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Textilverleger Andreas Zimmer : „Auch die Queen ist unsere Kundin“

Pustet den Staub weg: Andreas Zimmer Bild: Marcus Kaufhold

Die Firma bietet Tapeten, Textilien, Möbel und, wenn es sein muss, auch Bettwäsche an: Was Apple in der Computerbranche ist, ist Zimmer und Rohde in der Textilindustrie – Top-Klientel inklusive.

          Es war ein Abenteuer ganz eigener Art. Als Andreas Zimmer die Leitung des Unternehmens seiner Familie in der vierten Generation übernahm, standen die Zeichen der Zeit schlecht. Der Umsatz fiel, die Verluste stiegen, und das Geschäftsmodell war kaputt. Die Fertigung war zu teuer, der Vertrieb zu klein, Chinesen rollten den Markt auf. Die Branche in Deutschland schrumpfte, und das Frankfurter Traditionshaus Haus Zimmer und Rohde schrumpfte mit. Vor der Gewinnrechnung stand ein dickes Minus, in der Bilanz waren mehr Schulden als Vermögen, in der Fabrik hinten im Hof hörte der große Schornstein über Nacht auf zu rauchen. Das war vor etwa 15 Jahren. Seitdem hat sich einiges getan.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Heute spricht Zimmer von modernen Hightech-Textilien, klassischen Stoffen und traditionellen Mustern. Er peilt die Umsatzmarke von hundert Millionen Euro an, hat eine kleine Markenfamilie unter seinem Dach versammelt und die ganze Welt im Blick. China und Europa, Indien und Amerika. Seine Kunden kommen aus den gehobenen Klassen, selbst das britische Königshaus lässt bei ihm kaufen. Gute Stoffe, teure Ware, große Qualität. Nur das Beste vom Besten. „Auch die Queen ist unsere Kundin“, sagt er und lacht. Mehr kann er nicht sagen. Über gute Kunden redet man nicht. Nur so viel: „Wir sind über unsere englische Tochterfirma Warner Fabrics einer der Lieferanten des Hofes.“

          Da geht es nicht nur um Seiden und elegante Stoffe; es geht um Erfolg, Stolz und das königliche Wappen an der Tür. Links der Löwe, rechts das Einhorn, in der Mitte das Schild mit der irischen Harfe, den bewehrten Leoparden und der Raubkatze Schottlands. „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“, steht auf dem Wappenband geschrieben. Britischer Humor, auch in den höchsten Kreisen. Der Buckingham-Palast hat die Dienste von Warner Fabrics gerade erneuert. „Für mindestens weitere fünf Jahre“, sagt Zimmer. Ein gutes Zeichen. Sein Haus ist auf Expansion. Nach den Krisen und der schwierigen Zeit hat er vor anderthalb Jahren die Rechte an der deutschen Markenikone Ado übernommen. Die mit der Goldkante. Etwas angestaubt, aber erste Wahl. Ein Coup.

          Eine Reihe neuer Marken, gekauft oder erfunden

          „Den Staub kann man wegpusten“, sagt der 60 Jahre alte Zimmer. „Und wenn er dann weg ist, hat man ein richtig schönes Schmuckstück im Markenportfolio.“ Einen guten Namen, einen Schub für den Umsatz in Millionenhöhe, Tausende weitere Kunden und eine neue Klientel. „Ado passt in unser Konzept“, sagt er und spricht von einem ordentlichen Preis, einer Mittelmarke, Verbundvorteilen, Synergieeffekten und dem neuen Werksgebäude im tschechischen Cheb. „Damit haben wir mehr Volumen. Wir können so unsere bestehenden Kapazitäten besser auslasten und uns zu den mittleren Kundenschichten hin öffnen.“ Der Kauf war ein weiterer Schritt auf einem langen Weg. Hat Zimmer doch die einstmals angeschlagene Firma seiner Familie komplett gedreht und gewendet - und nicht nur die.

          Neben Ado hat er in den vergangenen fünfzehn Jahren sieben weitere kleinere Konkurrenten geschluckt. Er erfand einige Marken oder kaufte sie zu. Der Stil seiner Stoffe reicht vom verspielten Barock bis zur Schlichtheit der klassischen Moderne, vom arabischen Rankenmuster bis zum britischen Blümchenstoff. Er bietet Tapeten, Textilien, Möbel und Posamente, wenn es sein muss, auch Bettwäsche. So hat Zimmer die Produktpalette aufgemischt und das Angebot erweitert, den Vertrieb globalisiert, die Fertigung geschlossen, den Umsatz auf 80 Millionen Euro verzehnfacht und die Schieflagen in der Bilanz zurechtgerückt. Er hat die Zahl der Mitarbeiter binnen anderthalb Jahrzehnten von weniger als hundert auf mehr als vierhundert gesteigert. Vor allem aber hat er neue Strukturen und ein neues Geschäftsmodell in das Haus eingezogen.

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