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Experiment Meinungsfreiheit : Das bringt nicht zum Denken!

Müssen Muslime das aushalten können? Das Titelblatt der ersten Ausgabe von „Charlie Hebdo“ nach dem Anschlag auf die Redaktion. Bild: AFP

Ein Ethiklehrer zeigt seinen überwiegend muslimischen Schülern Karikaturen. Meinungsfreiheit als Zumutung, die man aushalten muss. Wie reagieren sie?

          Die islamistischen Anschläge auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ sind fast zwei Wochen her. Ethikunterricht in einer zehnten Klasse. Die Schüler, 15 bis 18 Jahre alt, stammen alle aus Zuwandererfamilien, die meisten sind Muslime. Der Lehrer hat einen Beamer aufgestellt.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Lehrer: Ich möchte euch etwas zumuten, was ihr nicht als Ausdruck meiner eigenen Überzeugung nehmt, bitte. Ihr kennt mich ja, ich halte sonst nicht hinterm Berg. Aber diesmal will ich euch mit ein paar Bildern konfrontieren, und ihr sagt einfach, was euch dazu einfällt.

          Im Ethikunterricht, findet der Lehrer, sollen Schüler sich bewusst werden, welche Spannungen das Leben in einer vielfältigen Gesellschaft mit sich bringt, um dann zu einer abgewogenen, gut begründeten Haltung zu finden. Nachdem sie in der vergangenen Stunde über Ehrenmorde diskutiert haben, über das Dilemma, wenn der Freiheitswille des Einzelnen in Konflikt mit den Werten von Familie und Tradition gerät, legt der Lehrer jetzt eine Schippe drauf: Was, wenn das Grundrecht auf Meinungsfreiheit zur Zumutung wird, weil es das religiöse Empfinden beleidigt? Wie verhält man sich dann?

          Der Lehrer projiziert Karikaturen an die Wand, Witze auf Kosten von Frauen, Hartz-IV-Empfängern, Rentnern, Bettlern, nicht einmal besonders lustig.

          Lehrer: Karikaturen sind was für ein Mittel?

          Sahin: Teilweise zum Provozieren.

          Lehrer: Was provozieren sie?

          Sahin: Die Leute, die sie darstellen.

          Ismael: Sie wollen, dass sich jemand aufregt. Er soll sich ärgern und sauer werden.

          Lehrer: Könnten wir nicht auch sagen, wir sind durch das, was wir sehen, zum Denken angeregt?

          An der Wand erscheint ein historischer Stich der französischen Königin Marie-Antoinette, der ein Liebhaber unter die Rüschenröcke fasst. Der Lehrer spricht über die Tradition der Karikatur als Instrument, um Herrschaft in Frage zu stellen, indem die Mächtigen dem Spott der Öffentlichkeit preisgegeben werden.

          Überleitung zur Religion. Ein Bärtiger im weißen Schlabbergewand steht ratlos vor zwei Vierkanthölzern von Ikea. Auf einem Bild aus der „Titanic“ vergeht sich ein Priester an dem Gekreuzigten. Es folgt eine fast pornographische Zeichnung von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist, Sex zu dritt - ein alter „Charlie Hebdo“-Titel. „Mein Gott“, ruft jemand. Eine Langhaarige kichert. Ein Mädchen mit Kopftuch hält sich die Hand vor die Augen und schaut weg.

          Lehrer: Wie wirkt die Darstellung dieses christlichen Gottes auf euch?

          Ali: Unakzeptabel.

          Fatima: Als es so plötzlich kam, war es etwas lustig. Aber wenn man versteht, was da dargestellt wird. . .

          Laila: Das ist respektlos gegenüber der Religion.

          Das sieht der Lehrer ähnlich. Der Mann hat katholische Religion studiert, er ist bekennender Christ. Aber seine Schüler sollen begreifen: Das Recht auf freie Meinungsäußerung schont niemanden. Deshalb hat er als nächstes israelkritische Zeichnungen aus der arabischen Presse herausgesucht, die das Leiden der Palästinenser thematisieren. Dann kommt ein Bild mit Ausstellungsobjekten eines prähistorischen Museums. Fünf Büsten auf Sockeln: Jupiter. Jahwe. Odin. Christengott. Allah.

          Malika: Was soll das gerade?

          Omar: Warum zeigen Sie uns so was?

          Lehrer: Fünf Gottheiten im Museum. Was könnte der Zeichner meinen?

          Fatima: Sie sind tot.

          Lehrer: Man könnte auch sagen, die Götter verstauben im Museum. Was bedeutet das?

          Ali: Krass.

          Malika: Krass.

          Lehrer: Wir haben vorhin davon gesprochen, dass eine Karikatur zum Denken anregen soll. Was lässt uns der Zeichner denken?

          Malika: Ich finde, das provoziert nur, das bringt gar nicht zum Denken.

          Die Schüler sind offenkundig verstört. Für gewöhnlich schätzen sie ihren Lehrer und seinen Unterricht. Sie fühlen sich von ihm ernst genommen und verstanden. Die heutige Stunde empfinden sie als Affront. Offenbar ist nicht nur die drastische Sexualisierung eine Zumutung, sondern auch die religionsfeindliche Grundhaltung. Einige Schüler werden später sagen, es sei muslimische Pflicht, andere Glaubensrichtungen zu respektieren.

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