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Digitale Überwachung : Wer sendet, sündigt nicht

  • -Aktualisiert am

Immer mehr Schüler in den Vereinigten Staaten sind zu jeder Zeit elektronisch zu orten. Aktivisten warnen vor dem Zugriff auf die Daten durch Fremde. Doch die wenigsten Eltern fürchten eine totale Überwachung.

          Es klingt nicht nur ein bisschen nach George Orwells „1984“: Im texanischen San Antonio tragen Schüler seit Ende August einen Chip mit sich herum, der ihre Ortung zu jeder Zeit ermöglicht. Mehr als 260 000 Dollar hat der Schulbezirk North Side in ein Versuchsprogramm investiert, das nicht nur Schwänzer und Zuspätkommer elektronisch ausmanövriert, sondern den Schulen helfen soll, öffentliches Geld zurückzugewinnen, das nach der Anzahl der täglich gezählten Schüler bemessen wird. Zwei Millionen Dollar an entgangenen Fördermitteln hofft man in San Antonio mit Hilfe der Chipkarten einzuholen.

          Die Chips enthalten einen winzigen Sender, der von in der Schule installierten Geräten ausgelesen werden kann und der Technik ihren Namen gibt: RFID, Radio Frequency Identification. So ist auf einen Blick zu erfassen, wer sich auf dem Schulgelände aufhält - und wo. „Denken Sie nur, wie wichtig das in einem Notfall sein könnte“, heißt es in einem Brief, den die John Jay High School an die Eltern ihrer 3000 Schüler verschickte, um das „Student Locator Project“ für dieses Schuljahr vorzustellen. Außerdem wird in dem Brief auf die Sicherheitsverbesserungen durch ein „massives Technologieprojekt“ hingewiesen, in dessen Rahmen digitale Kameras in den Klassenzimmern, auf dem Schulgelände und in Schulbussen installiert wurden. Eltern dürfen sich versichert fühlen, ihre Sprösslinge jederzeit orten zu können.

          „Sie werden die Anhänger einfach in ihre Spinde stecken“

          Alles unter Kontrolle also? Fast. Denn manche finden die Totalüberwachung von Kindern und Jugendlichen, wie sie schon an anderen Schulen in Texas, Kalifornien, Maryland und Illinois praktiziert wird, weder nötig noch wünschenswert. Die Aktivistin Katherine Albrecht etwa, die 1999 mit „Caspian“ eine Inititative gegen RFIDs gründete, macht schwere Bedenken im Hinblick auf die Privatsphäre der Kinder geltend, aber auch auf ihre Sicherheit und Gesundheit. „Diese Chips senden dauerhaft Signale aus, die Kleidung und Wände durchdringen, und sie können nicht abgeschaltet werden. Mit etwas technischem Verständnis kann jeder diese Signale verfolgen, auch außerhalb des Schulgeländes.“

          Zudem seien die gesundheitlichen Konsequenzen der Radiosignale zu wenig erforscht, sagt Albrecht, die mit ihrer Organisation eine Demonstration vor den betreffenden Schulen organisierte. Die John Jay High School und die Anson Jones Middle School im Westen von San Antonio mit insgesamt 4200 Schülern wurden für den einjährigen Testlauf ausgewählt, weil sie unter den 112 Schulen des Bezirks die niedrigsten Anwesenheitsquoten hatten.

          Andrea Hernandez, Zehntklässlerin an der John Jay High School, will den Anhänger nicht tragen, und sie glaubt, dass auch einige ihrer Mitschüler etwas dagegen haben, auf Schritt und Tritt überwacht zu werden. „Sie werden die Anhänger einfach in ihre Spinde stecken“, sagte sie dem örtlichen Nachrichtensender WOAI. Ihr Vater Steven zeigte sich vor laufender Kamera erbost: „Dies ist ein Schulbezirk, kein Regierungsgelände!“ Beunruhigend sei vor allem, sagt Andrea Hernandez, dass sich der Chip nicht ausschalten lasse wie etwa die Ortungsfunktion eines Handys. Sprecher des Schulbezirks heben dagegen hervor, die Chips würden nur so lange gelesen, wie die Kinder sich auf dem Schulgelände aufhielten. Jenseits davon seien sie außer Reichweite. Trotzdem mahnten besorgte Eltern an, dass auch Menschen mit verbrecherischen Absichten die Bewegungen ihrer Kinder von fern verfolgen könnten.

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