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Diskriminierung : Politische Korrektheit à la carte

  • -Aktualisiert am

Auch der Negerkuss wurde durch den unproblematischen Schokokuss ersetzt Bild: Christian Pohlert

„Heißer Schoko-Nuss-Gugelhupf mit Schokosauce und Schlagobers“: Die Süßspeise „Mohr im Hemd“ ist in Österreich ein beliebter Nachtisch. Ihr Name aber ist für manche anstößig - deshalb suchen sie nun nach Alternativen.

          Bei Speisebezeichnungen verstehen die Österreicher keinen Spaß. Als das Land 1995 der Europäischen Union (EU) beitrat, ließ es sich „spezifisch österreichische Ausdrücke der deutschen Sprache“ schützen. Diese sollten den „gleichen Status“ haben und mit der „gleichen Rechtswirkung“ verwendet werden wie die entsprechenden Ausdrücke in Deutschland. Erdäpfel blieben Erdäpfel, und zu Hackfleisch durfte man weiter „Faschiertes“ sagen. Doch so unverfänglich wie die Erdäpfel sind längst nicht alle Begriffe der österreichischen Küche. Während der Negerkuss oder der Mohrenkopf aus den Supermarktregalen verschwunden ist und durch den unproblematischen Schoko- oder Schaumkuss ersetzt wurde, hält sich der „Mohr im Hemd“ hartnäckig auf vielen Speisekarten Österreichs.

          Diese Bezeichnung sei definitiv diskriminierend, sagt Adalbert Windisch. Deshalb verkauft der Gastwirt die warme Schokoladensüßspeise mit Schlagsahne schon seit 2007 unter einem anderen Namen. In seinem Wiener Lokal, dem „Hawidere“, heißt sie „Heißer Schoko-Nuss-Gugelhupf mit Schokosauce und Schlagobers“. Windischs Begriff ist zwar nicht so einprägsam wie der traditionelle „Mohr im Hemd“, dafür aber weniger anstößig. Der gelernte Werbekaufmann ist mit seinem kulinarischen Neologismus ein Vorreiter der politische Korrektheit à la carte, denn viele Gastronomen haben erst kürzlich mitbekommen, dass sich manche Leute an dem Begriff stoßen. Die Wiener Menschenrechtsorganisation „SOS Mitmensch“ hatte sich an österreichische Gastronomiebetriebe gewandt und darum gebeten, auf Speisebezeichnungen wie „Mohr im Hemd“ zu verzichten. In dieser Woche werden die Kaffeehäuser abermals Post bekommen.

          Gehäutet, ausgestopft und im Naturalienkabinett ausgestellt

          Vor fünf Jahren, erzählt Windisch, hätten sich einige Gäste in seinem Lokal über die antiquierte Bezeichnung aufgeregt. Bis dahin habe er sich gar keine Gedanken über den „Mohren“ gemacht, den der Duden schlicht als veralteten Begriff für einen Menschen mit dunkler Hautfarbe ausweist. Dass man die braune Süßspeise außerdem „ins Hemd“ steckt, spielt wiederum auf die vermeintliche Nacktheit afrikanischer Menschen an. „Man muss nicht besonders kreativ sein, um solche rassistischen Bezeichnungen in den Menüs zu ändern“, sagt Windisch. Das müsse natürlich auch mit dem Zigeunerschnitzel geschehen, das er selbst gar nicht anbietet. „Puszta-Schnitzel“ lautet sein Alternativvorschlag.

          Im März hatte „SOS Mitmensch“ die öffentliche Debatte angestoßen. Neben dem „Mohren im Hemd“ und dem Zigeunerschnitzel wollen die Wiener Menschenrechtler auch das „Negerbrot“, wie manche Österreicher zu Schokolade mit Erdnüssen sagen, abschaffen. Zwar verbänden viele „nichts Negatives“ mit den Namen „Mohr“ oder „Zigeuner“. „Allerdings sind alle diese Begriffe zu einer Zeit eingebürgert worden, als die Menschen, die mit diesen Begriffen bedacht wurden, nicht als vollwertige und manchmal sogar als gar keine Menschen anerkannt waren“, schreibt die Organisation auf ihrer Internetseite.

          Ihr Sprecher, Alexander Pollak, will mit der Initiative mehr erreichen als nur einzelne Speisen anzuprangern. Er möchte über die dahinter liegende „Geschichte der Diskriminierung“ aufklären. Der Anlass für „SOS Mitmensch“, diese Aktion zu starten, war die Ausstellung über den „fürstlichen Hofmohren“ Angelo Soliman im Wien Museum. Solimann wurde um 1750 als Kind aus Afrika verschleppt und als schwarzer Sklave nach Europa verkauft. In Wien diente er von 1753 an dem Fürsten Liechtenstein als „Hofmohr“. Zwar schaffte er es später, sich freizukaufen und unabhängig in Wien zu leben. Nach seinem Tod holte ihn jedoch sein „Mohrendasein“ ein. Solimann wurde gehäutet, ausgestopft und für zehn Jahre im kaiserlichen Naturalienkabinett ausgestellt - als halbnackter Wilder mit Federn und Muschelkette.

          Unterstützung von prominenter Stelle

          Die Frage nach diskreditierenden Speisebezeichnungen verweise also auch auf ein „unterbelichtetes Stück österreichischer Geschichte“, meint Pollak. Diese geschichtliche Tatsache einfach beiseite zu schieben, sei respektlos. Niemand solle sich zu gut dafür sein, andere Menschen mit Anstand zu behandeln. Schwarze Menschen sowie Roma und Sinti kämpften seit Jahrzehnten um ihre Anerkennung und müssten das immer noch tun. Ein kleiner, aber wichtiger Schritt wäre, dass man sich von beleidigenden Bezeichnungen verabschiedete, auch wenn dieser Abschied vielen schwer falle.

          Gastronom Windisch fiel er nicht schwer. Für ihn war er „einfach logisch“. Eine Diskussion sei eigentlich überflüssig. Seine Gäste hätten ihm „tolle Rückmeldungen“ gegeben und der „Mohr im Hemd“ gehe auch unter anderem Namen gut. „SOS Mitmensch“ wünscht sich, dass weitere Wirte Windischs Beispiel folgen. Unterstützung hat die Organisation von prominenter Stelle bekommen. In einem internen Newsletter wandte sich die Fachgruppe Gastronomie der österreichischen Bundeswirtschaftskammer an ihre Mitglieder: „Die Gastronomie sollte als Branche, die sich der Gastfreundschaft verschrieben hat, hier aber mit gutem Beispiel vorangehen und auf derartige Bezeichnungen verzichten. Machen wir es zu einem Gütesiegel österreichischer Gastronomiebetriebe, dass keine beleidigenden Speisebezeichnungen mehr verwendet werden.“

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