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Experiment Meinungsfreiheit : Das bringt nicht zum Denken!

Malika: Eine Anzeige würde nichts bringen. Der Papst wurde auch schon lange durch Karikaturen schlecht dargestellt. Damals war es Meinungsfreiheit. Jetzt, bei den Muslimen, ist es auch Meinungsfreiheit. Das Einzige, was etwas bringt, ist, nicht hinzusehen, nicht hinzuhören oder sich nicht provozieren zu lassen. Karikaturen wird es immer geben.

Der Lehrer gibt ihr recht, tatsächlich seien selbst schmerzliche Beleidigungen oft durch die Meinungsfreiheit geschützt. In der Zwischenzeit hat es geklingelt.

Das Gespräch wird in der nächsten Ethikstunde wenige Tage später fortgeführt - ohne Beamer. Stattdessen zeichnet der Lehrer eine Insel an die Tafel und erzählt von Robinson Crusoe. Bei allem Ungemach, ein Problem sei dem Einsamen erspart geblieben: Streit. Der Lehrer nähert sich der Sache jetzt von anderer Seite. Anstatt, wie bei den Karikaturen, möglichst drastisch zu provozieren, sucht er nach dem Punkt, an dem Meinungsverschiedenheiten schwer erträglich werden.

Lehrer: Wann sind solche Grenzen erreicht?

Fatima: Wenn es um Religion geht. Um Glauben.

Lehrer: Beschreib das mal genauer. Wir zum Beispiel haben unterschiedliche Religionen, ich bin Katholik, du bist Muslima.

Fatima: Wir diskutieren ja nicht darüber.

Malika: Es muss nicht zum Streit kommen, wenn man eine normale Unterhaltung führt.

Lehrer: Was meinst du mit normal?

Malika: Wenn man nicht rassistisch gegenüber der Religion ist.

Lehrer: Aufpassen mit dem Begriff „rassistisch“; du meinst diskriminierend. Aber ist es schon diskriminierend, wenn ich behaupte, Fasten im Ramadan sei ungesund?

Fatima: Ich finde schon.

Ali: Ist doch eigentlich egal, weil wir es für uns selber tun. Eure Meinung könnt ihr doch eigentlich auch bei euch selber behalten.

Fatima: Ich finde, es gibt Grenzen, die sollte man nicht überschreiten. Wenn sich Menschen lustig machen über unseren Gott oder unseren Propheten, würde ich sie ansprechen.

Lehrer: Ist es denn dein Auftrag im Sinne deiner Religion, auf diese Menschen einzuwirken, dass sie sich so nicht äußern oder diese Meinung gar nicht haben?

Mit kleinen Beispielen steigert der Lehrer die Dosis der Provokation. Abschätzige Äußerungen zum Ramadan. Freizügige Werbung, der „Playboy“. FKK-Strände. Die Schüler reagieren gelassen. Könne man alles ignorieren.

Lehrer: Merkt ihr was? Im Alltag findet eine Gewöhnung statt. Auch wenn etwas nicht unserem Geschmack entspricht, akzeptieren wir in der Öffentlichkeit Dinge, die nicht veränderbar sind, weil andere sie eben tun. Ich habe euch kürzlich die Charta der Grundrechte der Europäischen Union ausgeteilt, und die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. . . - ja?

Fatima: Ich wollte nur kurz was sagen zu den Nackten und den Zeitschriften. Eigentlich sind das ja nicht nur die Muslime, die sich darüber aufregen.

Unterschwellig ist spürbar: Die Schüler fühlen sich unter permanentem Druck, ihre Religion zu verteidigen. Dabei halten sie sich nicht einmal für besonders religiös, eher für „normal“. Langhaarige Mädchen berichten, dass ihre Schwestern und Freundinnen mit Kopftuch auf der Straße schief angesehen würden. Deshalb fühlten auch sie sich von der Mehrheitsgesellschaft unterdrückt. Ständig werde ihnen unterstellt, ihr Glaube lasse ihnen keine Freiheit. Dabei empfinden sie das anders. Seit den Anschlägen von Paris stehe ihre Religion wieder unter Generalverdacht. Das belastet sie.

Lehrer: Je enger Menschen zusammenleben, je vielfältiger die Meinungen sind, um so eher werde ich mit Dingen konfrontiert, die sich nicht mit meiner Auffassung decken. Irgendwann ist der Punkt erreicht, wo wir mit unseren rechtsstaatlichen Mitteln, mit Anzeigen und Demonstrationsrecht, nicht weiterkommen. Da bleibt nur eines. Das müssen wir aushalten. In dieser Hinsicht war Robinson vielleicht gar nicht so schlecht dran.

Fatima: Dafür war er bestimmt sehr einsam.

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