenpresse sind, sollten auch besser aussteigen. Obwohl: Die lesen uns ja eh nicht.

          Katrin Hummel
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Donnerstagnachmittag. Eine Sekretärin aus der politischen Nachrichtenredaktion der F.A.Z. leitet eine Anfrage an unser Ressort weiter. (Anfragen, von denen niemand so recht weiß, was er mit ihnen machen soll, landen fast immer im „Leben“-Ressort der Sonntagszeitung.) Um einen Rückruf bittet Eva R., nach eigenen Worten nicht nur keine Ausländerfeindin, sondern sogar mit einem Ausländer verheiratet. In ihrem Städtchen am Rande des Odenwalds besucht sie häufiger eine Dönerbude, in welcher sie letztens Bonuskarten entdeckte, die man abstempeln lassen kann: Den zehnten Döner gibt’s dann gratis. So eine Zehner-Karte wollte sie sich nehmen, doch der Mann im Imbiss habe gesagt: Nein, die Rabattkärtchen seien nur für Muslime. Eva R. war vor den Kopf gestoßen: Man stelle sich vor, eine Currywurstbude würde Bonuskarten nur an Christen austeilen. Ob wir der Sache nicht nachgehen wollten?

          Von solchen Geschichten hört man immer wieder, manchmal sind sie wahr, manchmal aufgebauscht, manchmal barer Unsinn: vom Schweinefleisch, das es in Kitas aus Rücksicht auf muslimische Kinder tatsächlich seltener gibt, bis zur Legende vom Sparschwein, das Banken angeblich verbannen, da sein Anblick Muslime verstören könnte. Die Islamisierung des Abendlandes, auch im Odenwald? Sofort entspinnt sich eine lebhafte Diskussion unter den Kollegen. Direkt hinfahren, fordern die einen, und prüfen, ob die Anruferin die Wahrheit gesagt habe. Anderen ist unwohl beim Gedanken, das Thema aufzugreifen oder gar zu skandalisieren: Gibt es gerade nicht schon genug kritische Texte über Einwanderer oder Flüchtlinge, als dass man über einen Bagatellfall aus der Provinz schreiben müsste? Werden nicht auch Ausländer von deutschen Wirten diskriminiert, ohne dass die Medien darüber berichteten? Im Nu wäre ein solcher Text zu den einschlägigen Websites verlinkt, ein Brandbeschleuniger für die ohnehin lodernde Wut in den Netzwerken von AfD und Pegida. Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie in unserem Land wäre nur noch mehr Vorschub geleistet. Vielleicht habe der Mitarbeiter ja nur einen schlechten Scherz gemacht?

          „Nur für Türken und Moslems“

          Schließlich entscheidet der Chef: Dem Vorwurf, Lügenpresse zu sein, werden wir uns nicht aussetzen. Also rufe ich die Anruferin zurück. Und höre, wie sie, die freundlich und gar nicht überspannt wirkt, mir bestätigt, was sie unserer Sekretärin erzählt hat: dass ein Mann ihr sagte, die Karte sei „nur für Türken und Moslems“. Sie klingt glaubwürdig. Also beschließt der Chef: Ich - die ich ziemlich untürkisch aussehe - soll in den Odenwald fahren und versuchen, in der ominösen Bude eine Bonuskarte zu ergattern. Achtzig Kilometer sind es dorthin, doch für die Wahrheit ist kein Weg zu weit.

          Heiß begehrt: Bonuskarte aus der Dönerbude.
          Heiß begehrt: Bonuskarte aus der Dönerbude. : Bild: Archiv

          Freitagmittag, 12 Uhr. Ich betrete den Laden, der an der Hauptstraße der Stadt liegt. Vier Mitarbeiter, offensichtlich allesamt mit Migrationshintergrund, stehen hinter der Theke und warten auf Kundschaft. Ich grüße, aber ohne zu lächeln: Ich will mir keinen Vorteil gegenüber Eva R. verschaffen; ob sie bei ihrem Besuch gelächelt hat, weiß ich ja nicht. Und noch ein größeres Problem gibt es: Ich hasse Döner. Daher bestelle ich ein vegetarisches Lahmacun.

          Während ich warte, entdecke ich die Bonuskarten. Sie liegen direkt auf dem Tresen. Ich zahle und frage beiläufig, ob ich mir eine Karte nehmen und gleich abstempeln lassen könne. „Nein“, sagt der Mitarbeiter. Es stimmt also wirklich. Wir haben einen Skandal aufgedeckt.

          Doch dann fügt der Mann hinzu: „Das geht nur, wenn Sie einen Döner bestellen.“ Als er meinen enttäuschten Blick sieht, sagt er: „Aber Sie können sich gern eine mitnehmen, und wenn Sie dann das nächste Mal kommen und einen Döner bestellen, dann machen wir Ihnen einen Stempel rein.“

          Der Lahmacun schmeckt köstlich. Während ich ihn esse, frage ich mich: Sind wir womöglich alle neurotisch geworden? Oder habe ich nur das Glück gehabt, dass der christenfeindliche Mitarbeiter gerade frei hatte? Hätte ich eine andere Reaktion bekommen, wenn ich doch einen Döner bestellt hätte? Leserin Eva R., der ich von meinem Erlebnis erzählt habe, will selbst nun auch noch einmal die Dönerbude aufsuchen. Vielleicht, sagt sie, war es ja nur ein Einzelfall.

          Wir bleiben dran.

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