https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/dirk-rossmann-und-ralf-hoppe-im-interview-freunde-oder-ko-autoren-18101144.html

„Arbeit ist ein tolles Medium für Freundschaft“

Von KATHARINA PFANNKUCH, Fotos DANIEL PILAR

21. Juni 2022 · Sein Name stand für Duschgel und Waschpulver. Mit Anfang 70 wurde Dirk Roßmann dann zum Bestsellerautor. Er schreibt nicht allein, sondern mit dem ehemaligen Journalisten Ralf Hoppe. Die beiden sind heute Freunde und reden über Vertrauen, Rivalität und Ziele.

Ein verregneter Vormittag in Friedrichsruh bei Hamburg, auf dem Bismarck’schen Gelände. Hier hat der Autor und Künstler Ralf Hoppe sein Atelier eingerichtet. Er malt und musiziert auch. Nebenan ist sein Schreibzimmer. Dort fügt der ehemalige Journalist, der früher für den „Spiegel“ schrieb, Plots und Protagonisten zusammen. An der Seite des Zweiundsechzigjährigen sitzt an diesem Tag der Mann, mit dem er besonders eng zusammenarbeitet, Dirk Roßmann, 75 Jahre alt. Milliardenschwerer Unternehmer, Gründer der gleichnamigen Drogeriemarkt-Kette. Im vergangenen Herbst zog sich Roßmann endgültig aus der Geschäftsführung zurück, sein Sohn Raoul folgte ihm nach. Seit einigen Jahren taucht der Familienname – in leichter orthographischer Abweichung – allerdings nicht nur in roter Leuchtschrift in Fußgängerzonen auf, sondern auch in der Autorenzeile von zwei Öko-Thrillern. „Der neunte Arm des Oktopus“ erschien 2020. Während der Arbeit daran lernte Roßmann Ralf Hoppe kennen. Die Fortsetzung („Der Zorn des Oktopus“) ein Jahr später ging er direkt mit Hoppe an.

Herr Roßmann, Herr Hoppe, was sind Sie in erster Linie: Freunde oder Ko-Autoren?

Hoppe: Wir sind Freunde. Das wären wir auch, wenn wir nicht schon an unserem nächsten Buch arbeiten würden. Aber ein gemeinsames Projekt bietet immer wieder Anlass, miteinander Zeit zu verbringen. Arbeit ist ein tolles Medium für Freundschaft, sie schafft eine besondere Intensität, weil man die Persönlichkeit und Fähigkeiten des anderen hautnah erlebt.

Wie haben Sie einander kennengelernt?

Roßmann: Im Sommer 2020 war mein erster Roman fast fertig, hatte aber noch Schwächen. Ein ehemaliger „Spiegel“-Manager empfahl mir, Ralf einen Blick darauf werfen zu lassen. Wenn er nicht noch kräftig poliert hätte, wäre das Buch nicht so erfolgreich geworden; er hat dann auch das Hörbuch eingesprochen. Die Zusammenarbeit hat mir so viel Spaß gemacht, dass mir klar war: Wenn ich noch ein Buch schreibe, dann mit Ralf zusammen.

Dirk Roßmann (links) mit seinem Freund Ralf Hoppe.
Dirk Roßmann (links) mit seinem Freund Ralf Hoppe.

Sie sagten, dass eine gemeinsame Aufgabe eine Freundschaft stärken kann. Viele Menschen haben Angst, dass an einem solchen Vorhaben ihre Freundschaft zerbrechen könnte – spätestens, wenn es ums Geld geht.

Roßmann: Durch Austausch und Kritik entsteht doch erst Freundschaft. Man muss auch unterschiedlicher Meinung sein können. Ich bin seit 40 Jahren verheiratet – und was habe ich schon mit meiner Frau gestritten. Aber unsere Liebe ist immer daran gewachsen. Das gilt auch für Freundschaft. Geistig und seelisch reife Menschen können sich inhaltlich reiben und am nächsten Tag wieder gut miteinander sein.

Hoppe: Mit Menschen einfach so befreundet zu sein, ist wunderbar, kann aber auch oberflächlich werden, oder? Ich finde es interessanter, wenn man gemeinsam etwas unternimmt, etwas macht, das ist vielleicht eine eher männliche Eigenart. Ich ziehe Freundschaften oft aus gemeinsamen Unternehmungen, aus Projekten wie dem unseren. Das ist nicht mehr ganz klein, für die Einnahmen aus den Buch- und Hörbuchverkäufen haben wir eine Firma gegründet. Sie sprachen das Thema Geld an: Wir entscheiden gemeinsam, aber Dirks Erfahrung und Know-how geben eigentlich immer den Ausschlag.

Was schätzen Sie aneinander?

Hoppe: Dirk ist ein Meister der kleinen Momente. Wenn wir spazieren gehen, entdeckt er plötzlich etwas, und wenn es nur die Sonne ist, die über die Ebene strahlt, bleibt ganz versonnen stehen und sagt: Ist das nicht wunderschön! Er hat eine fast kindliche Energie, ist liebenswert bis unters Dach und geht sehr offen auf Menschen zu.

Roßmann: Ich bin regelrecht naiv. Mein Vertrauen in andere Menschen ist groß. Misstrauisch möchte ich auch gar nicht sein, das würde mein Leben vergiften. 

Hoppe:
Er hat mich in sein Haus und sein Leben gelassen, als wir uns kaum kannten. Das erfordert viel Vertrauen, wenn man ein bekannter, erfolgreicher und reicher Unternehmer ist. So, Dirk, jetzt musst du aber auch sagen, was dir an mir gefällt. Irgendwas wird’s hoffentlich geben.

Roßmann: Ralf ist für mich wie ein Farbkasten. Er bedient alle 20 Farben, schreibt meisterlich, malt, komponiert, er hat eine Virtuosität, die ich bei einem Mann noch nie so erlebt habe.

Kann man dem anderen nur ein guter Freund sein, wenn man sich selbst einer ist?

Hoppe: Ja, das glaube ich. Jeder von uns blickt auf viele Erfahrungen zurück und ist seinen Weg gegangen. Wir haben eine eigene innere Stabilität.

Roßmann: Definitiv. Diese innere Stabilität haben übrigens nicht nur wir beide, sondern auch unsere Frauen. Wir sind beide mit tollen Frauen verheiratet, die sich auch untereinander gut verstehen.

Das Atelier in Friedrichsruh teilt sich Ralf Hoppe mit seiner Frau, der Künstlerin, Bühnen- und Kostümbildnerin Claudia Spielmann-Hoppe. Dirk Roßmann ist seit 1982 mit Alice Schardt-Roßmann verheiratet. Sie ist im Rossmann-Konzern Teil der Geschäftsführung. (Anm. d. Red.)

Im Atelier von Ralf Hoppe: Unternehmer Dirk Rossmann schenkt sich Kaffee ein.
Im Atelier von Ralf Hoppe: Unternehmer Dirk Rossmann schenkt sich Kaffee ein. Foto: Daniel Pilar
Im Atelier von Ralf Hoppe
Im Atelier von Ralf Hoppe Foto: Daniel Pilar
„Ich blicke mit mehr innerer Gelassenheit auf Dinge“, die Pfeife hilft Ralf Hoppe dabei.
„Ich blicke mit mehr innerer Gelassenheit auf Dinge“, die Pfeife hilft Ralf Hoppe dabei. Foto: Daniel Pilar

Spielen Rivalität und Konkurrenz gar keine Rolle in Ihrer Freundschaft?

Hoppe: Viele Männer meinen, einander ständig vorführen zu müssen, was sie können und besitzen. Aber es gibt eine rare Spezies, die dieses Rivalitätsdenken nicht hat. Zu der gehören wir beide. Dass Dirk dieses große Selbstbewusstsein hat, als erfolgreicher Konzernchef, ist nicht sehr überraschend. Aber ich kann alles, was Dirk hat – und materiell hat er ja viel mehr als ich -, mühelos anerkennen. Das liegt auch daran, dass er dieses Spiel des Vergleichens nie spielt. Finge einer von beiden damit an, würde es schwierig werden.

Roßmann: Beruflich kenne ich Rivalität, aber sie hat mich immer angetrieben. Mit Freunden habe ich nie konkurriert. Und Ralf ist ein solches Multitalent, in vielen Bereichen kann ich sowieso nicht mit ihm mithalten.

Dirk Roßmann: „Beruflich kenne ich Rivalität, aber sie hat mich immer angetrieben.“
Dirk Roßmann: „Beruflich kenne ich Rivalität, aber sie hat mich immer angetrieben.“

Hoppe: Wenn wir Tischtennis oder Schach spielen, möchte natürlich jeder gewinnen. Dennoch kann ich annehmen, wenn Dirk besser ist. So wie beim Schach, da fegt er mich vom Brett. Aber dann lerne ich eben von ihm.

Wer von Ihnen hatte bei der Arbeit am Buch welchen Part?

Hoppe: Dirk hatte vor allem die Vision, er ist voller verrückter Ideen, die ich dann eher strukturiere. Das Schreiben ist ein Handwerk, das ich jahrzehntelang trainiert habe. Natürlich kann Dirk auch strukturiert denken – wenn es ums Geschäft geht...

Roßmann: ...aber eben nicht in der Welt der Literatur. Ich bin spontan, beobachte und fühle sehr viel. Ralf ist eher intellektuell, ich eher intuitiv, deshalb passt es so gut zwischen uns.

In Roßmanns und Hoppes Buch versucht ein Bündnis großer Machtblöcke im Jahr 2029 die Folgen des Klimawandels mithilfe einer technischen Neuerung in den Griff zu bekommen. Doch die Innovation droht in die falschen Hände zu gelangen. Dem kommen zunächst zwei Männer auf die Spur. Zwei unterschiedliche Charaktere, die sich an ein großes Problem wagen. Und zwei Freunde. Wie Roßmann und Hoppe. (Anm. d. Red.)

„Viele Männer meinen, einander ständig vorführen zu müssen, was sie können und besitzen“: Ralf Hoppe (in der Weste) sagt, seine Freundschaft zu Dirk Roßmann (in der Daunenjacke) sei anders.
„Viele Männer meinen, einander ständig vorführen zu müssen, was sie können und besitzen“: Ralf Hoppe (in der Weste) sagt, seine Freundschaft zu Dirk Roßmann (in der Daunenjacke) sei anders.

Mit dem Klimawandel gehen Sie ein Thema an, über das sich Menschen leidenschaftlich streiten können. Wie wichtig ist es für Sie als Freunde und Autoren, sich inhaltlich einig zu sein?

Hoppe: Das ist eine Grundbedingung für so ein Projekt. Dirks Überzeugung, dass sich etwas fundamental ändern muss, unterschreibe ich ebenso vollständig wie seine Idee, das Thema in eine Form zu bringen, mit der man die Masse erreichen kann.

Roßmann: Wir wollen den Menschen die Scheu vor dem Thema nehmen. Ich beobachte auch in meinem Freundeskreis, dass viele das Klimaproblem nicht an sich heranlassen, weil es so gewaltig, komplex und bedrohlich ist. Unser naiv klingender Grundgedanke lautet: Aus Misstrauen muss Vertrauen werden.

Wie gehen Sie beide mit Kritik um?

Roßmann: In einer Zeitung hieß es über den ersten Roman sinngemäß: „Miserables Buch, aber unbedingt lesen.“ Das fand ich lustig. Und über die Umschreibung „Ein bisschen James Bond, ein bisschen Frank Schätzing“ habe ich mich gefreut. Die Resonanz auf das aktuelle Buch war nicht ganz so groß, aber im November stand es auf Platz eins der „Spiegel“-Beststellerliste. Das muss man als 75 Jahre alter Kaufmann ja erst einmal schaffen. Aber die Verkaufszahlen könnten gerne noch besser sein.

Hoppe: Finde ich nicht. Wir haben doch fantastisch verkauft. Aber ich blicke auch mit mehr innerer Gelassenheit auf Dinge wie Verkaufszahlen. Denn ich denke mir: Das Buch ist in der Welt, wir haben unser Bestes getan. Irgendwann muss man loslassen, sonst verschenkt man Energie.

„Auch bei ernsteren Themen darf der Spaß nicht verloren gehen. Ralf Hoppe sieht sich bei einer Verfilmung zum Beispiel in der Rolle eines Schuhputzers.“
„Auch bei ernsteren Themen darf der Spaß nicht verloren gehen. Ralf Hoppe sieht sich bei einer Verfilmung zum Beispiel in der Rolle eines Schuhputzers.“

Die Szenarien des Buchs erinnern mitunter an klassische Hollywood-Action. Ist eine Verfilmung geplant?

Hoppe: Es gibt Interessenten und Gespräche, aber noch keine konkreten Pläne. Die vielen Schauplätze würden eine Verfilmung auch sehr aufwendig machen – und gerade bei einem Öko-Thriller müssten wir auch auf umweltverträgliche Dreharbeiten achten. Das alles braucht Zeit.

Roßmann: Schätzings „Der Schwarm“ erschien 2004 und wurde erst vergangenes Jahr verfilmt. Ich hoffe aber, dass es bei uns nicht 17 Jahre dauert.

Sollte es zu einer Verfilmung kommen: Werden Sie beide darin Kurzauftritte à la Hitchcock haben?

Hoppe: Unbedingt! Notfalls würde ich uns auch Rollen hineinschreiben. Dirk, du könntest einen nicht mehr ganz taufrischen Hotelpagen spielen, der wichtige Informationen überbringt, und ich einen Schuhputzer, der heimlich einen Peilsender an der Sohle einer Schlüsselfigur anbringt.

Roßmann: Sie merken es, wir haben trotz der ernsten Themen unglaublich viel Spaß zusammen.


Designgeschichte Memphis lebt
Möbeldesign Frau zu sein

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 21.06.2022 15:16 Uhr