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Experiment Meinungsfreiheit : Das bringt nicht zum Denken!

Müssen Muslime das aushalten können? Das Titelblatt der ersten Ausgabe von „Charlie Hebdo“ nach dem Anschlag auf die Redaktion. Bild: AFP

Ein Ethiklehrer zeigt seinen überwiegend muslimischen Schülern Karikaturen. Meinungsfreiheit als Zumutung, die man aushalten muss. Wie reagieren sie?

          7 Min.

          Die islamistischen Anschläge auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ sind fast zwei Wochen her. Ethikunterricht in einer zehnten Klasse. Die Schüler, 15 bis 18 Jahre alt, stammen alle aus Zuwandererfamilien, die meisten sind Muslime. Der Lehrer hat einen Beamer aufgestellt.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Lehrer: Ich möchte euch etwas zumuten, was ihr nicht als Ausdruck meiner eigenen Überzeugung nehmt, bitte. Ihr kennt mich ja, ich halte sonst nicht hinterm Berg. Aber diesmal will ich euch mit ein paar Bildern konfrontieren, und ihr sagt einfach, was euch dazu einfällt.

          Im Ethikunterricht, findet der Lehrer, sollen Schüler sich bewusst werden, welche Spannungen das Leben in einer vielfältigen Gesellschaft mit sich bringt, um dann zu einer abgewogenen, gut begründeten Haltung zu finden. Nachdem sie in der vergangenen Stunde über Ehrenmorde diskutiert haben, über das Dilemma, wenn der Freiheitswille des Einzelnen in Konflikt mit den Werten von Familie und Tradition gerät, legt der Lehrer jetzt eine Schippe drauf: Was, wenn das Grundrecht auf Meinungsfreiheit zur Zumutung wird, weil es das religiöse Empfinden beleidigt? Wie verhält man sich dann?

          Der Lehrer projiziert Karikaturen an die Wand, Witze auf Kosten von Frauen, Hartz-IV-Empfängern, Rentnern, Bettlern, nicht einmal besonders lustig.

          Lehrer: Karikaturen sind was für ein Mittel?

          Sahin: Teilweise zum Provozieren.

          Lehrer: Was provozieren sie?

          Sahin: Die Leute, die sie darstellen.

          Ismael: Sie wollen, dass sich jemand aufregt. Er soll sich ärgern und sauer werden.

          Lehrer: Könnten wir nicht auch sagen, wir sind durch das, was wir sehen, zum Denken angeregt?

          An der Wand erscheint ein historischer Stich der französischen Königin Marie-Antoinette, der ein Liebhaber unter die Rüschenröcke fasst. Der Lehrer spricht über die Tradition der Karikatur als Instrument, um Herrschaft in Frage zu stellen, indem die Mächtigen dem Spott der Öffentlichkeit preisgegeben werden.

          Überleitung zur Religion. Ein Bärtiger im weißen Schlabbergewand steht ratlos vor zwei Vierkanthölzern von Ikea. Auf einem Bild aus der „Titanic“ vergeht sich ein Priester an dem Gekreuzigten. Es folgt eine fast pornographische Zeichnung von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist, Sex zu dritt - ein alter „Charlie Hebdo“-Titel. „Mein Gott“, ruft jemand. Eine Langhaarige kichert. Ein Mädchen mit Kopftuch hält sich die Hand vor die Augen und schaut weg.

          Lehrer: Wie wirkt die Darstellung dieses christlichen Gottes auf euch?

          Ali: Unakzeptabel.

          Fatima: Als es so plötzlich kam, war es etwas lustig. Aber wenn man versteht, was da dargestellt wird. . .

          Laila: Das ist respektlos gegenüber der Religion.

          Das sieht der Lehrer ähnlich. Der Mann hat katholische Religion studiert, er ist bekennender Christ. Aber seine Schüler sollen begreifen: Das Recht auf freie Meinungsäußerung schont niemanden. Deshalb hat er als nächstes israelkritische Zeichnungen aus der arabischen Presse herausgesucht, die das Leiden der Palästinenser thematisieren. Dann kommt ein Bild mit Ausstellungsobjekten eines prähistorischen Museums. Fünf Büsten auf Sockeln: Jupiter. Jahwe. Odin. Christengott. Allah.

          Malika: Was soll das gerade?

          Omar: Warum zeigen Sie uns so was?

          Lehrer: Fünf Gottheiten im Museum. Was könnte der Zeichner meinen?

          Fatima: Sie sind tot.

          Lehrer: Man könnte auch sagen, die Götter verstauben im Museum. Was bedeutet das?

          Ali: Krass.

          Malika: Krass.

          Lehrer: Wir haben vorhin davon gesprochen, dass eine Karikatur zum Denken anregen soll. Was lässt uns der Zeichner denken?

          Malika: Ich finde, das provoziert nur, das bringt gar nicht zum Denken.

          Die Schüler sind offenkundig verstört. Für gewöhnlich schätzen sie ihren Lehrer und seinen Unterricht. Sie fühlen sich von ihm ernst genommen und verstanden. Die heutige Stunde empfinden sie als Affront. Offenbar ist nicht nur die drastische Sexualisierung eine Zumutung, sondern auch die religionsfeindliche Grundhaltung. Einige Schüler werden später sagen, es sei muslimische Pflicht, andere Glaubensrichtungen zu respektieren.

          Lehrer: Eigentlich müsste man hier eine Pause machen. Es ist harter Tobak, was ich euch zumute. Ich hoffe, ich verletze niemanden. Aber ich möchte euch jetzt Bilder zeigen, die Moslems provozieren könnten. Wie unerträglich ist das? Wie fühlt ihr euch dabei?

          Zwei Zeichnungen folgen. Dann ist Schluss, obwohl im Beamer Nachschub wäre. Die erste Karikatur zeigt einen Muslim, der sich über Götterdarstellungen amüsiert, aber zum Schwert greift, als ihm ein Bild seines Propheten gezeigt wird. Bei der zweiten liegt Mohammed selbst auf der Couch und jammert seinem Psychiater vor: „Andere Propheten haben Anhänger mit einem Sinn für Humor.“

          Malika: Was soll das?

          Iman: Bei uns darf man eigentlich nicht mal von unserem Propheten das Gesicht malen!

          Laila: Sie zeigen mehr Bilder gegen den Islam als gegen die anderen Religionen!

          Fatima: Das ist ungerecht!

          Malika: Es geht nicht nur darum. Man kann nicht irgendeine Religion, egal welche, so schlecht darstellen.

          Der Lehrer schaltet den Beamer aus. Schließlich lautet die oberste Regel für das schulische Miteinander, noch vor dem Verbot von Waffen und Drogen: keinerlei Beleidigungen und Provokationen. Aufgewühlte Mädchen werden nach der Stunde sagen, dass sie mit Tränen in den Augen den Blick abgewendet hätten. Es sei schrecklich gewesen. Ein Mädchen klagt, Religion sei heute nichts mehr wert.

          Lehrer: Okay. Wir brechen das ab. Das ist in Ordnung. Ihr müsst nicht mehr ertragen, als ihr wollt. Aber was ist die Reaktion bei solchen Bildern? Was darf ich tun, wenn mir solche Provokationen begegnen?

          Fatima: Wenn es ein Bild ist, das irgendwo hängt, kann man es ja abreißen.

          Lehrer: Und was, wenn es sich an einem Kiosk befindet?

          Laila: Ich kann den Ladenbesitzer darauf ansprechen. Aber er wird es nicht abreißen.

          Lehrer: Warum nicht?

          Laila: Weil es sein Eigentum ist.

          Fatima: Dann kaufe ich halt die ganzen Zeitungen auf und schmeiße sie weg.

          Lehrer: Da wird er beim nächsten Mal noch mehr bestellen, um noch mehr zu verdienen.

          Iman: Ich würde erst mal mit ihm sprechen, dass er das halt nicht mehr verkaufen soll. Wenn er nicht will, würde ich ihn anzeigen.

          Lehrer: Anzeigen, okay.

          Ahmed: Totschlagen.

          Lehrer: Ahmed! Du darfst alles sagen, aber ich kann es nicht zulassen, dass du reinrufst und damit dich selbst und das, was du sagen willst, nicht ernst nimmst!

          Ahmed: Doch, hab’ ich ernst gemeint.

          Lehrer: Dann melde dich so, dass ich’s verstehen kann und dass andere drauf reagieren können. Erst sind andere dran.

          Maya: Ich würde zu diesem ganzen Betrieb Zeitung gehen und mit denen sprechen.

          Iman: Ich würde mit ihm sprechen, und wenn er es trotzdem nicht versteht, würde ich ihn anzeigen.

          Lehrer: So, Ahmed hat sich jetzt gemeldet, der darf jetzt reden. Fatima, bitte. Zuhören!

          Ahmed: Man kann auch totschlagen.

          Iman: Das kannst du tun, aber ich nicht.

          Lehrer: Kannst du das begründen, Ahmed?

          Ahmed: Diese Anzeigerei dauert lang. . .

          Zwischenrufe auf Arabisch, Ahmed brüllt eine Beleidigung durch den Raum. Tatsächlich ist er der einzige in der Klasse, der Gewalt ins Spiel bringt: ein lernbehinderter Schüler, dessen Beiträge für gewöhnlich belächelt werden. Dabei wäre an dieser Stelle das Lernziel erreicht: Selbst wenn das Heiligste in den Schmutz gezogen werde, so der Lehrer später, dürfe man nicht zu archaischen Mitteln greifen. Jede Gewalttat sei ein Angriff auf die Grundregeln des zivilen Miteinanders.

          Nach Auffassung der Schüler jedoch ist der Islam eine friedfertige Religion. Nach der Stunde werden einige deshalb sagen, dass die Anschläge von Paris nicht von Muslimen verübt worden sein könnten.

          Das geht nicht nur auf die Unterscheidung von Islam und Islamismus zurück. Es zeugt auch von großem Misstrauen Politik und Medien gegenüber. Einzelne jedenfalls berufen sich lieber auf Verschwörungstheorien, als Glaubensgenossen in der Verantwortung zu sehen.

          Lehrer: Welche Aussicht hat die Anzeige?

          Malika: Eine Anzeige würde nichts bringen. Der Papst wurde auch schon lange durch Karikaturen schlecht dargestellt. Damals war es Meinungsfreiheit. Jetzt, bei den Muslimen, ist es auch Meinungsfreiheit. Das Einzige, was etwas bringt, ist, nicht hinzusehen, nicht hinzuhören oder sich nicht provozieren zu lassen. Karikaturen wird es immer geben.

          Der Lehrer gibt ihr recht, tatsächlich seien selbst schmerzliche Beleidigungen oft durch die Meinungsfreiheit geschützt. In der Zwischenzeit hat es geklingelt.

          Das Gespräch wird in der nächsten Ethikstunde wenige Tage später fortgeführt - ohne Beamer. Stattdessen zeichnet der Lehrer eine Insel an die Tafel und erzählt von Robinson Crusoe. Bei allem Ungemach, ein Problem sei dem Einsamen erspart geblieben: Streit. Der Lehrer nähert sich der Sache jetzt von anderer Seite. Anstatt, wie bei den Karikaturen, möglichst drastisch zu provozieren, sucht er nach dem Punkt, an dem Meinungsverschiedenheiten schwer erträglich werden.

          Lehrer: Wann sind solche Grenzen erreicht?

          Fatima: Wenn es um Religion geht. Um Glauben.

          Lehrer: Beschreib das mal genauer. Wir zum Beispiel haben unterschiedliche Religionen, ich bin Katholik, du bist Muslima.

          Fatima: Wir diskutieren ja nicht darüber.

          Malika: Es muss nicht zum Streit kommen, wenn man eine normale Unterhaltung führt.

          Lehrer: Was meinst du mit normal?

          Malika: Wenn man nicht rassistisch gegenüber der Religion ist.

          Lehrer: Aufpassen mit dem Begriff „rassistisch“; du meinst diskriminierend. Aber ist es schon diskriminierend, wenn ich behaupte, Fasten im Ramadan sei ungesund?

          Fatima: Ich finde schon.

          Ali: Ist doch eigentlich egal, weil wir es für uns selber tun. Eure Meinung könnt ihr doch eigentlich auch bei euch selber behalten.

          Fatima: Ich finde, es gibt Grenzen, die sollte man nicht überschreiten. Wenn sich Menschen lustig machen über unseren Gott oder unseren Propheten, würde ich sie ansprechen.

          Lehrer: Ist es denn dein Auftrag im Sinne deiner Religion, auf diese Menschen einzuwirken, dass sie sich so nicht äußern oder diese Meinung gar nicht haben?

          Mit kleinen Beispielen steigert der Lehrer die Dosis der Provokation. Abschätzige Äußerungen zum Ramadan. Freizügige Werbung, der „Playboy“. FKK-Strände. Die Schüler reagieren gelassen. Könne man alles ignorieren.

          Lehrer: Merkt ihr was? Im Alltag findet eine Gewöhnung statt. Auch wenn etwas nicht unserem Geschmack entspricht, akzeptieren wir in der Öffentlichkeit Dinge, die nicht veränderbar sind, weil andere sie eben tun. Ich habe euch kürzlich die Charta der Grundrechte der Europäischen Union ausgeteilt, und die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. . . - ja?

          Fatima: Ich wollte nur kurz was sagen zu den Nackten und den Zeitschriften. Eigentlich sind das ja nicht nur die Muslime, die sich darüber aufregen.

          Unterschwellig ist spürbar: Die Schüler fühlen sich unter permanentem Druck, ihre Religion zu verteidigen. Dabei halten sie sich nicht einmal für besonders religiös, eher für „normal“. Langhaarige Mädchen berichten, dass ihre Schwestern und Freundinnen mit Kopftuch auf der Straße schief angesehen würden. Deshalb fühlten auch sie sich von der Mehrheitsgesellschaft unterdrückt. Ständig werde ihnen unterstellt, ihr Glaube lasse ihnen keine Freiheit. Dabei empfinden sie das anders. Seit den Anschlägen von Paris stehe ihre Religion wieder unter Generalverdacht. Das belastet sie.

          Lehrer: Je enger Menschen zusammenleben, je vielfältiger die Meinungen sind, um so eher werde ich mit Dingen konfrontiert, die sich nicht mit meiner Auffassung decken. Irgendwann ist der Punkt erreicht, wo wir mit unseren rechtsstaatlichen Mitteln, mit Anzeigen und Demonstrationsrecht, nicht weiterkommen. Da bleibt nur eines. Das müssen wir aushalten. In dieser Hinsicht war Robinson vielleicht gar nicht so schlecht dran.

          Fatima: Dafür war er bestimmt sehr einsam.

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