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Experiment Meinungsfreiheit : Das bringt nicht zum Denken!

Lehrer: Eigentlich müsste man hier eine Pause machen. Es ist harter Tobak, was ich euch zumute. Ich hoffe, ich verletze niemanden. Aber ich möchte euch jetzt Bilder zeigen, die Moslems provozieren könnten. Wie unerträglich ist das? Wie fühlt ihr euch dabei?

Zwei Zeichnungen folgen. Dann ist Schluss, obwohl im Beamer Nachschub wäre. Die erste Karikatur zeigt einen Muslim, der sich über Götterdarstellungen amüsiert, aber zum Schwert greift, als ihm ein Bild seines Propheten gezeigt wird. Bei der zweiten liegt Mohammed selbst auf der Couch und jammert seinem Psychiater vor: „Andere Propheten haben Anhänger mit einem Sinn für Humor.“

Malika: Was soll das?

Iman: Bei uns darf man eigentlich nicht mal von unserem Propheten das Gesicht malen!

Laila: Sie zeigen mehr Bilder gegen den Islam als gegen die anderen Religionen!

Fatima: Das ist ungerecht!

Malika: Es geht nicht nur darum. Man kann nicht irgendeine Religion, egal welche, so schlecht darstellen.

Der Lehrer schaltet den Beamer aus. Schließlich lautet die oberste Regel für das schulische Miteinander, noch vor dem Verbot von Waffen und Drogen: keinerlei Beleidigungen und Provokationen. Aufgewühlte Mädchen werden nach der Stunde sagen, dass sie mit Tränen in den Augen den Blick abgewendet hätten. Es sei schrecklich gewesen. Ein Mädchen klagt, Religion sei heute nichts mehr wert.

Lehrer: Okay. Wir brechen das ab. Das ist in Ordnung. Ihr müsst nicht mehr ertragen, als ihr wollt. Aber was ist die Reaktion bei solchen Bildern? Was darf ich tun, wenn mir solche Provokationen begegnen?

Fatima: Wenn es ein Bild ist, das irgendwo hängt, kann man es ja abreißen.

Lehrer: Und was, wenn es sich an einem Kiosk befindet?

Laila: Ich kann den Ladenbesitzer darauf ansprechen. Aber er wird es nicht abreißen.

Lehrer: Warum nicht?

Laila: Weil es sein Eigentum ist.

Fatima: Dann kaufe ich halt die ganzen Zeitungen auf und schmeiße sie weg.

Lehrer: Da wird er beim nächsten Mal noch mehr bestellen, um noch mehr zu verdienen.

Iman: Ich würde erst mal mit ihm sprechen, dass er das halt nicht mehr verkaufen soll. Wenn er nicht will, würde ich ihn anzeigen.

Lehrer: Anzeigen, okay.

Ahmed: Totschlagen.

Lehrer: Ahmed! Du darfst alles sagen, aber ich kann es nicht zulassen, dass du reinrufst und damit dich selbst und das, was du sagen willst, nicht ernst nimmst!

Ahmed: Doch, hab’ ich ernst gemeint.

Lehrer: Dann melde dich so, dass ich’s verstehen kann und dass andere drauf reagieren können. Erst sind andere dran.

Maya: Ich würde zu diesem ganzen Betrieb Zeitung gehen und mit denen sprechen.

Iman: Ich würde mit ihm sprechen, und wenn er es trotzdem nicht versteht, würde ich ihn anzeigen.

Lehrer: So, Ahmed hat sich jetzt gemeldet, der darf jetzt reden. Fatima, bitte. Zuhören!

Ahmed: Man kann auch totschlagen.

Iman: Das kannst du tun, aber ich nicht.

Lehrer: Kannst du das begründen, Ahmed?

Ahmed: Diese Anzeigerei dauert lang. . .

Zwischenrufe auf Arabisch, Ahmed brüllt eine Beleidigung durch den Raum. Tatsächlich ist er der einzige in der Klasse, der Gewalt ins Spiel bringt: ein lernbehinderter Schüler, dessen Beiträge für gewöhnlich belächelt werden. Dabei wäre an dieser Stelle das Lernziel erreicht: Selbst wenn das Heiligste in den Schmutz gezogen werde, so der Lehrer später, dürfe man nicht zu archaischen Mitteln greifen. Jede Gewalttat sei ein Angriff auf die Grundregeln des zivilen Miteinanders.

Nach Auffassung der Schüler jedoch ist der Islam eine friedfertige Religion. Nach der Stunde werden einige deshalb sagen, dass die Anschläge von Paris nicht von Muslimen verübt worden sein könnten.

Das geht nicht nur auf die Unterscheidung von Islam und Islamismus zurück. Es zeugt auch von großem Misstrauen Politik und Medien gegenüber. Einzelne jedenfalls berufen sich lieber auf Verschwörungstheorien, als Glaubensgenossen in der Verantwortung zu sehen.

Lehrer: Welche Aussicht hat die Anzeige?

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