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Schule und Helikopter-Eltern : „Unterricht ist heilig“

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Morgens um halb acht in Deutschland: Stau vor einer Schule. Die Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto dorthin bringen möchten, sorgen selbst für die Unsicherheit. Bild: WAZ FotoPool

Durch den Brandbrief eines Stuttgarter Schulleiters hat die Diskussion um überfürsorgliche „Helikopter-Eltern“ gerade neuen Schwung bekommen. Wie viel Engagement ist gut, wo ist die Grenze zum Zuviel? Eine Direktorin berichtet.

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          Frau Schlüter, Sie sind Direktorin einer Gemeinschaftsschule in Stuttgart, ja sogar die geschäftsführende Schulleiterin der 70 Grund-, Werkreal- und Gemeinschaftsschulen dort. Einer Ihrer Kollegen hat sich vergangene Woche in einem Brief an Eltern darüber beschwert, manche von diesen störten massiv den Schulbetrieb; sie trügen ihren Kindern den Ranzen bis ins Klassenzimmer und verzögerten den Beginn des Unterrichts durch Gespräche mit den Lehrern. Ihr Kollege mag nicht mehr mit der Presse reden, vielleicht können Sie uns sagen: Was läuft schief im Verhältnis von Eltern und Lehrern?

          Die Gesellschaft läuft schief. Die Schule spiegelt nur das wider, was in der Gesellschaft passiert. Es gilt der Satz Maria Montessoris: Was nützt alle Erziehung, die Kinder machen uns doch alles nach. Das Thema Sicherheit und die Überwachung von Kindern spielt für Eltern heute eine große Rolle.

          Einige Eltern begleiten ihre Schüler in den Unterricht oder fahren mit dem Auto auf den Schulhof. Was steckt hinter diesem Verhalten?

          Das ist ein großes Thema. Eltern denken, wenn sie wissen, wo sich ihr Kind aufhält, ist es beschützt. Dagegen steht das Versprechen der Institution Schule, dass das Kind sicher ist, wenn es sich in der Schule aufhält. Vielfach fehlt heute das Vertrauen in die Schule und manchmal noch viel mehr in das eigene Kind. Rechtzeitig aufstehen und Kinder auf den Schulweg schicken, das klappt nicht, dann fährt man den Sohn oder die Tochter schnell und liefert sie mit dem Auto auf dem Schulhof ab. Ein anderes Thema ist die Distanzlosigkeit der Eltern. Sie nötigen den Lehrern, obwohl der Unterricht begonnen hat, noch Gespräche auf. Bei uns ist Unterricht heilig, das müssen wir transportieren. Die schnelle Befriedigung von Bedürfnissen und Ansprüchen ist ein Thema, das die Gesellschaft bewegt und das uns Kummer macht und manchmal daran hindert, unseren Beruf in Ruhe auszuüben.

          Immer wieder liest man, Eltern würden sich zu wenig um ihre Kinder kümmern. Viele kämen ohne Schulbrot und verwahrlost. Jetzt kümmern sich die Eltern, und es ist auch wieder nicht richtig.

          Unser Leben ist vielschichtig; alles, was man allgemein sagt, ist falsch. Wenn man genau hinguckt, gibt es Eltern, die sich zu viel kümmern, und wenige, die sich gar nicht kümmern. Beim großen Teil der Eltern läuft es gut.

          Sie haben vor einem Jahr eine Art Hausordnung entwickelt, was steht da drin?

          Wir haben zusammen mit Schülern, Eltern und Lehrern eine Schulordnung sowie eine Hausordnung entwickelt. In der Hausordnung sind die Anforderungen und das Verhalten von Schülern und Eltern formuliert: Ich bin pünktlich, ich achte auf Sauberkeit. Dann steht in der Hausordnung, wann das Sekretariat geöffnet ist, dass Eltern bitte nicht auf dem Lehrerparkplatz parken sollten und schon gar nicht auf dem Schulhof. Auch verlangen wir, dass Entschuldigungen bis sieben Uhr telefonisch gemacht werden. Das funktioniert gut, jeder hat diese Hausordnung bei sich zu Hause. Es geht auch um Handys und Regelverstöße, die auch geahndet werden. Wir weisen die Eltern auch daraufhin, dass die Gesetze öffentlichen Rechts auf dem Schulgelände gelten. Und natürlich sollen sich Eltern gern an die Schule wenden, wenn es Probleme gibt.

          Renate Schlüter
          Renate Schlüter : Bild: Rüdiger Soldt

          In der Gesellschaft schwindet das Vertrauen in Institutionen. Offenbar haben Eltern heute auch weniger Vertrauen in die Institution Schule und in die Lehrerschaft. Wo sehen Sie für diesen Vertrauensverlust die Ursachen?

          Der Grund ist der gesellschaftliche Wandel. Autoritäten werden heute ja grundsätzlich in Frage gestellt, das geht Ärzten oder Polizisten nicht anders. Insgesamt misstraut man Menschen, die Einfluss haben auf unser Leben. Das ist in einem gewissen Grad auch in Ordnung. Häufig wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Deshalb arbeiten wir hart für ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis. Wir setzen grundsätzlich voraus, dass die Eltern gute Eltern sein wollen und sie es gut meinen mit ihren Kindern. Wir erwarten dann aber auch, dass man uns zutraut, unseren Job gut und verantwortungsvoll zu machen.

          Findet sich das Problem der so genannten Helikopter-Eltern eigentlich in jeder sozialen Schicht?

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